Aus und vorbei: Die ehemaligen Filialen von Lang – wie hier am Stuttgarter Marktplatz – sind geschlossen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Nach dem Ende der Bäckerei Lang im vorigen Herbst wird das Ausmaß der Misere immer deutlicher. Nun fordert der Insolvenzverwalter vom letzten Eigner des abgewickelten Traditionsunternehmens Schadenersatz in Millionenhöhe.

Stuttgart - Nach Jahren wirtschaftlichen Siechtums ist im vorigen Oktober die mehr als 80-jährige Geschichte der Bäckerei Lang mit einem Paukenschlag zu Ende gegangen. Insolvenzverwalter Wolfgang Bilgery brauchte nur wenige Stunden, dann war klar: Der Traditionsbetrieb, der damals größte Backfilialist der Region, war nicht mehr zu retten. Seither hat sich Bilgery einen Überblick über die desolate Lage im letzten Jahr von Lang verschafft.

Das Ergebnis wirft ein grelles Licht auf die Misere. Der erfahrene Jurist, der bei der Bäckerei bereits 2015 als Insolvenzverwalter tätig war, hat festgestellt, dass die Bäckerei Lang GmbH schon Ende September 2017 mit 2,8 Millionen Euro überschuldet gewesen ist. Schon damals lagen die Verbindlichkeiten des Filialbetriebs bei 5,3 Millionen Euro, das Vermögen betrug nur noch rund 2,5 Millionen Euro. Das Interessante an dem Befund: Zu dieser Zeit hatte der nachmalige Eigentümer von Lang, der Münchner Unternehmer Ilyas Kaya, die Lang GmbH noch gar nicht übernommen. Kaya hatte im Frühjahr 2017 zwar 47 Filialen der Bäckerei von der Münchner Quantum Capital Partners erworben, er wollte diese aber als reiner Filialist betreiben, wofür er die Café Lang GmbH gegründet hatte. Die Bäckerei Lang GmbH, zu der noch etwa 20 Läden in Stuttgart gehörten, sowie der Freiberger Produktionsbetrieb Topback blieben bei Quantum. Für Wolfgang Bilgery stellt sich die Frage, ob nicht schon die Münchner Beteiligungsgesellschaft Insolvenz hätte beantragen müssen.

Fatale Fehlentscheidung

Danach spitze sich die Lage weiter zu, wofür Ilyas Kaya beigetragen hat, ohne es zu wollen. Der Mittdreißiger entschloss sich, für seine Filialen der Café Lang GmbH nicht mehr alle Backwaren von Topback in Freiberg zu beziehen, die Lang-Produktion sollte nur noch Brot liefern. Damit trieb der Jungunternehmer die noch Quantum gehörende Produktion unbeabsichtigt in die Insolvenz, mit fatalen Folgen. Zwar hatte Kaya einen anderen, vermutlich günstigeren Lieferanten etwa für die Süßwaren, für das Brot aber fand er keine Alternative. So musste er im Herbst 2017 den nun insolventen Produktionsbetrieb von Lang übernehmen. Im November kaufte er dann auch noch den Rest der Bäckerei Lang GmbH von Quantum.

Nun hatte Ilyas Kaya alle Teile des Unternehmens in der Hand. „Das war eine Nummer zu groß für ihn, dem war er nicht gewachsen“, sagt Wolfgang Bilgery über den Jungunternehmer, der bis dahin mit seiner Firma Mocca Tec im Vertrieb, der Reparatur und dem Service von Kaffeemaschinen tätig war. Bis Ende Oktober 2018, als das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, stieg die Überschuldung des Unternehmens auf 6,9 Millionen Euro. Die Verbindlichkeiten lagen da sogar schon bei rund 7,6 Millionen Euro, das Betriebsvermögen war inzwischen auf 700 000 Euro zusammengeschmolzen.

44 Zwangsvollstreckungsaufträge

„Spätestens im Frühjahr 2018 ist die Zahlungsunfähigkeit der Bäckerei Lang GmbH eingetreten“, stellt der Insolvenzverwalter Bilgery fest. Von März an wurde das Geschäftskonto des Unternehmens „21-mal von Gläubigern gepfändet“, seit dieser Zeit seien beim Amtsgericht Ludwigsburg „44 Zwangsvollstreckungsaufträge eingegangen“. Darunter waren etwa Lieferanten, die endlich ihr Geld wollten, aber auch Krankenkassen, weil die Sozialbeiträge für die noch rund 200 Mitarbeiter nicht mehr vollständig abgeführt wurden. Die Beschäftigten bekamen für den August einen Teil des Lohnes, für September und Oktober blieb Kaya diesen aber schuldig. Mitte Oktober hatten die Mitarbeiter die Nase voll, legten die Arbeit nieder und zwangen den Eigentümer, endlich Insolvenz zu beantragen.

Dass er diesen „verspätet gestellt hat“, so Bilgery, dürfte den Jungunternehmer noch teuer zu stehen kommen. Nach geltendem Gesetz ist, wer trotz Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit keinen Insolvenzantrag stellt, zum Ersatz der Zahlungen verpflichtet, die das Unternehmen nach dem Eintritt der finanziellen Schieflage geleistet hat. Wolfgang Bilgery hat eine Schadenersatzforderung von 5,4 Millionen Euro errechnet, die er vorige Woche gegenüber Ilyas Kaya geltend gemacht hat. Eine Antwort liege noch nicht vor. Und die vorliegende Rechnung betrifft nur die Bäckerei Lang GmbH mit Filialen und Betrieb, die für den Produktionsbetrieb steht noch aus. Was den Gesamtschaden angeht, mache die jetzige Summe aber „den größten Batzen“ aus.

Staatsanwaltschaft prüft noch

Für den Fachanwalt steht fest, dass der Insolvenzantrag zu spät gestellt wurde. Daraus lässt sich aber nicht automatisch schließen, dass es sich um Insolvenzverschleppung handelt. Die Staatsanwaltschaft prüfe noch, ob dieser strafrechtliche Tatbestand vorliegt, sagt Pressestaatsanwalt Heiner Römhild. Der Behörde liegt auch eine entsprechende Anzeige vor. Es gibt aber eine ganze Reihe von Kriterien, die erfüllt sein müssen, dass es zu einer Anklage wegen Insolvenzverschleppung kommt. Römhild: „Die Vorprüfung kann noch eine Weile dauern.“

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