Auf dem Smartphone des Fahrers scannt der Beifahrer einen QR-Code, die Geräte werden in diesem Moment geortet. Damit ist klar, dass die beiden Geräte zu einer bestimmten Zeit am gleichen Ort waren – und die Nutzung der App gilt als dokumentiert. An diesem Tag gibt es dann einen reservierten, gut gelegenen Parkplatz. Foto: factum/Andreas Weise

Daimler experimentiert mit einer Fahrgemeinschaften-App,die Millionen Kilometer einsparen und auch noch Geld einbringen soll

Stuttgart - Jeden Tag fährt Erdinc Colac aus Karlsruhe 70 Kilometer weit ins Daimler-Werk Sindelfingen. Oft steht er mehr im Stau, als zu fahren. Doch die Alternativen zu dieser Zeitverschwendung waren bisher rar gesät. „Ich bin alleine zur Arbeit gekommen und allein wieder zurückgefahren, das war’s dann auch.“ Bis eine App kam, mit der Daimler den Beschäftigten in Sindelfingen ermöglichte, sich untereinander zu vernetzen, um sich auf dem Weg zur Arbeit ein Auto zu teilen. Schon kurz nach der Anmeldung war sein Bildschirm voller dunkelblauer Punkte – jeder von ihnen ist ein Kollege, der in seiner Nähe wohnt, den gleichen Weg hat und bisher Tag für Tag vor, hinter und neben ihm auf der Autobahn unterwegs war. „Ich konnte kaum glauben, wie viele Kollegen in meiner Nachbarschaft leben“, sagt der Controller.

Der Controller sieht, was hinter den Zahlen steckt

Colak ist inzwischen Teil einer Pendlergruppe von rund 30 Leuten. „Wir treffen uns an einem festen Punkt in Karlsruhe, an dem wir umsteigen und gemeinsam ins Werk fahren.“ Längst ist die starre Trennung zwischen Fahrern und Mitfahrern aufgehoben. Die meisten fahren mal und lassen sich beim nächsten Mal kutschieren – mit konventionellen Autos ebenso wie mit Elektro- und Erdgasfahrzeugen. So kommen die Mitarbeiter nicht nur mit unterschiedlichen Technologien in Kontakt, sondern auch mit unterschiedlichen Menschen. „Als Controller habe ich vor allem mit Zahlen zu tun“, sagt Colak. „Wenn ich gemeinsam mit Ingenieuren fahre, die diese Autos entwickeln, bekomme ich besser mit, was hinter diesen Zahlen steckt.“ Bei der App haben sich mehr als 10 000 Mitarbeiter des Werks Sindelfingen registriert, die innerhalb von drei Monaten bereits rund 300 Tonnen Kohlendioxid eingespart hätten, sagt Susanne Hahn, Leiterin des Lab1886, des eigenständigen Innovationslabors innerhalb der Mercedes-Benz AG. Hier werden neue Geschäftsideen auch außerhalb des Kerngeschäfts entwickelt und zur Marktreife geführt.

Auch die IT-Managerin Verena Bartscher und ihre Kollegin Yiqing Yan haben eine Fahrgemeinschaft gebildet, aber sie sind keine Nachbarn. „Als ich mich angemeldet habe, sah ich, dass Yiqing ganz in der Nähe der Schule wohnt, zu der ich mein Kind bringe“, sagt Bartscher. Man habe im Beruf „mit so vielen Menschen zu tun, über die man eigentlich nichts weiß, weil man mit ihnen nur Geschäftliches bespricht“. Da sei es sehr entspannend, sich auch mal privat auszutauschen. Schließlich lebten die Mitarbeiter gerade in großen Unternehmen in ganz unterschiedlichen Welten. „Geht man einmal durch die rechte Glastür statt durch die linke, kennt man schon niemanden mehr.“

Die Strategie: Digitale Geschäftsmodelle

Die App flinc, die Daimler 2017 von einer anderen Firma übernommen hat, soll Fahrten einsparen und den kollegialen Austausch befördern, doch sie hat auch einen strategischen Hintergrund. Sie gehört zu den Projekten, mit denen der Konzern seine Fähigkeit stärken will, neben dem Bau von Autos auch Technologien und Geschäftsmodelle fürs Digitale zu entwickeln. Dabei geht es nicht immer nur ums Entwickeln, sondern – wie bei flinc – auch darum, eine Technologie so auf den Markt zu bringen, dass sie von der Zielgruppe angenommen wird.

Bereits seit 2007 setzt Daimler darauf, außerhalb der Konzernstrukturen Geschäftsideen zu entwickeln, die den Bau und Verkauf von Autos ergänzen und dem Unternehmen außer neuen Ertragsquellen auch den Zugang zu digitalen Innovationen sichern sollen. Einst hieß die Keimzelle für solche Innovationen Business Innovation und brachte als Ideen zum Beispiel das Carsharing-Angebot Car2go hervor, das seither vielfach kopiert, weiterentwickelt und inzwischen mit dem entsprechenden Angebot von BMW zu Share Now zusammengelegt wurde. Seit 2016 heißt dieses interne Start-up-Unternehmen Lab1886 und hat Innovationen wie etwa die App-Funktion Flexperience hervorgebracht, die es ermöglicht, anstelle des Autokaufs Fahrzeuge zu abonnieren und monatlich zu wechseln.

Der Anreiz für die Mitarbeiter

Bei flinc werden, anders als bei Share Now, nicht Autos geteilt, sondern Fahrten. Die App war zuvor bereits von einem anderen Start-up entwickelt worden, erwies sich aber als wirtschaftlich nicht lebensfähig. „Es zeigte sich, dass die Mitarbeiter schnell Fahrgemeinschaften bildeten, für die es dann aber keinen Grund mehr gab, die App weiter zu nutzen“, sagt Hahn. Waren die Kontaktdaten erst einmal ausgetauscht, verabredete man sich über Whatsapp. „Wir führten für die Mitarbeiter Anreize ein, die App nicht nur einmalig zu nutzen, sondern dauerhaft“, erklärt Hahn.

Schnell zeigte sich, dass die Mitarbeiter weniger an den Gutscheinen für die Tankstelle oder für den VfB-Shop interessiert waren, sondern an den reservierten Parkplätzen. Diese sind so knapp, dass für Parkplatzsuche und weite Fußwege schnell 20 Minuten verloren gehen. Reservierte Parkplätze für Autos, mit denen am jeweiligen Tag mindestens zwei Mitarbeiter über diese App gemeinsam zur Arbeit gefahren sind, haben als Anreiz für die Mitarbeiter alles andere in den Schatten gestellt.

Solange Daimler die App nur eigenen Mitarbeitern anbietet, wird sich damit aber kaum Geld verdienen lassen. Denn für die Mitarbeiter ist die Teilnahme kostenlos. Nicht einmal die Gebühren fürs Falschparken kommen Daimler zugute. Wer auf den reservierten Plätzen parkt, ohne die App genutzt zu haben, wird vom Werkschutz an die Stadt gemeldet, die dann 15 Euro kassiert und auch behält.

Das Ziel: Die App weiter ausrollen

Geld verdienen will Daimler bei digitalen Projekten mit der sogenannten Skalierung: Je reifer die Technologie, desto weiter wird die App geöffnet: Für zusätzliche Kundenkreise ebenso wie für weitere Zwecke. Dieses Ausrollen ist die eigentliche Geschäftsidee hinter den digitalen Geschäftsmodellen. Die Entwicklungskosten fallen einmalig an, die Einnahmen steigen, während sich die laufenden Zusatzkosten allenfalls geringfügig erhöhen. So können nach und nach erst die angefallenen Entwicklungskosten hereingeholt und schließlich Gewinne geschrieben werden. „Die Skalierbarkeit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns mit einem Projekt beschäftigen“, sagt Hahn.

Angepeilt: Eine Wirkung wie die Pflanzung von Millionen Bäumen

Dieses Ausrollen der Mitfahr-App könne zum Beispiel darin bestehen, dass man an andere Unternehmen Lizenzen vergibt, die ihren Mitarbeitern dann ein ähnliches Angebot zur Verfügung stellen können. Denkbar sei auch, Beschäftigte anderer Firmen in der Nähe von Daimler-Standorten in den Kreis der Nutzer aufzunehmen – dann steigt für alle die Chance, passende Mitfahrer zu finden. Schon jetzt ist sicher, dass Daimler weitere Werke mit der App ausstatten wird – als Nächstes wird von Beginn des kommenden Jahres an Rastatt an der Reihe sein. Und nicht nur für die Fahrt zur Arbeit, sondern auch für Dienstreisen zwischen den einzelnen Daimler-Standorten soll die App zur Verfügung stehen.

In den kommenden zehn Jahren könne man mit der App bis zu eine Milliarde Kilometer einsparen, sofern das Angebot auf alle Daimler-Werke in Deutschland ausgeweitet werden kann. Um den gleichen Effekt zu erzielen, müsse man rund 30 Millionen Bäume pflanzen. Gelingt es, die App auf andere Städte und Firmen auszudehnen, „kann das auch ein paar Jahre früher gelingen“.

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