Altkanzler Gerhard Schröder hat kein Verständnis für die Zuschauer-Strategie. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Für die zahlreichen Kritiker an der Zuschauer-Politik der Europäischen Fußball-Union (UEFA) ist das Fass spätestens am Dienstag übergelaufen.

Frankfurt/Main - Noch bevor die Bilder von den Menschenmassen in Wembley noch mehr gemischte Gefühle bei den Beobachtern in ganz Europa auslösten, hatte der Proteststurm gegen die Zuschauer-Politik der Europäischen Fußball-Union (UEFA) einen neuen Höhepunkt erreicht. „Was die UEFA gerade mit der Öffnung der Stadien für bis zu 60.000 Menschen betreibt, das ist unverantwortlich“, sagte Altkanzler Gerhard Schröder: „Das ist pure Geldmacherei.“

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Wie Schröder bei t-online machte auch Cem Özdemir seinem Ärger angesichts der zugelassenen Besucherzahl bei den abschließenden drei EM-Partien im Londoner Fußballtempel Luft. „So viele Fans ins Stadion zu lassen und aus den Spielen Superspreader-Events zu machen, während sich die gefährliche Delta-Variante in Europa ausbreitet – das halte ich für unverantwortlich“, äußerte der Grünen-Politiker.

Boris Johnson ist gegenteiliger Meinung. „Wenn wir jetzt nicht zu einem normalen Leben zurückkehren, wann dann?“, fragte der britische Premierminister rhetorisch. Laut Özdemir geschieht all das aber ohnehin nur, „damit die Geldmaschine“ läuft. „So macht man den Fußball kaputt“, wetterte der 55-Jährige in den Stuttgarter Zeitungen: „Es ist skandalös, wie die UEFA mit der Gesundheit von Zuschauern und Spielern umgeht.“

Die Kritik kommt von allen Seiten

Diese Auffassung teilen zahlreiche weitere Politiker und Gesundheitsexperten. „Ich bin sorgenvoll und skeptisch, ob das gut ist und nicht ein bisschen viel“, hatte Angela Merkel zuletzt gesagt. Die Bundeskanzlerin hält angesichts steigender Fallzahlen auf der Insel wenig von einem zu zwei Drittel gefüllten Wembleystadion.

Andere brachten die gleiche Ansicht, die angesichts von Tausenden nachgewiesenen Infektionen im Zusammenhang mit dem Turnier nicht weit hergeholt ist, noch deutlicher auf den Punkt. Spitzenpolitiker bezeichneten die Zuschauer-Strategie in den vergangen Tagen unter anderem als „unverfroren“ und „leichtsinnig“.

Auch für Bundesinnenminister Horst Seehofer ist „die Position der UEFA absolut verantwortungslos“. Der Kommerz dürfe „nicht den Infektionsschutz für die Bevölkerung überstrahlen“. Genau das ist aber nach Ansicht der Kritiker der Fall. 

„Mir fehlt jedes Verständnis für das lediglich gewinnorientierte Agieren der UEFA“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Europa-SPD Tiemo Wölken dem RND. Der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold nahm die Regierungen mit in Haftung: „Es ist kein gutes Zeichen für die Demokratie, wenn Regierungen vor einem durch Korruption gekennzeichneten Fußballverband kuschen.“

Auch die Wissenschaft ist skeptisch

Die UEFA, die bereits im Frühjahr aufgrund ihrer geforderten Zuschauer-Garantien in den EM-Stadien heftig attackiert wurde, sieht den Sachverhalt natürlich völlig anders. Alles sei „vollständig auf die Vorschriften der zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden abgestimmt“. Zudem würden die „endgültigen Entscheidungen“ hinsichtlich der Zuschauerzahlen „in die Zuständigkeit der lokalen Behörden“ fallen.

Genau diese Versagen allerdings nach Ansicht des Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der die UEFA „für den Tod von vielen Menschen verantwortlich“ gemacht hat, derzeit in Großbritannien. Das Vereinigte Königreich setzt laut dem SPD-Politiker „voll auf die Strategie ‚viele Kranke, kaum Tote’. Von den Kranken werden aber sehr viele LongCovid entwickeln“.

Auch die Wissenschaft blickt skeptisch über den Ärmelkanal. „Ich sehe das auch mit einer gewissen Sorge. Wir sind schon noch in einer Übergangsphase in dieser Pandemie - und wir sollten nicht zu leichtsinnig werden“, sagte Leif Erik Sander, Leiter der Impfstoff-Forschung der Berliner Charite, im ZDF: „Sehr viele Menschen auf einem Haufen birgt immer noch die Gefahr einer Virus-Übertragung - gerade jetzt mit der Delta-Variante.“

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