Flüchtlinge aus Mali in einem Flüchtlingslager in Niger: Der deutsche Entwicklungshelfer wurde vergangene Woche im Westen des Landes entführt. Foto: dpa

Die Geiselnahme eines deutschen Entwicklungshelfers beleuchtet die immer schlechtere Sicherheitslage in Teilen des Sahel. Das riesige Wüstengebiet könnte zu einem Rückzugsgebiet für Dschihadisten aus dem Nahen Osten werden, befürchten Experten des Stuttgarter US-Afrikakommandos.

Stuttgart - Der deutsche Entwicklungshelfer und seine vier Begleiter aus Niger hatten keine Chance. Acht Bewaffnete auf vier Motorrädern rasten auf den Geländewagen zu, umzingelten ihn und brachten ihn zum Anhalten. Sie zerrten die Helfer aus dem Auto. Dann steckten sie das Fahrzeug in Brand. Den deutschen Ingenieur aus Bad Honnef verschleppten sie am Mittwoch vor einer Woche rund 25 Kilometer südlich des Städtchens Inates im Westen des bettelarmen Sahel-Staates Niger nahe der Grenze nach Mali. Die Täter ließen die Einheimischen zurück. Diese beschrieben die Verschleppung womöglich nach Mali, berichtet der französische Sender Radio France International.

Die Hintergründe der Entführung des Mitarbeiters der Bonner Hilfsorganisation Help bleiben unklar. Sicherheitskräfte im Westen und im Niger gehen aber von einer Tat von Dschihadisten aus. Die Region Tillaberi an der Grenze nach Mali gilt seit Jahren als instabil. Immer wieder kommt es dort zu Anschlägen islamistischer Gruppen. Westliche Geiseln werden entführt, um Lösegeld zu erpressen. Die Hilfsorganisation Help, die sich seit 2005 im Niger engagiert, möchte sich „aus Sicherheitsgründen“ nicht zur Entführung ihres Mitarbeiters äußern. Auch das Auswärtige Amt schweigt. Bei dem Entführten handelt sich um einen erfahrenen Afrika-Experten, der die Region seit Jahrzehnten gut kennt.

Für Europa immer wichtiger

Die neuerliche Geiselnahme beleuchtet einmal mehr die sich weiter verschlechternde Sicherheitslage in Teilen der Sahelzone, eines riesigen Wüstengürtels, der sich südlich der Sahara vom Senegal im Westen Afrikas bis nach Eritrea im Osten erstreckt. Die Lage in Mali und Umgebung hat wachsende Bedeutung für Europa, weil nicht nur die Armut, sondern auch die Gewalt der Dschihadisten die Menschen dazu bringt zu fliehen. Deshalb engagieren sich EU und Bundesregierung immer stärker für Entwicklung und Sicherheit in der Region. Die Bundesregierung unterstützt, wie unsere Zeitung berichtete, den Aufbau der Antiterrortruppe G5 der fünf Sahel-Staaten Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Faso und Tschad.

Mit Blick auf die Dschihadisten im Sahel sind sich Experten des Stuttgarter US-Afrika-Kommandos (Africom) sicher: „Von Al-Kaida geht langfristig die größere Gefahr aus als vom Islamischen Staat“, der Organisation, deren Kämpfer aus dem Nahen Osten fliehen. Die Islamisten formieren sich immer wieder neu, wechseln die Seiten, spalten sich ab. Beim Al-Kaida-Ableger im Schlüsselland Mali handelt es sich um die „Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime“(GSIM), eine lose Dachorganisation regionaler Terrorgruppen. Dazu gehören auch: Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQIM), die Gruppe „Die Wächter“ (Al-Murabitun), die „Verteidiger des Glaubens“ (Ansar Dine) und die Macina Befreiungsfront.

Dschihadisten nutzen Armut und Schwäche der Staaten aus

Aber auch mit dem IS verbundene Kämpfer sind in Niger und Mali aktiv, und zwar für den „Islamischen Staat in der größeren Sahara“ (ISGS) und in Nigeria als „Islamischer Staat Westafrika“, eine Abspaltung von Boko Haram. Gefragt nach der Zahl der Kämpfer – zurückgekehrter oder ausländischer – tut sich Africom schwer. Nur so viel: „Das sind Kämpfer aus der Region. Tschetschenen wie in Afghanistan finden sich kaum darunter.“ Für die Dschihadisten haben Grenzen wenig Bedeutung, in einer Region, die auf eine Geschichte als Handels- und Schmuggelroute für Menschen, Waffen und Drogen zurückblickt. Seit jeher war so das Afrika südlich der Sahara mit Nordafrika verbunden – und mit Europa. Die Kämpfer nutzen die Schwäche der armen Staaten und ihrer schlecht ausgestatteten Sicherheitskräfte, Misswirtschaft und Diskriminierung lokaler Bevölkerungsgruppen aus, um Kämpfer und Unterstützung zu finden.

Und wie groß ist die Gefahr für Europa und die USA jenseits der Region? „Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass diese Leute die nächsten Flugzeuge in Hochhaustürme steuern. Mehr Sorgen mache ich mir darüber, dass die Region zu einem sicheren Hafen für diejenigen wird, die von dort aus die nächsten Angriffe planen und ausführen“, sagt ein Africom-Offizieller.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: