Andrea Röhm ist seit fünf Jahren Sonnenkinder-Patin – und Odin besucht sie ausgesprochen gerne. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wenn keine Großeltern vor Ort sind und es vielleicht auch noch zusätzliche Erschwernisse gibt, können junge Familien schnell an ihr Limit kommen. Das Projekt Sonnenkinder setzt da an – und vermittelt Patinnen. Wir haben eine von ihnen begleitet.

Stuttgart - Der Besuch ist da – und Odin haut erst mal ordentlich auf den Tisch. Den Schnuller im Mund, schaut er aufgeweckt um sich. Aufmerksamkeit ist dem kleinen Charmeur aber ohnehin sicher. „High Five – Flosse, Genosse“, ruft ihm seine Mama Johanna zu – Odin streckt eine Hand hoch in die Luft. Wenig später sitzt der Einjährige bei Andrea Röhm auf dem Schoß und schaut sich mit ihr ein Buch an. Die 51-Jährige ist Patin bei dem Projekt Sonnenkinder und besucht die Stuttgarter Familie seit April 2018 ein Mal in der Woche. Sie und Odin sind ein eingespieltes Team. Wenn Odin lacht, strahlt auch sie – und umgekehrt.

Das Caritas-Projekt zählt zu den frühen Hilfen in Stuttgart. Einzigartig bei Sonnenkinder ist, dass nicht nur hauptamtliche Mitarbeiterinnen im Einsatz sind, sondern auch ehrenamtliche Patinnen. Die angestellten Fachkräfte klopfen an die Türen von allen frischgebackenen Müttern im Marienhospital und der St. Anna-Klinik (die Frauenklinik und das Robert-Bosch-Krankenhaus werden von Mitarbeiterinnen des Jugendamts besucht); sind die Mütter unsicher, wie sie die Anfangszeit meistern sollen, kommen die Helferinnen auch nach der Entlassung zu ihnen. „Meist geht es darum, die Eltern zu bestärken“, erklärt Inge Himmel, die Projektleiterin von Sonnenkinder. Wie halte ich mein Baby? Was mache ich, wenn es nicht aufhört zu schreien? Da viele Mütter keine Hebamme fänden, seien sie oft sehr dankbar. Dabei stellt Himmel klar: „Wir haben immer den Blick aufs Kind“, die fehlende Hebamme könnten sie nicht ersetzen.

Die aufsuchende Familienhilfe teilt sich die Caritas mit der Evangelischen Gesellschaft. Die Fachkräfte sollten aber nicht mehr als 15 Stunden in einer Familie verbringen. Deshalb vermittelt Sonnenkinder ehrenamtliche Patinnen, wenn der Unterstützungsbedarf länger gegeben ist: zum Beispiel, weil keine Großeltern in der Nähe sind oder ein Kind krank geboren wurde. „Wir haben auch gut situierte Familien, die wir unterstützen“, betont Himmel.

Das Geld ist knapp in der Familie

Auch Odins Großeltern sind weit weg. „Es ist einfach super, dass Frau Röhm kommt“, sagt Mutter Johanna, die nur ihren Vornamen nennen will. Das Geld ist knapp in der Familie, die von Leistungen des Jobcenters lebt. Sie sei darauf angewiesen, im Tafel-Laden einzukaufen. Mit Kinderwagen darf man nicht und mit Odin auf dem Arm will sie dort nicht rein. „Das ist mir zu gefährlich, da wird geschubst“, sagt die 29-Jährige, die früher im Tafel-Laden an der Kasse gearbeitet hat; Odins Vater Klaus war damals ihr Kollege, er stand hinter der Bäckertheke.

Während Johanna also einmal die Woche im Tafelladen einkauft, kümmert sich Andrea Röhm um den Jungen. Meistens fährt sie ihn spazieren. Sie steht Johanna aber auch mit ihrer Erfahrung zur Seite, indem sie zum Beispiel Tipps zur Ernährung gibt oder rät, was bei Kinderkrankheiten gut hilft.

Kinder hat die Mutter zweier erwachsener Kinder schon immer gerne um sich gehabt. Früher hat Andrea Röhm als Arzthelferin in einer Kinderarztpraxis gearbeitet, war dann Hausfrau und hat viele Jahre lang bei der Hausaufgabenbetreuung geholfen. Als sie zufällig in der Zeitung über Sonnenkinder las, dachte sie: Das ist es. Seit fünf Jahren ist sie Patin. Einmal war sie zum Beispiel bei Eltern mit Zwillingen, eines davon mit Herzfehler. Damit die Mutter im Krankenhaus sein konnte, hat sie sich um den gesunden Zwilling gekümmert. Ein anderes Mal war sie nur für ein Vierteljahr in einer Familie. Da hat es nicht so gut gepasst, wie bei Odins Eltern, die ihre Hilfe „sehr gut annehmen“ könnten.

Zu dritt leben sie in einer Einzimmerwohnung

Andrea Röhm beeindruckt, wie klaglos das Paar mit der Situation umgeht, zu dritt in einer beengten Einzimmerwohnung zu leben. Ohne Rückzugsmöglichkeiten, ohne Stauraum. Dass Odin der Mittelpunkt für seine Eltern ist, kann man sehen: Kuscheltiere, Spielzeug, Hochstuhl, Kinderbücher, Laufstall – seine Sachen dominieren den Raum. „Es ist halt sehr eng – und jetzt, da er läuft, wird es noch schwieriger“, sagt Vater Klaus, sie suchen deshalb schon länger nach etwas Größerem. Der 46-Jährige war früher obdachlos. „Ich komme eigentlich aus reichen Verhältnissen, aber mit 13 bin ich zuhause rausgeflogen“, erzählt der Veranstaltungstechniker, der momentan als Ein-Euro-Jobber arbeitet. Odin wird in anderen wirtschaftlichen Verhältnissen groß werden als er, aber an Liebe soll es ihm nicht mangeln. „Er ist mein Nesthäkchen“, sagt Klaus, der drei erwachsene Kinder hat, dankbar.

Nicht mehr lange, dann wird Andrea Röhm sich aus der Familie verabschieden. Bis zu einem Jahr helfen die Patinnen, dann werden sie neu vermittelt. Denn: „Der Bedarf ist groß“, sagt Inge Himmel, die immer auf der Suche ist nach Frauen, die sich vorstellen können, sich als Patin zu engagieren.

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