Der Alicensteg ist seit vier Jahren für Fußgänger und Radfahrer gesperrt Foto:  

An der maroden Neckar- und Bundesstraßenquerung scheiden sich in Esslingen die Geister. Wer behält die Oberhand?

Esslingen - Es ist ein Katz-Und-Maus-Spiel. Und ein bisschen müssen sich die Esslinger Stadträte dabei vorkommen wie die Fans des FC Bayern München, denen der Präsident Uli Hoeneß bereits im Winter mit den geheimnisvollen Worten „Wenn Sie wüssten, von wem wir schon feste Zusagen haben“ wertvolle Neuzugänge angekündigt hatten – auf die die Fans bekanntlich noch immer warten.

In Esslingen geht es nicht um Fußballstars, sondern um die Brücken, speziell um eine Brücke, den Alicensteg. Die Radfahrer- und Fußgängerbrücke quert auf Höhe des Landratsamts die Bundesstraße 10 und den Neckar.

Amt würde den Steg lieber heute als morgen abreißen

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Momentan ist es in der Tat nur die Brücke, die quert. Denn Menschen dürfen schon seit ziemlich genau vier Jahren das Ende der 1960-er Jahre errichtete Bauwerk aus Sicherheitsgründen nicht mehr nutzen. Die Schäden sind lange bekannt. Bereits im Juni 2013 hatte das Esslinger Tiefbauamt erstmals angeregt, die von Fußgängern und Radfahrern nur wenig genutzte, durch Korrosion in ihrer Verkehrssicherheit und letztlich sogar in ihrer Standsicherheit gefährdete Brücke abzureißen.

An diesem Wunsch hat sich auf Verwaltungsseite bis heute nichts geändert. Der Chef des Tiefbauamts, Uwe Heinemann, machte in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Technik und Umwelt keinen Hehl aus seiner Absicht, den Alicensteg lieber heute als morgen abreißen zu lassen. Schließlich gebe es mit der Vogelsang- und der Pliensaubrücke zwei Neckarquerungen in zumutbarer Entfernung, auf die die Nutzer momentan schon zwangsweise ausweichen müssten.

Allein der Brückenneubau kostet zwei Millionen Euro

Allerdings haben er und seine Mitstreiter in der Verwaltung die Rechnung ohne den Esslinger Gemeinderat gemacht. Im Dezember 2018 hatten in einem gemeinsamen Antrag die SPD, die Grünen, die Linke und die FDP die Verwaltung beauftragt, Wege für eine Zukunft des Alicen-stegs aufzuzeigen und zunächst einmal zu ermitteln, was die Sanierung oder der Neubau des Alicenstegs kosten würde. Auch ein Gutachten sei dazu zu erstellen.

Denn anders als die Verwaltung hegt eine deutliche Mehrheit des Gemeinderats sehr wohl Sympathien für den Alicensteg, dessen Neubau, so die aktuelle Schätzung, mit rund zwei Millionen Euro zu Buche schlagen würde. Hinzu kämen noch Kosten für die Wege hin zur Brücke, um die sich die Stadt in den vergangenen Jahren aus nachvollziehbaren Gründen auch nicht gekümmert hat.

Das Geld ist gut investiert – sagen die Stadträte

Das zu investierende Geld lohne sich aber doch, argumentieren viele Stadträte. Schließlich, sagt etwa die FDP-Fraktionschefin Rena Farquhar, sei der Stadtteil Zollberg nicht sonderlich gut für Radfahrer und Fußgänger angebunden. Der Abriss des Alicenstegs sei da das falsche Signal. Geradezu unerträglich findet sie es, dass die Verwaltung sich über den gemeinderätlichen Wunsch eines neuen Gutachtens hinweggesetzt und statt einer aktuellen Analyse ein Gutachten aus dem Jahr 2015 an die gemeinderätliche Vorlage angehängt habe.

Doch Uwe Heinemann wollte sich so schnell nicht geschlagen geben. An dieser Stelle kommt nun die Parallele zum FC Bayern ins Spiel: „Wenn Sie wüssten, welche Brücken jenseits der Neckarbrücken im Bereich der Altstadt sanierungsbedürftig sind, würden Sie anders über den Alicensteg denken“, erklärte Heinemann ähnlich nebulös wie der Bayern-Präsident den verdutzten Stadträten – und blieb vorerst die Antwort schuldig, um welche Brücken es sich denn da handeln könnte.

Gesamtschau ist zeitnah nicht zu leisten

Dem Wunsch, möglichst zeitnah ein Gutachten zu präsentieren, das genau diese Frage in Form einer Gesamtschau der Esslinger Brücken beantwortet, erteilte wiederum der Esslinger Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht eine Absage: Angesichts der dünnen Personaldecke im Tiefbauamt wüsste er nicht, wer eine solche Bilanz aktuell gerade erstellen sollte.

Reichlich durchsichtig war schließlich der finale Versuch Heinemanns, doch noch eine Lösung in seinem Sinne zu erzielen. Eine Sanierung, so argumentierte er, käme überhaupt nicht in Frage, weil dazu die unter dem Alicensteg verlaufende Bundesstraße viel zu lange aus Sicherheitsgründen gesperrt werden müsste. Reden könne man also allenfalls über einen Neubau. Dafür wäre es ohnehin gut, wenn man zunächst das bestehende Bauwerk abreißen würde – um dann über das weitere Vorgehen zu beraten.

Doch da spielten die Stadträte nicht mit. Man wisse zu gut, wie es nach einem Abriss weitergehen würde: Dann würde nämlich jahrelang gar nichts mehr passieren. Ohne Einigung ging man schließlich auseinander. Nach der Sommerpause wird sich der Ausschuss erneut mit der Zukunft des Alicenstegs beschäftigen müssen.

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