Vorsicht: Wer allzu kräftig schnäuzt, riskiert, dass das hochinfektiöse Nasensekret in die Nebenhöhle befördert wird. Dann können sich dort Entzündungsherde bilden Foto: dpa

Pünktlich zum Beginn der Erkältungszeit und Grippesaison räumen Experten mit Irrtümern auf und sagen, was gegen solche Infekte wirklich hilft.

Stuttgart - Kaum ist es Herbst, fängt es in den U-Bahnen, Bussen, im Büro und zu Hause das Niesen, Räuspern und Husten an. Die kalte Jahreszeit ist eben auch die Erkältungszeit. Aber warum das so ist, können Ärzte gar nicht so genau sagen. Unklar ist auch, ob eine „Erkältung“ wirklich etwas mit „Kälte“ zu tun hat. Es fehlt an Erhebungen zu diesem Thema. Aber den Zusammenhang ganz ausschließen wollen Virologen dann auch nicht: Auffällig sei ja, dass man vor allem im Winter unter Erkältungen leide. Also gilt weiterhin der mütterliche Ratschlag, sich stets warm anzuziehen. Und was von weiteren Mythen rund um das Thema Erkältung und Grippe zu halten ist, das erklären Mark Dominik Alscher, Geschäftsführender Ärztlicher Direktor des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart (RBK) , und Horst Luckhaupt von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie.

b>Mythos 1: Erkältungen werden häufig zu einer Grippe

Mythos 1: Erkältungen werden häufig zu einer Grippe

Nein. „Eine Erkältung wird zwar oft als grippaler Infekt bezeichnet, hat aber mit der echten Grippe, der Influenza, nichts zu tun“, sagt Mark Dominik Alscher, Geschäftsführender Ärztlicher Direktor des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart (RBK). Beim Robert Koch-Institut (RKI) heißt es ebenfalls: „Eine Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst. Sie kann durch einen plötzlichen Beginn mit Fieber oder deutlichem Krank­heits­ge­fühl einhergehen, verbunden mit Muskel- oder Kopf­schmer­zen und Reizhusten. Erkältungen werden von mehr als 30 verschiedenen Viren ausgelöst. Zu den Symptomen zählen Hals­schmer­zen, Schnupfen und Husten, seltener Fieber.“ Es ist oft nicht möglich, eine echte Grippe und eine Erkältung anhand der Symptome zu unterscheiden. Für Ärzte ist es daher wichtig zu wissen, welche Viren gerade zirkulieren.

Mythos 2: Lieber Hochziehen als Schnäuzen

Mythos 2: Lieber Hochziehen als Schnäuzen

Stimmt tatsächlich. So raten HNO-Ärzte wie Horst Luckhaupt von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie beim Gebrauch von Taschentüchern zur Vorsicht: Denn wer allzu kräftig schnäuzt, riskiert, dass das hochinfektiöse Nasensekret in die Nebenhöhle befördert wird. Dann können sich dort Entzündungsherde bilden. Dagegen landet der Rotz beim Hochziehen im Magen. „Es hört sich aber für Anwesende auch nicht sonderlich schön an“, sagt Luckhaupt. Einfacher ist die Frage, ob Nieser lieber unterdrückt werden sollten oder ob das eher schädlich ist. Laut der Deutschen HNO-Gesellschaft kann es bei einem unterdrückten Niesen tatsächlich zu Schäden im Ohr kommen – das Risiko ist aber sehr gering. Grundsätzlich sollten Erkältete den Druck möglichst rauslassen. Das reinigt die Atemwege. Aber bitte in die Armbeuge oder in ein Taschentuch niesen!

Mythos 3: Erkältete sollen niemandem zu nahe kommen

Mythos 3: Erkältete sollen niemandem zu nahe kommen

Richtig. Denn die Erreger einer Grippe oder einer Erkältung werden über Tröpfchen übertragen – beim Husten, Niesen oder Sprechen, sagt Mark Dominik Alscher vom RBK. Selbst in der ausgeatmeten Luft tummeln sich die Erreger. Ebenso wichtig ist Händehygiene: Viren sitzen überall – auf Türklinken, Haltegriffen, Aufzugsknöpfen. Alscher rät, sich häufiger die Hände zu waschen und sich möglichst nicht an Mund, Nase oder Augen zu fassen. Aber ist es unhöflich, aus Angst vor Ansteckung auf das Händeschütteln zu verzichten? Tatsächlich kennen Benimmexperten da kein Pardon: Eine ausgestreckte Hand dürfe man nicht zurückweisen. Das könnte der Begrüßende als persönliche Zurückweisung missdeuten. Andererseits: Wer stark erkältet ist, wird sowieso auf das Händeschütteln verzichten und sich kurz dafür entschuldigen. Das gebietet die Höflichkeit.

Mythos 4: Wer geimpft ist, wird nicht krank

Mythos 4: Wer geimpft ist, wird nicht krank

Falsch. Einen hundertprozentigen Schutz vor Grippe bietet die Impfung nie. Das liegt vor allem daran, dass die Produktion der Grippeimpfstoffe einen langen Vorlauf braucht. Damit mit der Herstellung rechtzeitig begonnen werden kann, muss die Weltgesundheitsorganisation WHO schon acht bis neun Monate vor Beginn der jährlichen Grippesaison bekannt geben, welche Varianten des Grippevirus dann das größte Risiko darstellen werden. Dieses System ist fehleranfällig: Verändert sich im Laufe des Sommers einer der Virusstämme, schützt die Impfung auch nicht mehr richtig. Ob dies auch in diesem Jahr eingetreten ist, wird sich zeigen: Noch befindet sich die Grippesaison ganz am Anfang. Hinzu kommt, dass auch bei einem sehr guten Impfstoff nicht alle Menschen gleich gut geschützt sind. Ältere etwa sind häufig weniger gut immunisiert. So registrierte das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg in der Saison 2016/2017 rund 7000 Fälle bei den über 60-Jährigen – und somit eine der schwersten Grippewellen überhaupt. Grund für die hohen Erkrankungszahlen bei Älteren sind die häufigen Begleiterkrankungen. Dennoch gilt: Ein bisschen Schutz ist besser als gar keiner, sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. „Denn bei Geimpften nimmt die Grippe einen leichteren Verlauf.“ Zudem kann sich die Erkrankung schlechter ausbreiten, wenn möglichst viele Menschen geimpft sind. Und, so fügt Mark Dominik Alscher vom RBK Stuttgart hinzu, „die Impfung wirkt dann nur gegen Influenzaviren, es gibt aber noch rund 200 weitere Erreger, die einen grippalen Infekt auslösen können“.

Mythos 5: Antibiotika helfen

Mythos 5: Antibiotika helfen

Falsch. Gegen eine Grippe oder eine Erkältung ist bislang kein Kraut gewachsen, geschweige denn eine Pille erfunden worden. Etwa 200 verschiedene Virenarten sind für Erkältungskrankheiten verantwortlich. Die Viren gelangen über Hände oder über die Luft auf die Schleimhäute von Mund, Augen oder Nase – und von dort in den Körper. Und diese Erreger lassen sich nur schwer bekämpfen, da sie keinen eigenen Stoffwechsel haben, auf denen ein Wirkstoff einwirken könnte – auch keine Antibiotika. Die helfen nur gegen bakterielle Infektionen, sagt RBK-Chefarzt Mark Dominik Alscher. Erkältungs- und Grippeviren dagegen muss der Körper mit seiner eigenen Immunabwehr bekämpfen. Und dabei hilft Ruhe am besten. Erwachsene brauchen meist sieben bis zehn Tage, um wieder fit zu werden. Kinder, deren Immunsystem sich noch ausbildet sind oft länger und häufiger krank.

Wer in dieser Zeit die Symptome lindern will, sollte diese einzeln behandeln, heißt es in „Spezial Medikamente“ der Stiftung Warentest. Kombipräparate wie Grippostad C seien nicht sinnvoll: Sie enthalten mehrere Wirkstoffe, die sich oft nicht gut ergänzen und den Körper unnötig belasten. Zugesetzte Antihistaminika, die Schleimhäute abschwellen sollen, können müde machen. Diesen Effekt gleichen die Anbieter zum Teil damit aus, in dem sie ihren Präparaten etwa Koffein zusetzen. Nebenwirkungen solcher Mittel können Herzrasen, Anstieg des Blutdrucks oder Unruhe sein – für Gerd Glaeske, Pharmazeut und unabhängiger Experte der Warentester, ein Ausschlusskriterium. Bei Gliederschmerzen helfen Schmerzmittel, gegen Schnupfen abschwellende Nasensprays. Diese sollten nicht länger als eine Woche verwendet werden. Pathenolsalbe pflegt die wunde Nase. Bei Grippe lindert Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen Fieber und Gliederschmerzen. Kindern kann Paracetamol gegeben werden. Grundsätzlich sollte man aber bei Symptomen, die auf eine Grippe hindeuten – also Husten, Schnupfen, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen – lieber sofort zum Arzt.

Mythos 6: Saunabesuche helfen beim Gesundwerden

Mythos 6: Saunabesuche helfen beim Gesundwerden

Nein. Zwar wollen viele ihre Erkältung in der Sauna ausschwitzen, aber davon raten Ärzte wie der HNO-Experte Horst Luckhaupt ab: „Insbesondere wenn der Infekt fieberhaft verläuft, sollte man Saunagänge lieber meiden“, sagt er. Denn das starke Schwitzen und anschließende Abkühlen belastet viel zu sehr den Kreislauf. Besser ist es, als Gesunder die Sauna zu besuchen – sozusagen um sein Immunsystem zu stärken, so der Dortmunder Mediziner. Zudem sollte man sich in der kalten Jahreszeit möglichst gesund ernähren, Sport treiben, täglich an die frische Luft gehen und sich beim Händeschütteln eher zurückhalten. „Auch das dient der Prophylaxe“, sagt Luckhaupt.

Mythos 7: Wenn Kinder fiebern, ist höchste Vorsicht geboten

Mythos 7: Wenn Kinder fiebern, ist höchste Vorsicht geboten

Nicht unbedingt, sagt der RBK-Chefarzt Mark Dominik Alscher. Kinder haben oft Beschwerden wie Husten, Halsschmerzen oder erhöhte Temperatur. Meist handelt es sich bei solchen Erkältungssymptomen um harmlose Virusinfekte, die nach ein paar Tagen von selbst wieder verschwinden. Und auch HNO-Arzt Horst Luckhaupt aus Dortmund rät Eltern in dieser Zeit zu mehr Gelassenheit: Viel hilft schon ein ruhiger Tagesablauf, leicht verdauliche Kost und bei Husten eine erhöhte Schlafposition. „Bei Fieber können Eltern es mit Hausmitteln wie Wadenwickeln versuchen.“ Aber auch Medikamente wie Paracetamol sind für Kinder verträglich. „Wichtig ist, dass das kranke Kind ausreichend trinkt“, sagen beide Experten. Denn insbesondere bei fiebrigen Erkältungen verliert der Körper viel Flüssigkeit – etwa aufgrund des Schwitzens oder weil das Kind aufgrund seiner verstopften Nase durch den Mund atmet. Das gilt auch für Erwachsene, sagt Mark Dominik Alscher: „Zwei bis drei Liter sind die normale Trinkmenge, bei Erkältungen dürfen es drei bis vier Liter sein.“

Der Gang zum Arzt ist dann notwendig, wenn das Fieber beim Kind lang anhaltend hoch bei 39 Grad liegt. „Je jünger das Kind, umso vorsichtiger sollte man sein“, sagt Luckhaupt, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie. Denn dann steigt die Gefahr eines Fieberkrampfs. Ein weiteres Alarmsignal ist laut Alscher ein heftiger Schüttelfrost, „der das Bett zum Wackeln bringt“. Auch Symptome wie etwa Luftnot sollten medizinisch abgeklärt werden. Ebenso, wenn das Kind über Schmerzen an einem bestimmten Organ wie der Lunge oder der Niere klagt. Dann sollten Eltern mit dem Kind zum Arzt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: