Beliebtes Ziel für Touristen: die berühmte Celsus-Bibliothek in Ephesos Foto: IMAGO/Pond5 Images

Wütende Türken haben jüngst amerikanische Luxustouristen verjagt, die ein Freiluft-Diner vor der weltberühmten Ruine der Celsus-Bibliothek genießen wollten. Die Einheimischen kritisieren den Ausverkauf kultureller Stätten an den Tourismus.

Ein „einmaliges Erlebnis“ war den Passagieren des amerikanischen Kreuzfahrtschiffes Wind Star versprochen, und das bekamen sie auch: Von einer wütenden Menge aus Ephesos verjagt zu werden ist schließlich keine alltägliche Erfahrung. Auf das Fünf-Gänge-Menü, das ihnen in den Ruinen der antiken Celsus-Bibliothek exklusiv von Kellnern in weißen Handschuhen serviert werden sollte, mussten die Touristen in dieser Woche allerdings verzichten, ebenso auf die angekündigte Kammermusik.

Hunderte Einheimische umstellten die Tische der Touristen

Stattdessen bekamen sie patriotische Märsche von Hunderten Türken zu hören, die ihre Tische umstellten und mit lautem Gesang gegen das Galadiner für die ausländischen Luxustouristen in der antiken Stätte protestierten. Die Touristen zogen sich eilig auf ihr Schiff zurück, das gegen Mitternacht in See stach und Kurs auf Griechenland nahm.

In der Türkei entbrannte inzwischen eine Debatte über den Ausverkauf kultureller Stätten an den Tourismus.

Schon seit sieben Jahren bietet das amerikanische Unternehmen Windstars den Passagieren seiner Mittelmeerkreuzfahrt das exklusive Freiluft-Diner in Ephesos an. Die Celsus-Bibliothek wird für diese Abendessen abgesperrt, vor der weltberühmten Ruine werden weiß gedeckte Tische aufgestellt, der Schauplatz wird mit Strahlern ausgeleuchtet, und hundert Luxustouristen dürfen zu den Klängen eines klassischen Trios „im Zauber dieser antiken Ruinen“ speisen, wie die Kreuzfahrt angepriesen wird.

Bisher wurde diese Vermietung eines fast zweitausend Jahre alten Kulturgutes in dem Land nur vereinzelt von Kulturschützern kritisiert, von den türkischen Behörden als gutes Geschäft verteidigt und von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Doch in dieser Woche stolperte das türkische Tourismus- und Kulturministerium über die eigenen Füße.

Um den Massenansturm und die ständig steigenden Touristenzahlen zu bewältigen, installierte das Ministerium in diesem Jahr nächtliche Beleuchtung in Ephesos und verlängerte die Öffnungszeiten für die Ausgrabungen über den Sommer bis Mitternacht; denn schon 2023 kamen 2,2 Millionen Besucher nach Ephesos, in diesem Jahr werden 2,5 Millionen erwartet.

Einheimische Besucherströme kollidieren mit den Luxustouristen

Was das Ministerium dabei offenbar nicht bedachte, war das Zusammentreffen der Besucherströme in den verlängerten Öffnungszeiten mit den Luxustouristen, die das Areal bisher nach der Schließungszeit exklusiv nutzen konnten. Weil in der Türkei derzeit Ferien zum islamischen Opferfest sind, strömten diese Woche Zehntausende einheimische Besucher nach Ephesos – und trafen dort auf Absperrungen, mit denen die berühmte Celsus-Bibliothek für die Kreuzfahrturlauber reserviert wurde.

Was dann geschah, dokumentierten Dutzende empörte Ausgrabungsbesucher mit ihren Handykameras. Immer mehr türkische Touristen sammelten sich vor der Absperrung an, die ihnen den Weg zu der Bibliothek versperrte, und verfolgten mit wachsender Frustration den Reigen der Kellner bei dem Diner. „Erst mal haben alle gebuht und gepfiffen“, berichtete die Besucherin Nurseli Karatepe dem türkischen Archäologie-Portal Arkeofili. „Dann ist ein Bürger über die Absperrung geklettert und an den Wachmännern vorbei, darauf ist ihm die ganze Menge gefolgt.“


Die Buhrufe dauern in der Dunkelheit an

Videos von Teilnehmern des Protestes zeigten Demonstranten in Urlaubskleidung, die auf den Stufen der Bibliothek und rings um die gedeckten Tische stehen, zunächst pfeifen und buhen und dann patriotische Lieder singen, die Atatürk und die türkische Republik hochleben lassen; die Kreuzfahrtpassagiere stehen von den Tischen auf und gehen, die Beleuchtung wird abgeschaltet, die Buhrufe dauern in der Dunkelheit an.

In der türkischen Öffentlichkeit entbrannten flammende Diskussionen zu dem Thema. Während in linken Medien der Ausverkauf der Kultur an den Tourismus angeprangert wurde, geißelten nationalistische Medien den Vorzug, der ausländischen Touristen gegenüber Türken gewährt werde. Weder das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus noch der amerikanische Veranstalter wollten sich auf Anfrage zu dem Vorfall äußern.