Kompaniechef, Choreograf und Tänzer, Musiker und Entertainer: der Alleskönner Eric Gauthier braucht mehr Geld. Foto: Maks Richter

Für einen Global Player wie Gauthier Dance seien die öffentlichen Zuschüsse am Theaterhaus zu knapp bemessen, findet Eric Gauthier. An Niveau und Stärke der Kompanie will er unbedingt festhalten.

Stuttgart - Mega Israel“ heißt das Programm, am 5. und 6. April zeigt es Gauthier Dance im Harris Theater in Chicago, vom 11. April an folgen vier Vorstellungen im Haus der Berliner Festspiele, beides große Bühnen, auf denen auch das Wuppertaler Tanztheater auftritt. Doch während Eric Gauthier in der Champions League unterwegs ist, muss er zu Hause mit einer Dritt-Liga-Finanzierung klarkommen. „Gauthier Dance ist eine international starke Truppe, wir arbeiten mit wichtigen Choreografen, das kostet, was es kostet“, sagt der Kompanie-Chef lapidar. Vor diesem Hintergrund relativieren sich für Gauthier die 537 500 Euro Zuschuss von Stadt und Land: „Das ist wenig für einen Botschafter wie uns. Jede andere Kompanie von unserem Ruf bekommt mehr.“

Ist die in den zwölf Jahren ihres Bestehens von sechs auf sechzehn Tänzer angewachsene Kompanie, die von zwei Ballettmeistern und weiteren Mitarbeitern verstärkt wird, mittlerweile ein zu dicker Fisch fürs Theaterhaus-Budget? Das ist eine Frage, die sich manche nicht erst mit Blick auf das nun durch die Absage eines Sponsors aufgetretene Finanzloch stellen.

Mit 2,8 Millionen Euro schlug Gauthier Dance etwa 2017 im Theaterhaus-Etat, der insgesamt 11 Millionen Euro umfasste, zu Buche. Rund eine Million Euro spielte die Kompanie wieder ein, doch abzüglich der öffentlichen und privaten Förderung bleiben derzeit rund 1,15 Millionen Euro, die das Theaterhaus querfinanzieren muss. Keine Frage ist für Eric Gauthier, dass er die aktuelle Kompaniestärke braucht, um das künstlerisch hart erarbeitete Niveau zu halten. Das will er auf alle Fälle, am liebsten in Stuttgart. Interessante Angebote von anderen Städten habe er, sagt der Kanadier. „Aber ganz klar ist Stuttgart mein Zuhause“, so bekennt sich Gauthier zum Ort, an dem er künstlerisch groß geworden ist. „Doch ich wünsche mir, dass meine Zukunft hier gesichert ist. Ich muss auch an meine Familie und meine Tänzer denken.“

Lange Umbauzeiten

Dabei ist es nicht allein deren Zahl, die den Tanz fürs Theaterhaus teuer macht. Die Bezahlung der neuen Tänzer rangiere mit einem Bruttoverdienst von 2400 Euro an der unteren Grenze dessen, wovon man in Stuttgart leben könne, gibt Eric Gauthier zu bedenken. Aufwendig ist der Tanz fürs Theaterhaus, weil er durch Bühnenproben und lange Umbauzeiten den großen Saal über die Auftritte von Gauthier Dance hinaus blockiert. Mehrere Tage für Auf- und Rückbau, das summiert sich. „Wir haben sechs Wochen pro Jahr keine Möglichkeit, in der Halle 1 Einnahmen zu erwirtschaften, weil die Vorbereitung für jede Vorstellung von Gauthier Dance ihre Zeit braucht“, mahnte Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier bereits vor zwei Jahren.

Warten auf das Tanzhaus

Abhilfe schaffen soll eine Erweiterungshalle, die für Gauthier Dance und die freie Szene weitere Probe- und Auftrittsmöglichkeiten bieten soll. Wegen der Zusage für diesen Bau hatte Gauthier 2015 seinen Vertrag in Stuttgart bis August 2022 verlängert; die Hoffnung von damals, das neue Tanzhaus bereits mit dem Colours-Festival 2019 bespielen zu können, hat sich schon lange zerschlagen.

Nicht nur deshalb hat Gauthier gerade das Gefühl, rückwärts zu gehen. „Ich verbringe viel Zeit mit der Sponsorensuche, das ist ermüdend. Vor allem habe ich den Eindruck, mich in zwei Welten zu bewegen“, sagt er zur Kluft, die sich für ihn zwischen dem künstlerischen Anspruch und der finanziellen Ausstattung seiner Truppe auftut. „Dabei habe ich große Pläne für die nächste Saison“, sagt Gauthier, der einen „Schwanensee“ des israelischen Choreografen Hofesh Shechter auf dem Wunschzettel hat.

Während sich für das Colours-Festival leichter Sponsoren finden ließen, sei das „running business“ schwerer, klagt Gauthier, der sich zudem mit gestiegenen Gema-Gebühren für Musikrechte konfrontiert sieht. Von Sponsorengeldern abzuhängen, warnte Schretzmeier schon vor zwei Jahren, berge eine „große Gefahr“. 2017 hatte der Theaterhaus-Chef zum zehnten Geburtstag von Gauthier Dance in den Jubel hinein gemahnt: „Momentan wird in Stuttgart über die Zukunft des Automobilsektors und über E-Mobilität diskutiert“, sagte er: „Was das Ende des Verbrennungsmotors für viele Firmen in Baden-Württemberg und den einen oder anderen unserer Sponsoren bedeutet, ist nicht abzusehen. Aber wenn nur ein Teil ihrer Unterstützung für Gauthier Dance wegbricht, haben wir ein dickes Problem“ – Sorgen, die er anlässlich seines 75. Geburtstags im Januar wiederholte. Jetzt ist das Problem da. Und möglicherweise ist das kleine Loch in den Theaterhaus-Finanzen der Vorbote einer größeren Krise der Kulturfinanzierung.

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