Wie groß wird eine Baumkrone? Die Teilnehmer des Rundgangs stellen sich entsprechend im Kreis auf. Foto: Jacqueline Fritsch/ch

An einem Tag kann ein Baum genügend Sauerstoff für zehn Menschen produzieren. Für den Experten Stefan Rösler ist dies ein Paradebeispiel fürs aktuelle Thema Klimaneutralität. Unterwegs unter Wipfeln im Degerlocher Wald.

Degerloch - Vereinzelte Sonnenstrahlen blitzen durch die dichten Baumkronen, erste Kastanien liegen auf dem Boden, und immer wieder hagelt es ein paar Eicheln. Einen Waldspaziergang sollte man am besten mit allen Sinnen erleben, meint Stefan Rösler, ein Experte für Nachhaltigkeit und Biodiversität.

Er führt an jenem Nachmittag ungefähr 30 Menschen über den Degerlocher Waldsportpfad, um ihnen das „komplexe Ökosystem“ näherzubringen. „Machen Sie mal die Augen zu und gucken, was Sie dann wahrnehmen“, sagt er. Vogelgezwitscher, Schritte von Joggern, eine Autotür in der Ferne – nicht nur die Geräusche nehmen die Teilnehmer nun stärker wahr, sondern auch deren Richtung. „Unsere Sinne sind gar nicht so schlecht, wie wir meinen“, sagt Rösler, „sie sind nur schlecht trainiert“. Das Haus des Waldes hat zu dem Waldspaziergang eingeladen, dem sich auch der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller angeschlossen hat. Er besucht Veranstaltungen wie diese, um sich zu informieren und vor allem Ehrenamtlichen, die sich für die Umwelt einsetzen, zu danken.

Seit 400 Millionen Jahren gibt es Wälder

Wälder gibt es seit etwa 400 Millionen Jahren. Ihre Zusammensetzung hat sich im Laufe dieser Zeit immer wieder verändert. „Der Wald ist dem Klimawandel ausgesetzt und muss gucken, wie er mit oder ohne Hilfe damit umgeht“, erklärt Stefan Rösler. „Mit Hilfe“ würde bedeuten, dass zum Beispiel neue Baumarten angepflanzt werden, wie dies aktuell in der Diskussion ist. Prinzipiell gelte: Je mehr Baumarten vertreten sind, desto stabiler ist das Ökosystem Wald.

In Deutschland gibt es etwa 75 Arten von Bäumen. Laut Stefan Rösler hat die Douglasie gute Chancen, der Baum der Zukunft zu werden. Der Nadelbaum ist in Nordamerika beheimatet und wird hierzulande forstlich angebaut; seine Nadeln riechen nach Orange. „Die Douglasie scheint mit dem Klimawandel besser klarzukommen als die Fichte“, sagt Rösler. Deshalb soll deren Bestand in heimischen Wäldern künftig wachsen.

Eine Stileiche ist 20 bis 40 Meter hoch

Wer im Wald schon einmal den Blick nach oben gerichtet hat, weiß, wie beeindruckend hoch manche Bäume werden können. Eine Stileiche zum Beispiel ist 20 bis 40 Meter groß. Aber hat beim Nach-oben-schauen auch schon mal jemand darauf geachtet, wie groß eigentlich die Krone eines solchen Baums ist? Stefan Rösler bittet seine Teilnehmer, sich so im Kreis aufzustellen, dass ungefähr der Rand der Baumkrone nachgezeichnet wird. Das ist auch in Zeiten von Corona und Mindestabstand gut machbar – denn die Krone der Stileiche hat in etwa einen Durchmesser von zehn Metern.

Bei diesen Dimensionen kann man sich gut vorstellen, welche Kraft so ein Baum entwickeln kann – und zwar eine für den Menschen sehr nützliche Kraft, wie der Experte erklärt. „Ein alter Baum produziert am Tag so viel Sauerstoff, dass es für zehn Leute reicht“, sagt Rösler. Gleichzeitig bindet der Baum so viel CO2, wie etwa sieben Menschen ausstoßen. Das 400 Millionen Jahre alte Phänomen Wald sei also das perfekte Beispiel für das mehr als aktuelle Thema Klimaneutralität. „Da hat sich im Laufe der Evolution eine perfekte Kooperation zwischen Mensch und Baum entwickelt“, sagt Rösler.

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