Fatih Çevikkollu freut sich auf sein Publikum. Dem er erklären will, dass es gar keine Bio-Deutschen gibt. Foto: Renitenztheater

Mit Klischees kann der Kabarettist Fatih Çevikkollu ganz gut leben. Bei der Deutsch-Türkischen Kabarettwoche, die am 12. April startet, will er sie als Aufhänger für Irritationen nutzen.

Stuttgart - Der Kabarettist und Schauspieler Fatih Çevikkollu tritt am 20. April 2019 im Rahmen der Deutsch-Türkischen Kabarettwoche im Renitenztheater auf. Im Interview erklärt er, warum es nicht nur Deutsch-Türken, sondern auch Deutsch-Deutsche gibt.

Herr Çevikkollu, was halten Sie von der Deutsch-türkischen Kabarettwoche?

Ich finde die Deutsch-Türkische Kabarettwoche genial. Wenn wir da zusammenkommen, geht so dermaßen die Kuh fliegen! Das ist einfach ein Fest. Das Publikum setzt sich zusammen aus Deutsch-Deutschen und Deutsch-Türken. Es herrscht eine richtig gute Stimmung, man ist auf Augenhöhe und hat ein Bewusstsein für alle gesellschaftlichen Themen. Diese Publikumszusammenstellung ist einzigartig.

Der Begriff „deutsch-deutsch“ taucht auch in Ihren Programmen auf.

Das sorgt im Publikum oft für Unsicherheit. Ich frage dann gern, woher diese Unsicherheit kommt. Was glauben Sie denn, was Sie sind? Bio-Deutsch? Das gibt es nicht. Niemand ist bio-deutsch, das ist Quatsch. Es gibt deutsch-deutsch, deutsch-spanisch, deutsch-türkisch, deutsch-französisch – deutsch-plus eben. Und dann gibt es noch Russlanddeutsche, das sind noch mal andere.

Werden bei deutsch-türkischer Comedy Klischees nicht oft auch verhärtet?

Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Man kann das Klischee als Einstiegspunkt nehmen und einer Wendung zuführen, die durch Irritation für Überraschung und neue Gedankengänge sorgt. Klassisches Beispiel: Jeder Mensch, der deutsch-plus ist, davon gibt es ja doch eine Menge hier bei uns, kennt den Satz „Sie sprechen aber richtig gut deutsch“. Meine Antwort darauf ist immer: „Danke schön! Ich wünschte, ich könnte dasselbe von Ihnen behaupten.“

Wie sind die Reaktionen?

Das sorgt für Irritation. Das Gegenüber nimmt das schon fast als unverschämt wahr. Aber diese Antwort bietet auch die Chance, zu begreifen, wie unverschämt es ist, jemandem, der hier geboren und aufgewachsen ist, zu sagen: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Das hat schon etwas, wenn nicht Unverschämtes, so doch Unsensibles oder Unreflektiertes. Das Gros der Menschen mit einem Plus ist hier nämlich so dermaßen heimisch, wie man nur heimisch sein kann. Das möchte ich doch bitte wahrgenommen wissen.

Zuletzt war das Thema „Migrationshintergrund“ durch den Hashtag #vonhier in den Medien. Es ging unter anderem darum, ob schon die Frage „Woher kommst du?“ diskriminiert.

Das begann ja mit Dieter Bohlen, der bei einer Talent-Show mit einem kleinen Mädchen sprach.

Dessen Mutter Thailänderin ist.

Die Situation ist erst mal völlig normal und natürlich und gut. Dieter Bohlen fragt: „Woher kommst du?“ Und das Mädchen sagt: „Ich komme aus Herne.“ Aber dann muss es weitergehen. Sie kommt aus Herne. Punkt. Unangenehm wird es in dem Moment, in dem der Fragende mit der Antwort nicht zufrieden ist. Ab da verlässt man die Komfortzone, ab da geht es um Deutungshoheit, ab da spricht die Dominanzgesellschaft mit einer Minderheit. Dass Bohlen dann nicht aufhört und nachbohrt, stellt die Selbstverständlichkeit des Daseins in Frage.

Wird Menschen mit Migrationshintergrund das Deutschsein von der Gesellschaft abgesprochen?

Gesellschaft ist die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichkeiten. Diese Unterschiede gilt es wahrzunehmen und als Teil unserer Gesellschaft zu sehen. Man muss das nicht feiern, man muss es nicht abwerten – es ist einfach so. Und so wie es ist, ist es gut.

Sie weisen in Ihren Programmen immer wieder darauf hin, dass Sie auf die türkische Politik und Erdogan nicht allzu stark eingehen können, weil Sie genug zu tun hätten mit Seehofer und Konsorten. Was, bezüglich der deutschen Politik, treibt Sie derzeit um?

Ich freue mich zu sehen, dass junge Menschen bei den „Fridays for Future“ für Klimaschutz auf die Straße gehen. Für uns Erwachsene ist das ein absolutes Armutszeugnis, wenn die Eltern das Kind mit dem SUV in die Schule fahren und das Kind am Freitag demonstrieren geht. Ich habe zu meiner Tochter gesagt: „Wenn du am Freitag in die Schule gehst, haben wir ein Problem!“ Dann gibt es Politiker wie Christian Lindner, die verkünden, man solle Klimaschutz bitte den Profis überlassen und nicht den Kindern. Dazu möchte ich vermerkt wissen: Die nächsten Wahlen stehen vor der Tür. Wer die FDP wegen Christian Lindner wählt, der wählt auch die Piraten wegen Johnny Depp.

Letztes Jahr bei der Deutsch-Türkischen Kabarettwoche erzählten Sie von einem Gastspiel in der Türkei, bei dem Sie angesichts der dortigen politischen Lage durchaus „Puls gehabt“ hätten. Wann sind Sie zuletzt in der Türkei aufgetreten?

Im Oktober 2018 in Ankara. Das war ein großartiger Abend, wunderschön. Ich habe natürlich vorher sämtliche Verfassungsschützer und Geheimdienstmitarbeiter persönlich begrüßt. Das ist fast noch schöner als bei der deutsch-türkischen Kabarettwoche!

Info: Zusammen mit dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart veranstaltet das Renitenztheater die Deutsch-Türkische Kabarettwoche zum 15. Mal. Eröffnet wird sie am 12. April mit einem Podiumsgespräch zum Thema „Diversität als Stärke oder Die Einheit hinter den Gegensätzen“. Daran nehmen teil: Die Kabarettistin Idil Baydar, der ehemalige Fußballer und Integrationsbeauftragte des DFB, Cacau, sowie der VfB-Ehren-Präsident Erwin Staudt und der Unternehmer Muhammet Yildiz.

Zu den Künstlern, die vom 12. bis zum 21. April auftreten, zählen unter anderen Idil Baydar, Tan Caglar, Özgür Cebe, Muhsin Omurca und Fatih Çevikkollu.

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