Fahndungserfolg an der Grenze zu Tschechien: Ein Auto steht mit laufendem Motor im Wald Foto: LKA

Zweieinhalb Jahre lang hat das LKA Diebe gejagt, die es auf Premium-Karossen mit Keyless Go-System abgesehen hatten. Jetzt zieht die Polizei Bilanz – mit verblüffenden Details.

Stuttgart - Die Spur führt nach Litauen. Immer wenn der Fahnder Michael Klein (Name geändert) vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren in der litauischen Stadt Kaunas war, sah er, wie deutlich die Spur aus dem Ländle dort zu erkennen ist. „Da fahren die SUVs aus Baden-Württemberg mit Originalkennzeichen rum, oder sie haben noch die Umweltplakette“, berichtet er. Im Industriegebiet der Stadt im Baltikum sei er an einer „endlosen“ Kette von Lagerhallen vorbei gefahren: „Erst 100 Meter Lenkräder, dann Felgen, dann Armaturen“. Etliche der dort ausgeschlachteten und umgerüsteten Autos wurden in Deutschland gestohlen, indem die Täter die sogenannte Keyless-Go-Systeme austricksten. Die ersten Fälle dieser Masche datieren von Ende 2015, ein Jahr später stiegen die Fallzahlen dramatisch.

Wenn die Besitzer aufwachen, sind die Diebe schon über alle Berge

Wie von Geisterhand waren die teuren Autos auch in Stuttgart und der Regiongestohlen wurden. „Auf dem Killesberg fing es an“, erzählen die LKA-Experten. „Nahezu geräuschlos, in zehn bis 20 Sekunden“, so die Erkenntnis der Ermittlungsgruppe Premium des Landeskriminalamts, schlagen die Täter zu. „Bis der Besitzer aufwacht, sind die Diebe schon an der bayrisch-tschechischen Grenze“, sagt Kriminaldirektor Harald Schaber, der stellvertretende Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität und Rauschgiftkriminalität im LKA. Vor zweieinhalb Jahren wurden die Ermittlungen gebündelt, als reihenweise die Premiumwagen, die der Ermittlungsgruppe (EG) den Namen gaben, verschwanden. 230 Fälle aus Baden-Württemberg sind bekannt. Die EG Premium wurde nun beendet – dank ihres Erfolgs. „Es hat sich herumgesprochen, dass es hier nicht mehr klappt“, sagt Schaber.

Das war 2016 anders. Ohne Schlüssel fuhren die Premium-Karossen einfach davon. Die Täter nutzten den Komfortanspruch der Besitzer, die ihr Fahrzeug mit sogenanntem Keyless-Go-System öffnen und starten können, ohne den Schlüssel auch nur in die Hand nehmen zu müssen. Da die Fahrzeuge ihre Türen öffnen und den Motor anlassen, wenn man mit dem Schlüssel auf sie zugeht, konnten die Täter exakt dieses Funksignal nutzen.

Der Motor darf nicht wieder abgestellt werden

Doch dann standen die Diebe vor einem Problem. Wenn man keinen Schlüssel dabei hat, kann man den Motor nicht mehr ausschalten – bis man in der litauischen Hehlerwerkstatt ist, wo entweder ein neuer Schlüssel programmiert oder der Wagen ausgeschlachtet wird. Dieses Problem half der Polizei bei der Fahndung, und sie weihte ungewöhnliche Helfer ein: Sobald klar war, dass ein Großteil der Wagen über Tschechien nach Litauen gebracht wurde, zog die Polizei Tankstellenbetreiber, Förster und Jäger im Grenzgebiet ins Vertrauen. Sie schnappten erste Täter, weil diese kurz vor der bayerisch-tschechischen Grenze auffielen: Mit laufendem Motor standen die Luxusautos im Wald, die Fußmatten in die Motorhaube geklemmt, um das ebenfalls nicht ausschaltbare Tagfahrlicht abzudunkeln. Letzteres erklärt die Lappen vor den Scheinwerfern auf Fotos in der Ermittlungsakte: Mit Fußmatten dunkelten die Kuriere das Licht bei Pausen ab, um nicht aufzufallen.

Noch vor den ersten Erfolgen stand die Kärrnerarbeit. Die Fahnder werteten sowohl elektronische wie auch analoge Spuren aus ganz Baden-Württemberg aus und fanden erste Zusammenhänge. Allmählich fügten sich nach den ersten Festnahmen die Puzzleteile für die Ermittler zusammen. Erst flog eine polnische Tätergruppe auf, dann eine litauische. Litauen war das Hauptabsatzland. Am Ende von zweieinhalb Jahren Ermittlungsarbeit stehen 23 Haftbefehle in der Bilanz der Ermittlungsgruppe Premium, 15 Täter sind bereits verurteilt. Dabei half auch auch die Kronzeugenregelung für zwei in Bayern gefasste Kuriere. Sie halfen durch ihre Aussagen, das Vorgehen nachzuvollziehen.

Immer wieder hören die Ermittler die einstudierten Geschichten

„Die Kuriere sind die letzten in der Kette. Sie erfahren nicht viel“, sagt Michael Klein. Sie werden dafür angeheuert, die Autos nach Tschechien zu bringen. „Sie haben kein eigenes Handy, sondern nur eins mit einer gespeicherten Nummer, über die sie Anweisungen bekommen“, schildert Klein. Das Ziel erfahren sie nicht, nur etappenweise würden sie weitergeleitet. Für den Fall der Festnahme waren die Kuriere präpariert: Immer wieder hörten die Ermittler einstudierte Geschichten. Man sei für einen Job nach Deutschland gekommen, und dann sei man um einen Gefallen gebeten worden.

Deutlich höher in der Hierarchie stehen die Autoknacker. Sie kundschaften die Gegend aus und finden geeignete Autos. Mit dem Funkwellenverstärker stellt sich einer vor die Haustür, hinter der der Schlüssel das Signal fürs Auto aussendet. Sein Komplize steht mit dem Gerät am Auto, das das Signal zum Starten überträgt. Dann erfolgt die Übergabe an die Kuriere.

Die Kuriere übergeben die Fahrzeuge in Tschechien an die Hinterleute

„Die erste Etappe führt bis kurz vor die bayerische Grenze. Dort bleiben sie dann noch eine Nacht“, sagt Harald Schaber. In dieser Zeit soll sich herausstellen, ob die Luft rein ist. Denn die Täter können das Ortungssystem, welches moderne Fahrzeuge eingebaut haben, zwar ausschalten. Aber ganz funktioniere das nicht. „Wenn die Täter dann sicher sind, dass ihnen niemand auf der Spur ist, geht es über die Grenze. Dort übernimmt ein Fahrer das Auto und fährt es hoch nach Litauen“, sagt Schaber.

Wieder half die Tücke der Technik bei der Verfolgung der Täter. Manchmal sendete das Ortungssystem doch noch Restsignale – und die kamen meist aus besagtem Gewerbegebiet in Kaunas, Litauen. Die Verfolgung der Hehler im baltischen Staat erwies sich aber als schwierig. Hehlerei werde dort eben anders bewertet als bei uns, mussten die Ermittler irgendwann ernüchtert feststellen. Und doch sind sie zufrieden: Die Diebstahlswelle wurde gestoppt.

230 Autos aus Baden-Württemberg sind dennoch verschwunden. Die meisten in der Region mit 30 im Kreis Böblingen, gefolgt von 24 in Stuttgart, 19 im Kreis Ludwigsburg, neun in Esslingen und vier im Rems-Murr-Kreis. Am begehrtesten waren Mercedes (89 Stück), danach BMW (79), Porsche (43) und Audi (15).

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