Ferdinand Piëch ist im Alter von 82 Jahren verstorben. Foto: dpa

Ferdinand Piëch hat die Autoindustrie geprägt wie kaum ein Zweiter. Der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche galt als begnadeter Ingenieur und hat den VW-Konzern zu dem gemacht, was er heute ist: zu einem weltumspannenden Megakonzern. Am Sonntag ist der Patriarch überraschend gestorben.

Stuttgart/Wolfsburg - Bei seinem letzten Auftritt in Stuttgart wirkte der Autogigant Ferdinand Piëch stiller als sonst und blickte zweitweise starr ins Leere. Das war im Mai 2017 auf der Hauptversammlung der Porsche SE. In der Stuttgarter Holding ist die Mehrheit der VW-Anteile gebündelt. Vorausgegangen waren Jahre, in denen Piëch, der einst mächtigste Mann in der Autoindustrie, sich zunehmend von der Öffentlichkeit verabschiedet hat. Nun ist der letzte große Patriarch der Branche im Alter von 82 Jahren verstorben.

Mit dem Tod von Piëch geht für Volkswagen und die deutsche Automobilindustrie eine Ära zu Ende. Der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche galt als begnadeter Ingenieur und hat das Wolfsburger Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist: zu einem weltumspannenden Megakonzern, der vom Kleinwagen bis zum Schwerlaster alles anbietet, was auf den Straßen rollt - bis hin zum Supermotorrad der Marke Ducati.

Ihr Mann sei am Sonntag „plötzlich und unerwartet verstorben“, teilte Ursula Piëch, die Witwe die Autogiganten, am Montagabend mit. „Das Leben von Ferdinand Piëch war geprägt von seiner Leidenschaft für das Automobil und für die Arbeitnehmer“, schreibt sie. Er sei bis zuletzt ein begeisterter Ingenieur und Autoliebhaber gewesen. Die Beisetzung soll im engsten Familienkreis stattfinden.

Strippenzieher und Königsmacher

Der in Wien geborene Piëch stand viele Jahre mitten im Machtzentrum des VW-Konzerns. Der frühere Audi-Chef war von 1993 bis 2002 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen und führte danach lange Zeit den Aufsichtsrat – als maßgeblicher Protagonist der Familien Porsche und Piëch, der VW-Großaktionäre. Seine Macht schien zeitweilig unbegrenzt, 2012 hievte er sogar seine Frau Ursula in den VW-Aufsichtsrat. Piëch galt als mächtiger Strippenzieher und Königsmacher hinter den Kulissen.

Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff des Wolfsburger Imperiums, das die Autowelt beherrscht. Kritiker sehen in dieser Führungskultur, die von Piëchs späterem Nachfolger an der Unternehmensspitze, Martin Winterkorn, übernommen wurde, aber auch einen Grund für den Dieselskandal, der die Existenz von Volkswagen vor fast vier Jahren in Gefahr brachte. Durch den von Piëch eingeführten Managementstil konnte nach Ansicht von Kritikern über viele Jahre ein System der Angst entstehen, in dem Ingenieure lieber manipulierten, als zugaben, dass Abgasgrenzwerte nicht eingehalten werden konnten. Die Diesel-Krise, die bei VW ihren Ausgang nahm, hat inzwischen auch andere Hersteller wie Daimler erfasst.

Detailverliebter Autonarr

Der detailverliebte Autonarr lenkte das immer größer werdende VW-Imperium mit strenger Hand, ehe er sich von seinem Lebenswerk entfremdete. Die Entfremdung war auch das Ergebnis eines beispiellosen Machtkampfes mit dem bis 2015 amtierenden Winterkorn. Piëchs Leben war geprägt von solchen Auseinandersetzungen. Er war es gewohnt, mit einem Wörtchen Karrieren beenden zu können – so wie damals 2009 als er während der Übernahmeschlacht von Porsche gegen VW den damaligen Porschechef Wendelin Wiedeking absägte. Auf die Frage, ob Wiedeking noch sein Vertrauen genieße sagte Piëch: „Zurzeit noch“, und fügte dann hinzu: „Das „Noch“ können Sie streichen.“

Als er sich aber im April 2015 mit Winterkorn anlegte, zog er den Kürzeren. Damals säte er Zweifel an Winterkorn, um ihn als Nachfolger an der Spitze des Aufsichtsrats zu verhindern: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, zitierte ihn der „Spiegel“ damals. Doch womit Piëch selbst wohl am wenigsten rechnete, trat ein: Sowohl der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh und die IG Metall als auch das Land Niedersachsen stützten Winterkorn.

Entfernung vom Lebenswerk

Am 25. April 2015 erklärte Piëch seinen Rücktritt von allen Aufsichtsratsmandaten im VW-Konzern. Dazu kam, dass auch die ohnehin konfliktträchtige Beziehung zum Porsche-Clan eskalierte: Der Patriarch hatte sich ins Abseits manövriert, nachdem er das Aufsichtsratspräsidium von VW, dem auch Wolfgang Porsche angehört, im Abgasskandal schwer belastet hatte.

Im Frühjahr 2017 schließlich verkündete Piëch, dass er sich bis auf einen kleinen Rest von seinem Anteil in Höhe von 14,7 Prozent an der Porsche SE trennen will. In einem finanziellen Kraftakt übernahm dessen Bruder Hans Michel Piëch das Paket und verkaufte einen Teil davon weiter an Mitglieder des Porsche-Stamms. Somit blieben sämtliche Stammaktien der Stuttgarter Porsche-Holding in der Familie.

Piëch hinterlässt eine große Familie. Er ist Vater von zwölf Kindern aus vier Beziehungen und hat doppelt so viele Enkelkinder. In seinem Arbeitsumfeld wurde er gefürchtet. Privat soll er jedoch ein warmherziger Familienmensch gewesen sein.

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