Nicht unterzukriegen: Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel mischt sich weiter ein.Unbequemer Genosse: Ex-Außenminister Sigmar Gabriel Foto: ZB

Parteichefin Nahles hat Sigmar Gabriel als Minister abserviert. Aber das Wort lässt er sich als nunmehr einfacher Abgeordnerter nicht verbieten. Buchvorstellung, Interview, Zwischenruf: Gabriel ist stets auf Sendung. Und schert sich wenig darum, was seine Partei davon hält.

Berlin - Er hat es wieder getan, hat sich zu Wort gemeldet. Die vergangene Woche trieb ihrem Ende entgegen, da warnte Sigmar Gabriel im „Spiegel“ wegen des Streits über den Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen vor einem Bruch der Koalition. Und Gabriel wird es weiter tun. An diesem Dienstagabend wird der Ex-SPD-Chef, nur so ein Beispiel, in Berlin sein neues Buch vorstellen: „Zeitenwende in der Weltpolitik“.

In der SPD sind sie genervt von ihm und seiner Neigung, stets auf Sendung zu sein. Interview hier, Podium dort. Mit dem Holtzbrinck-Verlag hat er verabredet, regelmäßig als Autor zur Verfügung zu stehen. Auf seiner Homepage schreibt er: „Ihr werdet also auch künftig viel von mir hören – und lesen.“ Für die Parteispitze, vor allem für Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles, die Gabriel als Außenminister bei der Neuauflage der großen Koalition abservierte, liest sich das wie eine Drohung. Gabriel und sie sind, man muss das so sagen: ziemlich beste Feinde.

In der SPD-Fraktion, so berichten es Abgeordnete, lässt sich Gabriel nicht mehr oft blicken. Und wenn er da sei, könne man nie sicher sein, ob er nicht doch wieder das große Wort führe und gegen Nahles stichle. Vor der Sommerpause tat die SPD-Chefin alles dafür, im Streit über Abweisungen an der Grenze den Bruch der Koalition zu vermeiden. In dieser Situation polterte Gabriel, CSU-Chef Horst Seehofer müsse unverzüglich seine Sachen packen – was zu diesem Zeitpunkt zwingend ebenjenen Bruch der Koalition bedeutet hätte, vor dem Gabriel jetzt selbst eindringlich warnt.

Viel Bauchgefühl – wenig Haltung

Jener Gabriel, an dessen Brust 2015 im Bundestag der „Welcome-Button“ der „Bild“-Zeitung prangte, frotzelte jüngst in der Fraktion und öffentlich, die SPD sei in der Flüchtlingspolitik viel zu naiv und lobte den umstrittenen ehemaligen Bürgermeister Neuköllns, Heinz Buschkowsky, als dieser in einem Interview mal wieder die SPD hinrichtete („Klugscheißerpartei“).

So war es immer bei Gabriel, klagen sie in der SPD-Führung: viel Bauchgefühl, wenig Haltung. Weshalb sie sich ja seit der Bundestagswahl alle einig sind, dass Gabriel an allem schuld ist, was der SPD in den vergangenen Jahren an Schlimmem widerfuhr. Ganz so, als hätten all jene, die während seiner Amtszeit seine schwindelerregende Wendigkeit stets nur leise murrend hingenommen hatten, damals im Parteivorstand erbitterten Widerstand geleistet. Ihn, der an der an der SPD hängt wie andere an ihrer Familie, muss das schwer treffen. Laut „Spiegel“ soll er Vertrauten gegenüber gesagt haben: „Ich werde in mein Testament schreiben, dass mich der Parteivorstand nach meinem physischen Ableben ausstopfen und im Willy-Brandt-Haus in den Keller stellen darf. Und immer wenn ein Schuldiger gesucht wird, dürfen sie mich rausholen.“ Auch in seinem neuen Buch macht Sigmar Gabriel der SPD-Spitze zu schaffen. Nur ein Beispiel: Die SPD wehrt sich gerade heftig gegen das Bestreben der Union, deutlich mehr Geld in die Verteidigung zu stecken, und lehnt das Ziel der Nato ab, die nationalen Verteidigungshaushalte in Richtung von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu entwickeln. Mehr Geld für die Rente wäre viel wichtiger, lautet der aktuelle SPD-Kurs.

So hat Gabriel noch im Februar auch gesprochen. Als Außenminister nannte er das Zwei-Prozent-Ziel eine „verrückte Idee“. Aber ausweislich einer in der „Zeit“ vorab veröffentlichten Textpassage findet Gabriel das Zwei-Prozent-Ziel plötzlich in Ordnung und schlägt vor, 1,5 Prozent in die deutsche Verteidigungsfähigkeit zu investieren und 0,5 Prozent in die europäische. Wieder so eine überraschende Zeitenwende in Gabriels Weltpolitik.

Kein Zweifel: Die SPD wird weiter von ihrem Ex-Chef hören. Mal so, mal so. Nahles wird ihn nicht los. Und Gabriel weiß genau, was sie dagegen machen kann: nichts.

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