Der Feuerbacher Büttel hofft auf zahlreiche Einsätze in der Zukunft. Foto: Müller-Baji

Schwäbisch bruddeln, international helfen: In der Rolle des Feuerbacher Büttels sammelt Jürgen Kaiser Spenden für die Flüchtlingsarbeit in Jordanien.

Feuerbach - „Schellet Se net mit sellerer Schell, weil selle Schell schellt net!“ geht wohl nur Urschwaben fließend von den Lippen. Jürgen Kaiser haut den Satz raus, während er gedanklich schon wieder bei der Feuerbacher Ortsgeschichte ist. Die bringt der Buchautor, Pfarrer und Medienmann im Ruhestand seinen Gästen als „Feuerbacher Büttel“ nahe. Und sammelt damit Spendengelder für die Flüchtlingsarbeit der evangelischen Schneller-Schule in Jordanien.

Als der Bürgerverein anfragte, ob Kaiser historische Rundgänge durch den Stadtbezirk anbieten wolle, machte der gleich Nägel mit Köpfen: Eine Symbolfigur musste her, eine Art menschlicher Talkrabb mit Befugnissen und entsprechender Autorität: Der „Feuerbacher Büttel“ war geboren – und kommt mit seinem Gehrock und seiner Handglocke auch optisch so daher, wie ihn zeitgenössische Darstellungen beschreiben.

Einst ein begehrter Posten

Seit einem Erlass von 1807 hatte jede Gemeinde einen Büttel, der Amtsbote, wandelndes Mitteilungsblatt und unterste Ortspolizeibehörde in Personalunion war. In den allermeisten Fällen bekleidete er sein Amt nebenher, war eigentlich Bauer. Aber der Posten war begehrt, weil lukrativ und mit ein paar Machtbefugnissen verbunden, wie Jürgen Kaiser lachend erzählt. Es menschelte sogleich gewaltig – eine gewisse Bestechlichkeit war wohl alltäglich, mit einem Hintertürchen in den offenen Amtsmissbrauch.

Entsprechend sperrig ist nun auch der Feuerbacher Büttel angelegt, schimpft über „selle Plaschtikguck“, jene Plastiktüte da, die man auch gleich in den Mülleimer hätte entsorgen können. Jenseits des Bruddlertums ist der Büttel eine wahre Fundgrube an Wissen über die Schwaben allgemein und die Feuerbacher im Besonderen. Jürgen Kaiser kennt sich aus: Er hat eine ganze Serie an Büchern über die Mentalität der Schwaben, ihre Leibgerichte, ihren speziellen Humor und ihren Erfindergeist veröffentlicht.

Wie kommt man heute an so eine Büttel-Ausstattung? Clever und pfiffig: Der Gehrock ist einem preußischen Waffenrock von 1860 nachempfunden, „echt Kunstfaser von der Stange, gefunden in einem Kölner Karnevalsbedarf“, lacht Kaiser. Die Mütze gehört zu einer Uniform der Bundesmarine die Rangabzeichen eines Oberbootsmannmaats hat er entfernt. Die Glocke bezog er von einem englischen Schulausstatter und die Tasche kommt aus polnischen Armeebeständen und war das Geschenk eines Gastes bei der allerersten Büttel-Führung im Herbst. „Meine Honorare für die Stadtführungen und übrigens auch für meine Autorenlesungen gehen an die Schneller-Schule in Amman“, erzählt der Wahl-Feuerbacher.

Unterricht für Flüchtlingskinder

Die führt die Arbeit des vom deutschen Pfarrers Johann Ludwig Schneller (1820 - 1896) erbauten „Syrischen Waisenhauses“ weiter und hat zum Ziel, jungen Menschen religionsübergreifend Schulbildung, berufliche Qualifizierung und eine „Erziehung zum Frieden” zu ermöglichen. Hier werden auch Flüchtlingskinder unterrichtet, die in Jordanien sonst keinen Zugang zu Schulbildung haben.

Mit dem Lockdown sind nun aber auch Jürgen Kaisers Möglichkeiten stark eingeschränkt. Er hofft auf die Zeit nach Corona und will dann als „Feuerbacher Büttel“ nicht nur für den Bürgerverein auf Stadtrundgang gehen: „Ich könnte mir das auch gut für besondere Geburtstage vorstellen oder als Ersatz für Firmenfeiern.“ Sagt der Büttel, schellt noch mal und macht sich auf zum Rundgang durch Feuerbach.