Wie grünt denn das? Auf einer Wand in Hohenheim wachsen Bäume und andere Pflanzen horizontal. Für die Idee eines Stuttgarter Start-Upsgibt es bereits Interessenten. Foto: Oliver Willikonsky - Lichtgut

Essbare Eislöffel, Trinkhalme aus gepresstem Apfeltrester, ein ökologisches System fürs Urban Gardening und ein spektakulärer vertikaler Garten, aus dem rotierende Bäume horizontal herauswachsen: In der Universität Hohenheim werden wegweisende Startup-Projekte vorgestellt.

Stuttgart - Da möchte man doch glatt die Wand hochlaufen! Mitten hinein in diesen vertikalen Garten, durch den sich zwischen Moosen, Gräsern, grünen Stauden und blühenden Feuernelken ein Weg schlängelt, auf dem einer sein Fahrrad abgestellt hat. Vielleicht, um eine Rast unter einem der drei waagrecht aus der Wand ragenden Ligusterbäumchen einzulegen, die sich permanent um die eigene Achse drehen.

Schöpferin dieser spektakulären grünen Installation ist Alina Schick, Diplom-Biologin, promovierte Agrarwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des Hohenheimer Start-Ups Visioverdis. Dank ihrer zum Patent angemeldeten Graviplant-Technik werden Gebäudefassaden als neue Lebensräume sogar für Großpflanzen erschlossen. „Wir müssen die Welt mit anderen Augen sehen“, stellt beeindruckt Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) fest, als sie diesen Fassadengarten an einer Mauer hinter einem Gewächshaus in Hohenheim enthüllt. „In Großstädten mit beschränktem Raum“, so die Ministerin, „könnten solche Installationen künftig Smog bekämpfen und das Stadtklima verbessern.“

Zwei Tag lang war ein Kranwagen beschäftigt, 72 Gitterkörbe mit Stauden und Pflanzen sieben Meter hoch zwischen Stahlträgern zu stapeln. 15 Tonnen ist der Fassadengarten inklusive Wasser, Erde und Pflanzen schwer. 160 Kilo wiegt allein das System Graviplant mit Rotor und computergesteuertem Versorgungssystem der Pflanzen mit Wasser und Dünger. Die Kosten beziffert Alina Schick auf insgesamt 120 000 Euro.

Anfragen aus Asien

„Wir bekommen zunehmend Anfragen aus Asien und dem arabischen Raum mit den dortigen Megastädten“, berichtet die 41-Jährige. Sie forscht seit dem Jahr 2009 an den waagrecht wachsenden Pflanzen, die durch die Rotation gleichmäßig von allen Seiten Licht bekommen und daher ebenso gleichmäßig dicht bis ins Innere der Kronen belaubt sind. Inspiriert wurde Schick durch ihre Studienfächer Gravitationsbiologie und Schwerkraftwahrnehmung von Pflanzen. Mit dem Schwerpunktinteresse, wie man auf einer Raumstation wie der ISS Gemüse anbauen könnte.

Eigentlich sei die Idee, rotierende Pflanzen in ungewöhnliche Richtungen wachsen zu lassen, schon 150 Jahre alt: „Erfunden wurde sie von Julius Sachs, der damals mit einem Uhrwerk arbeitete und diese Entwicklung als Klinostaten bezeichnet hat“, erklärt Schick. Sie selbst machte erste Versuche mit einer Waschmaschinentrommel, hatte schöne Erfolge mit Sonnenblumen, aber auch Fehlschläge: Weihnachtssterne lassen sich nicht gern drehen. „Die sind wohl nicht schwindelfrei“, sagt Ministerin Bauer.

Sie war nicht nur nach Hohenheim gekommen, um diesem Fassadengarten und dem Jubiläum 200 Jahre Uni Hohenheim gebührende Bewunderung und Aufmerksamkeit zu erweisen. Nachdem das Wissenschaftsministerium die Förderlinie „Gründungskultur in Studium und Lehre“ aufgelegt hat, informiert sich Bauer auf einer Tour durch die Hochschulen des Landes über „Start-Up-Stories“.

Wissenschaftliche Stelle wird gefördert

In Hohenheim können der Ministerin 15 Start-Up-Geschichten präsentiert werden: Neben den essbaren Produkten, mit denen sich Plastikmüll vermeiden lässt – „don’t waste it, taste it“, eine App für Ernährungsberatung, und ein Recyclingprojekt für kaputte Regenschirme.

Alina Schick und ihre Firma haben von der Förderlinie ebenfalls profitiert „Vor allem“, sagt sie, weil wir die Infrastruktur der Uni nutzen können.“ Darüber hinaus wurden wissenschaftliche Stellen mit 20 000 Euro gefördert. Die Wissenschaftlerin hat einen Traum: In einer Stadt eine richtig große Fassade vertikal zu begrünen. Sie entwickelt bereits neue Ideen und testet, wie sich Rotation und waagrechter Wuchs auf Medizinalpflanzen auswirken und ob die Keller in Wohnblöcken als Äcker genutzt werden können.

Bis zum Jahresende grünt und blüht die Wand an der Heinrich-Pabst-Straße. Eine Nordwand, die jetzt im Sommer erst am späten Nachmittag Sonne bekommt. Dafür leuchtet sie nachts: Dank vieler Lämpchen. Wie in vielen anderen Gärten auch.

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