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Der Autoexperte Diez schlägt Alarm: Region braucht dringen Experen für Batterietechnik.

Stuttgart - Drei Autoexperten, vier Meinungen. In einem aber sind sich alle einig: Der Elektromotor wird dem herkömmlichen Verbrennungsmotor über kurz oder lang den Rang ablaufen. Und damit möglicherweise auch der Region Stuttgart - falls sie nicht aufpasst.

Stuttgart - Willi Diez gehört nicht zu den Wirtschaftsexperten, die es nötig haben, durch kühne Prognosen auf sich aufmerksam zu machen. Der 57-jährige Chef des Instituts für Automobilwirtschaft kennt sich aus in der Branche - er hat es vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn bis zum Vorstandsreferenten bei Daimler gebracht. Wenn Diez nun mahnt, die Region müsse endlich damit beginnen, eine eigene Kompetenz bei der Autobatterie aufzubauen, will er damit keine Panik erzeugen - Diez sorgt sich vielmehr, dass der Zug der neuen Autotechnologien an der Region Stuttgart vorbeigehen könnte. Nicht ohne Grund.

Überall in der Welt wird fieberhaft an Technologien geforscht, mit denen das Elektroautos und dessen Batterie verbessert werden kann: Noch ist die Batterie schwer, sperrig und teuer; die Reichweite bleibt weit hinter der eines gefüllten Kraftstofftanks zurück, und es dauert Stunden, bis sie geladen ist. Länder und Regionen, in denen hier große Fortschritte gemacht werden, haben gute Chancen, etablierten Autostandorten wie etwa der Region Stuttgart das Wasser abzugraben. "Die Batterie könnte den Elektromotor und im schlimmsten Fall auch den Verbrennungsmotor nach sich ziehen", sorgt sich Diez. "Es gibt ein globales Bedrohungs-Szenario. Die nächsten fünf Jahre werden entscheidend sein."

Die Region Stuttgart ist dazu verurteilt, bei der Elektrotechnologie ganz vorn dabei zu sein - doch bisher gibt es im Land nicht einmal einen Lehrstuhl für Elektrochemie, der sich gezielt mit neuen Batterietechnologien beschäftigt, bemängelt Diez. Die Entscheidung von Daimler, bei neuen Antrieben mit dem chinesischen BYD-Konzern, dem US-Sportwagenhersteller Tesla und mit Renault zusammenzuarbeiten, sei nicht ohne Grund gefallen. Auch in Deutschland setzt der Autokonzern auf Standorte wie Kamenz in Sachsen, wo eine neue Batteriefabrik entsteht, und Berlin, wo die Kompetenz für den Elektromotor gebündelt werden soll.

IHK will ihre Mitglieder mobilisieren

Auch die IHK der Region Stuttgart, die Diez mit einer Studie über die Perspektiven des Autostandorts beauftragt hat, zeigt sich alarmiert: "Wir werden jetzt unsere Mitglieder mobilisieren und bei nächster Gelegenheit Ministerpräsident Mappus auf das Thema ansprechen", erklärte IHK-Präsident Herbert Müller. Auch Hauptgeschäftsführer Andreas Richter sieht einen Nachholbedarf in Sachen Forschung: "Es geht schon damit los, dass Besetzungsverfahren für eine Professur bis zu eineinhalb Jahre dauern." Damit könne man kaum einen international erfahrenen Experten finden. Auch Diez rät dazu, nicht nur in Deutschland nach Experten zu suchen: "Weil wir keine Studenten ausbilden, bekommen wir auch keinen eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs." Die Region müsse auch im Ausland nach entsprechend qualifizierten Forschern suchen.

Was aber tut die Wirtschaft selbst, um die Qualifikation zu verbessern? Eine ganze Menge, sagt Richter. So habe man Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Kfz-Mechatroniker bald für den Umgang mit den E-Autos qualifiziert werden. Wegen der lebensgefährlichen Hochspannungsenergie dürften bisher nur Elektroingenieure mit den Fahrzeugen hantieren - künftig werde es eine zertifizierte Weiterbildung geben, mit der auch Mechatroniker dazu in der Lage seien.

Auch wenn die Zeit drängt - Diez warnt davor, dass die Region ihre eigenen Kompetenzen kleinredet. Der Verbrennungsmotor werde durch die neuen Technologien zwar bedrängt, aber über Jahrzehnte hinaus nicht ersetzt. Die nächsten Jahrzehnte gehören seiner Ansicht nach Kombinationen aus konventionellen und neuen Antriebstechnologien. Zum Beispiel dem Plug-in-Hybrid, der im Stadtverkehr voll elektrisch gefahren und auf Benzin oder Diesel umgeschaltet werden kann, wenn die Batterie ihren Geist aufgibt. Noch im Jahr 2030 würden 59 Prozent aller neuen Autos einen Verbrennungsmotor besitzen - mit oder ohne Zusatzaggregat, so Diez. IHK-Präsident Müller warnt daher davor, die bisher dominierende Technologie zu verteufeln. "Grüne Mobilität ist machbar. Aber man sollte sich nicht einseitig auf den Elektroantrieb konzentrieren."

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