Tourt trotz Rücken-OP: Ennio Morricone Foto: dpa

Von „Spiel mir das Lied vom Tod“ bis „Cinema Paradiso“: Noch nicht ganz von einer Rücken-OP genesen ist der Filmkomponist Ennio Morricone (86) ist am Mittwoch in Stuttgart in der Schleyerhalle aufgetreten, hat mit großem Orchester und Chor seine bekanntesten Melodien gespielt

Stuttgart - Ennio Morricone leidet. Es ist ihm deutlich anzusehen, dass ihm der Bandscheibenvorfall Probleme macht, der dafür verantwortlich war, dass er sein eigentlich für Dezember 2014 geplantes Konzert in Stuttgart absagen musste.Nach seiner Rücken-OP dirigierte er erst so lange in seiner Wohnung in Roms Innenstadt, bis er fit für das ganze Konzert war. Am Mittwochabend trägt er nun in der Schleyerhalle ein Stützkorsett unter Jackett und Rollkragenpullover, und verbringt den Abend größtenteils sitzend, mit steifen Verbeugungen.

Seine Hände und Arme hingegen, die schweben und fliegen in den weichen, geschmeidigen und virtuosen Bewegungen eines Dirigenten, der vielleicht halb so alt ist wie er. Ennio Morricone ist 86, sein Auftritt in Stuttgart wird wahrscheinlich der letzte gewesen sein. Entsprechendes Grandeur begleitet sein Konzert. Über 500 Werke in 50 Jahren hat der Römer komponiert, hat den Italo-Western durch seine Klänge unsterblich gemacht, hat große Epen ebenso vertont wie Kunstfilme, hat avantgardistische Werke geschrieben, jazzige, elektronische. Daraus Material für 100 Minuten Musik herauszusuchen ist an sich bereits eine gargantuanische Aufgabe, am Ende obsiegt eine Mischung aus viel geliebten Klassikern der Fans und einigen wohlbehüteten Lieblingen des Maestros selbst. Auch einige seiner berühmten Western-Stücke wird es zu hören geben. Allerdings weniger als die meisten Besucher erwartet haben dürften. Schon im Vorfeld hatte er angekündigt, sich nicht nur darauf reduzieren lassen zu wollen. Ein wenig eitel und dickköpfig ist er eben auch, der Grandseigneur des Soundtracks

Der Maestro, so lässt er sich ohne falsche Bescheidenheit gern nennen, richtet in der Schleyerhalle kein einziges Wort an sein Publikum. 6.000 sind gekommen, um ihm die Ehre zu erweisen, von der Abendgarderobe bis zu Wollmütze und Heavy-Metal-Shirt ist alles vertreten – ein Abbild der Abwechslung, die den Abend bestimmen wird.

Hinter ihm die Zuschauer, vor ihm das Tschechische Nationalorchester nebst gewaltigem Chor. Insgesamt 160 Musiker stehen auf der Bühne, flankiert von Videoleinwänden schreitet Morricone unter verhaltenem Applaus steten Schrittes auf die Bühne. Ein kurzer Blick auf die Notenblätter, schon beginnt es mit „The Strength Of The Righteous“ (aus „Die Unbestechlichen“), einem ungewöhnlichen, zackigen Einstieg.

Die Wahl der Örtlichkeit erweist sich an diesem Abend eher als Fluch denn als Segen. Natürlich ist in der Schleyerhalle nicht die Klangfülle eines Opernhauses zu erwarten. Insbesondere in den leisen, getragenen Momenten verschluckt die Akustik viel von dem, was ein klassisches Konzert ausmacht. An diesem Abend werden deshalb eher Morricones ikonische Westernmelodien – Stücke wie „The Good, The Bad And The Ugly“, „Once Upon A Time In The West“ oder „Ecstasy Of Gold“ (mit der erstklassigen Solistin Susanna Rigacci) die größte Wirkung erzeugen. Direkter, griffiger als viele andere seiner filigran gearbeiteten Kompositionen sind sie, zudem erschallt der 75-köpfige Chor majestätisch und episch genug, um die maue Akustik wettzumachen. Und plötzlich stehen sie im Raum, die Bilder. Staubige Wüsten, galoppierende Pferde, Ledermäntel, gezückte Colts. Es ist pure Magie, ein Film ohne Leinwand.

Dem Maestro dürfte das dennoch nicht geschmeckt haben. Und hat natürlich noch eine Menge andere unvergessliche Melodien in der Hinterhand. Das melancholische „Chi Mai“ aus „Der Profi“ ist neben seinen Western-Stücken wohl seine bekannteste, unzählige Male von Werbung und Popkultur zitierte Komposition. Damit steigt er nach der Pause ein, gefolgt von Musik aus dem märchenhaften „Cinema Paradiso“ (natürlich auch das berührende „Love Theme For Nata“ mit seinen sehnsuchtsvollen Geigen) und fordernden Werken wie „The Battle Of Algiers“. „Chi Mai“ und „Ecstasy Of Gold“ gibt es noch in der Reprise, dann geht der Maestro von der Bühne. Erst jetzt, ganz am Schluss huscht ein kurzes Lächeln über die Lippen des stolzen Römers. Bei jemandem wie ihm, der auch bei Zwischenapplaus, Jubel und stampfenden Füßen keine Miene verzieht, eine große Geste.

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