Bei der Veranstaltung „Meine Wurzeln“ berichten Flüchtlinge, wie sie in Eislingen angekommen sind. Foto: /Ines Rudel

Welche Ziele, Wünsche und Hoffnungen haben geflüchtete Kinder, Jugendliche und Erwachsene? Im Eislinger Rathaus gibt es Antworten auf die Frage.

Eislingen - Es liegen lange, oft staubige und steinige Wege hinter ihnen – und das sowohl im tatsächlichen als auch im übertragenen Sinn. Mehr als eine Million Menschen kamen im Jahr 2015 nach Deutschland. Und obwohl erst wenige Jahre seitdem vergangen sind, sind einige der Flüchtlinge inzwischen bereits auf einem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. 17 jener Menschen, denen mehr als ein physisches Ankommen in Deutschland gelungen ist, werden noch bis zum 14. November unter dem Titel „Angekommen in Eislingen“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Meine Wurzeln“ im Eislinger Rathaus porträtiert. Neben Statements der Geflüchteten und ihrer Arbeitgeber wurden die Menschen zuhause und am Arbeitsplatz, allein und mit ihren Arbeitgebern von dem Eislinger Fotografen Paul Kottmann fotografiert.

Siebtklässlerin will Medizin studieren

Eine der Porträtierten ist die zwölfjährige Ahed Ebraheem. Sie wird zusammen mit ihrer älteren Schwester Raghad vorgestellt. Die Mädchen sind mit ihrer Familie Ende 2015 nach Deutschland gekommen. Rasch haben sie die Sprache gelernt. Beide besuchen das Erich-Kästner-Gymnasium in Eislingen. „Ich habe viele Bücher gelesen und geredet“, erklärt Ahed ihre schnellen Erfolge beim Lernen der neuen Sprache. Geboren wurde die Siebtklässlerin als Tochter einer palästinensischen Familie in Syrien. Bisher ist sie wie ihre Schwester Raghad ohne eine Staatsbürgerschaft. „Manchmal hat man das Gefühl, dass man nirgends dazugehört“, sagt Ahed ein wenig traurig. Einen Berufswunsch hat sie schon vor Augen. Sie möchte Medizin studieren und Chirurgin werden.

Industriemechaniker ist eine Berufung

Bereits im Berufsleben steht Amir Estanikzei, dessen Geschichte ebenfalls auf einem der Rollups zu lesen ist. Der Afghane kam ebenfalls Ende des Jahres 2015 nach Deutschland. Probleme bereiteten ihm zunächst die neue Sprache. Allerdings habe er wenigstens die Buchstaben aus dem Englischunterricht im Iran gekannt, wo der junge Mann aufgewachsen ist. „Nach ein paar Monaten lief es besser mit der Sprache, und ich konnte einen Hauptschulabschluss machen“, berichtet der 21-Jährige. Nach seinem Schulabschluss hat er einen Ausbildungsplatz zum Industriemechaniker bei der Firma Ziller Präzisionsfedern in Böhmenkirch gefunden. „Das ist meine Berufung“, freut er sich über die Arbeit an verschiedenen Maschinen. Zunächst möchte er nun seine Ausbildung erfolgreich beenden.

„Wir blicken heute auf Menschen, die viel auf sich genommen, viel gewagt und viel riskiert haben“, sagte Eislingens Oberbürgermeister Klaus Heininger während der Präsentation der Rollups in der Stadthalle am Mittwochabend. Er betonte, dass in der bereits als „Stadt der Vielfalt“ ausgezeichneten Großen Kreisstadt Menschen aus rund hundert Ländern lebten.

OB Heininger: Beispielhafter solidarischer Kraftakt

Die Ankunft vieler Geflüchteter innerhalb kurzer Zeit habe den Staat 2015 vor große Herausforderungen gestellt. Ohne die Hilfe vieler Ehrenamtlicher vor Ort wäre es kaum gelungen, diese Aufgabe zu meistern. „Diese große Flüchtlingswelle, mit weit über einer Million Menschen, die in kürzester Zeit aufgenommen und untergebracht werden mussten, löste in unserer Gesellschaft einen beispielhaften solidarischen Kraftakt aus“, sagte Heininger. In Eislingen seien es die Treffen im Café Asyl, im Familientreff und beim monatlichen Kreativtreff, aber auch beim internationalen Frauenfrühstück und beim internationalen Fest, welche von Ehrenamtlichen getragen würden und die „eine gute Wirkung für unsere Integrationsbemühungen“ hätten.

Der Oberbürgermeister warb dafür, Vielfalt als Chance und Bereicherung zu sehen. „Auf dieser Grundlage lassen Sie uns gleichberechtigte Zugangs- und Teilhabemöglichkeiten zu Bildung, Sport, Kultur, Beruf, Wohnraum, sozialen Dienstleistungen und gesundheitlicher Versorgung für die zu uns gekommenen Menschen schaffen“, meinte der Schultes.

Große Problem: Erlernen der deutschen Sprache

Bei aller Freude über die Vorstellung der Erfolgsgeschichten von Geflüchteten erklärte Heininger auch, dass es bei der Integration weiterhin viel zu tun gebe. So hätten zwar vor allem gut gebildete Flüchtlinge inzwischen oft einen Arbeitsplatz gefunden. Menschen ohne Vorbildung hätten es aber schwer, Fuß zu fassen.

Dies bestätigte auch die Eislinger Integrationsmanagerin Renate Völlinger. Große Probleme bereite vielen Geflüchteten weiterhin das Erlernen der deutschen Sprache, wie sie aus Gesprächen mit Arbeitgebern wisse. Sie betonte in ihrer Begrüßungsrede jedoch, dass die 17 Porträtierten bereits heute aus ihrer Biografie in Deutschland eine Erfolgsgeschichte gemacht hätten.

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