Mops und Macho – auch eine Möglichkeit Foto: Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs Photographie

Im „postfaktischen“ Zeitalter steckt die Wahrheit mehr denn je im Schein: Ein dreitägiges Festival im Literaturhaus Stuttgart hat sich mit allen Facetten der Hochstapelei in Geschichte und Gegenwart befasst.

Stuttgart - Die schönste Geschichte schüttelt der Autor Sasa Stanisic aus dem Ärmel: Er stamme aus einer Familie voller Hochstapler, erzählt er am ersten Abend des allen Spielarten dieses Typus gewidmeten Festivals im Stuttgarter Literaturhaus. Sein Vater habe seiner Mutter weisgemacht, er könne Gitarre spielen, was dieser sehr imponiert habe, in Wirklichkeit aber eine glatte Lüge war. Stanisic lässt offen, ob der Schwindel jemals aufgeflogen ist. Nur dann nämlich, so lernt man an diesen drei Tagen, wird der Hochstapler zu dem, was er ist, wenn seine Machinationen aufgedeckt werden, sein Spiel mit angemaßten Identitäten scheitert.

Aber was heißt hier lernen? Es gehört zum Reiz dieser Art von Erkundungen, die die Leiterin des Literaturhauses, Stefanie Stegmann, und ihre Mitstreiterinnen Kathrin Hartmann und Ann-Christin Bolay zu einem Markenzeichen ihrer Stuttgarter Umtriebe gemacht haben, dass hier zwar sehr relevante aktuelle Fragen gestellt werden, ihre Beantwortung aber eben nicht in Form strenger Unterweisung erfolgt, sondern als blitzendes, assoziativ schweifendes, kluges Spiel.

Und so ist man eben nicht Teilnehmer eines Kongresses, in dem etwa der überspannte Selbstmodellierungsimperativ der Leistungsgesellschaft moralisch gegeißelt würde, sondern viel eher Gast eines Festes – trotz der hohen Wissenschaftlerdichte. Das schillert in allen Farben, trickst und zaubert, um dem Besucher einen Begriff von der höheren Kunst der Hochstapelei zu vermitteln. Stanisic jedenfalls beherrscht, anders als sein Vater – wenn die Geschichte denn stimmt – sein Instrument. Seinen Ruf als Experte in Fragen ästhetischer Täuschungsmanöver aller Art verdankt er vor allem dem Titel seines jüngsten Erzählbands „Fallensteller“.

Die Geschichte eines gewissen Rosenstengel

Lauterer und ernsthafter freilich als er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller erscheint, kann man sich jemanden kaum denken, der mit Fiktionen den Lesern den Kopf verdreht und ihren Schauplatz, etwa das uckermärkische Dorf Fürstenfelde, in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen verwandelt, in dem Lüge und Wahrheit enge Nachbarschaft pflegen.

„Ich sitze hier nicht als Frau“, sagt der Querdenker, Musiker, Autor und Feminist Thomas Meinecke, was angesichts seiner leibhaften Erscheinung wohl auch niemand vermutet hätte. Zusammen mit Angela Steidele reist er über die Grenzen der binären Geschlechteridentität hinaus: er im theoriegesättigten Sound seines neuen Romanvehikels „Selbst“, sie als raffinierte Quellenfälscherin. Im später eingestürzten Kölner Stadtarchiv will Steidele auf Dokumente gestoßen sein, in denen sich die Geschichte eines gewissen „Rosenstengel“ widerspiegelt, einer Knopfmacherin und Soldatin „mit lederner Wurst“ zwischen den Beinen, die sich als Mann tarnte, eine Frau heiratete und 1721 wegen Sodomie, wie man Homosexualität damals nannte, hingerichtet wurde.

Die Erkenntnis der Welt als Täuschung besitzt hier wie dort emanzipatorisches Potenzial. Wo sich die Wirklichkeit unwirklicher als jede Erfindung und das Leben auch nur als Kunst erweist, lösen sich feste Zuschreibungen auf. Meinecke knüpft daran die Hoffnung auf eine weniger hierarchisierte, gewaltfreie Form der Sexualität. Skeptischer äußert sich Steidele, sie verweist auf die vielerorts zunehmende Hetze gegen Homosexuelle.

Ein Rockefeller aus Bayern

In einem Nebenraum schraubt unterdessen das Fotografenduo Frank Bayh und Steff Rosenberger-Ochs schon einmal die Gesichter von Festivalbesuchern auf Körper ihrer Wahl: tätowierte oder anabolikagestählte Luxusleiber beiderlei Geschlechts, die ganz im Sinne Meineckes und Steideles vornehmlich in kreuzweiser Zugehörigkeit montiert werden. Bisweilen sogar mit Blick ins Tierreich.

Das gilt auch für die Verwandlungen des falschen, aus Bayern stammenden Rockefellers, wie sie die Künstlerin Sara-Lena Maierhofer in ihrer Ausstellung „Dear Clark“ erzählt. Er lebte unter verschiedenen Identitäten in den USA. Maierhofer erfindet in einer Art Fotoerzählung seine ­erfundene Geschichte neu, unter anderem in Gestalt des Octopus mimicus, der in der Lage sein soll, andere Meeresbewohner täuschend echt zu imitieren. An einer Wand hängt sein Abschlusszeugnis. Darin heißt es: „Herr Gerhartsreiter verfügt über eine gute Allgemeinbildung und ist vielseitig ­interessiert.“

Ähnliches könnte man auch von den Literaturwissenschaftlern Dorothee Kimmich und Peter Porombka sagen, die zusammen mit dem Soziologen Ulrich Bröck­ling höchst unterhaltsam in die Heroengeschichte der Hochstaplerfigur blicken. Denn darin sind sie sich einig: deren große Zeit ist vorbei. Wohl gibt es die Erben Felix Krulls auch heute noch, aber dass eine Gesellschaft sich in ihnen erkennt, ist untrennbar mit den Bedingungen der Moderne verknüpft, in der der Mensch den Boden unter den Füßen verliert, aus allen tradierten Bindungen fällt und gehalten ist, sich selbst zu schaffen.

Im Netz ist der Schein übermächtig geworden

Der Hochstapler habe den nietzscheanischen Mut, sein Leben auf der Schwelle zu bauen, erkennt die Tübinger Literaturwissenschaftlerin Dorothee Kimmich an. Sein windiger Posten sei untrennbar verbunden mit der Entwicklung der Medien, deren er zu seiner Darstellung bedarf. Seine Geschichten führten schließlich nicht nur zu einer Demaskierung seiner selbst, sondern auch der Gesellschaft, die sie glaubt. Doch im Netz funktionieren sie nicht mehr: „In der virtuellen Realität springt kein Funke zwischen Sein und Sein über, weil der Schein so mächtig geworden ist“, sagt Stefan Porombka.

Die Hochstapler von heute pflegen Impression-Management oder wollen amerikanischer Präsident werden. Im „postfaktischen“ Zeitalter, das sich mit einem Kandidaten wie Donald Trump und dem grassierenden Populismus ankündigt, zehrt der allmächtige Schein jegliches Wahrheits­moment auf, triumphiert die emotionale Wirkung über die Tatsachen. Zu welchen konfusen Reaktionen dies führt, erläutert die Schriftstellerin Kathrin Röggla mit einem kürzlich in Österreich auf­geschnappten Bekenntnis einer älteren FPÖ-Wählerin: „I hob den Hofer gwählt, oba i hoff, dass er’s net wiad.“

Doch es gibt sie noch, die Partisanen der Täuschung, die den übermächtigen Verblendungszusammenhang in die eigene Falle laufen lassen. Andy Bichlbaum von der amerikanischen Performance-Gruppe der Yes Men ist einer von ihnen. Er erzählt, wie er in seinen Aktionen in die Rolle des Sprachrohrs von Konzernen und Parteien schlüpft, um deren unethische Absichten und Verfahren offenzulegen. Eines seiner Mittel ist die hemmungslose Übertreibung und Zuspitzung. Und während man ihm so zuhört, hofft man klammheimlich, dass es in Wirklichkeit dieser Bichlbaum sei, der in auf­klärerischer Absicht hinter manchen absurden populistischen Positionen der einschlägigen Bewegungen sein Unwesen treibt.

Wohl vergeblich. Doch wo die Lüge total geworden ist, bedarf es des Schwindlers, um die Wahrheit auszusprechen.

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