Im Lebensmittelladen Epicerie Fine im Stuttgarter Süden gibt es derzeit den Mittagstisch zum Mitnehmen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski Foto:  

Viele kleine Lebensmittelgeschäfte blicken sorgenvoll in die Zukunft. Sie müssen ihre Angebote umstellen und die Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Viele versuchen, ihr Geschäftsmodell umzustellen, um die Krise überstehen zu können.

Stuttgart - „Was soll ich sagen?“ Auf die Frage, wie es bei ihm derzeit läuft, antwortet Jens-Peter Wedlich mit dieser Gegenfrage. Vor drei Jahren hat er den ersten „Unverpackt“-Laden in Stuttgart eröffnet. Im Schüttgut an der Vogelsangstraße im Stuttgarter Westen verkauft er unverpackte Lebens-, sowie Reinigungs- und Körperpflegemittel. Seit dem das öffentliche Leben aufgrund des Coronavirus stillsteht, hat er – wie viele kleine Händler – oft schlaflose Nächte. „Mein Problem ist, dass ich aufgrund vieler krankheitsbedingter Ausfälle mit der halben Kraft der Mitarbeiter unterwegs bin“, sagt Wedlich. Deshalb habe er die Öffnungszeiten reduzieren müssen.

Seit Beginn der Einschränkungen hat er massive Schwankungen bei der Nachfrage. „Kurz nach den Schulschließungen haben sie mir den Laden leer gekauft“, sagt er. Danach habe er extreme Umsatzeinbrüche gehabt, im Moment pendele es sich etwas ein. „Wir dürfen nur zwei bis drei Leute in unseren Laden haben.“ Die Folge: Der Umsatz ging um 20-30 Prozent zurück. Sein Problem? „Ich verdiene zu viel, um staatliche Hilfe zu bekommen, aber zu wenig, um alle laufenden Kosten zu decken“, sagt er. Dabei sieht der Einzelhändler durchaus Vorteile: „Uns geht es gut, wir können noch arbeiten – im Gegensatz zu anderen.“ Ganz klar sei aber: über Monate könne er das nicht durchhalten. Wedlich treibt vor allem die Ungewissheit um. Wie lange wird das gehen? Wann sind die Mitarbeiter wieder einsatzfähig? Was passiert, wenn derweil ein anderer an Corona erkrankt?

Der Mittagstisch To Go kommt sehr gut an

Das fatale an der derzeitigen Lage: Kleine Einzelhändler und Solo-Selbstständige trifft die Krise extrem hart. Bei den meisten ist die Existenz bedroht. Bevor sie staatliche Hilfe bekommen, müssen sich sich durch zig Formulare quälen.

Diese Sorgen und Ängste plagen derzeit viele. Cornelia Hebener, Inhaberin des französischen Feinkostladens Épicerie fine an der Olgastraße im Stuttgarter Süden, hofft stark, dass „es nur bis Ostern geht“. Sie hat normalerweise viele Geschäftskunden, die zum Mittagessen bei ihr vorbeischauen. Einen Mittagstisch darf sie aber derzeit nicht mehr anbieten.

Deshalb hat sie umgestellt, das Mittagessen kann nun mitgenommen werden. Sie merke, wie vielen Leuten dies gut tue, wenigstens ein bisschen soziale Kontakte in der Mittagspause zu haben. „Unser Geschäftsmodell, wie es bisher war, können wir in die Tonne treten. Da müssen wir uns schleunigst etwas Neues überlegen.“ Auch draußen auf den Straßen, obwohl sie fast noch mitten in der Innenstadt ihren Laden hat, herrsche so eine „Sonntags-Weltuntergangsstimmung“: „Manchmal wie in so einem Science-Fiction-Film.“ Abgesehen von der wirtschaftlichen Lage, die richtig „mies“ werde, findet Hebener es aber nicht so schlecht, wenn man verfestigte Dinge durch die Krise auch mal wieder in Frage stellt.

Die Krise zeigt auch schonungslos, was ohnehin in der Gesellschaft schief läuft

Darauf hofft auch Wedlich. Er war mit seinem Unverpackt-Laden ein Pionier in Sachen nachhaltiges Einkaufen in Stuttgart. In der derzeitigen Lage sieht er auch ein ursächliches, gesellschaftliches Problem zu Tage treten. Nämlich, dass es häufig die Kleineren und Ärmeren trifft. „Dabei brauchen wir die Solidarität von allen – von den Großen und den Kleinen.“

Auch bei der Stuttgarter Bäckerei Frank kommt man langsam ins Straucheln. Monika Frank sagt, man beantrage auf jeden Fall für Teile des Betriebes Kurzarbeit. „Im Moment fliegt es uns noch nicht um die Ohren, aber das ist eine Frage der Zeit“, sagt Frank, die die Geschäfte gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Bei ihnen betrifft es vor allem die Produktion, weil das Liefergeschäft an Firmen komplett weggebrochen ist. Auch die Fahrer seien natürlich nicht mehr ausgelastet. „Wir haben weniger Umsatz, aber viel Verwaltungsaufwand“, fasst sie die Situation zusammen. Trotzdem achtet Frank darauf, dass das Menschliche nicht leidet. Sie spreche mit allen Bäckern persönlich, versuche ihnen die Angst zu nehmen und auch bei ihren Verkäuferinnen wisse sie, wer derzeit mehr Zuspruch von ihr brauche. „Viele unserer Angestellten haben Angst, da bin ich als Chefin in der Verantwortung.“ Auch Monika Frank hofft aber, dass die Lage in vier Wochen wieder besser aussieht und es weitergeht.

Manche versuchen es mit Humor

Orhan Sevimli klingt als einer von wenigen Händlern nicht entmutigt: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos – sagt man doch so.“ Seit 2001 führt der gebürtige Türke das Lebensmittelgeschäft Markt-Ecke an der Ecke Senefelder-/ Gutenbergstraße. „Wenn jeder sich an die Verpflichtungen hält, wird das nicht so schlimm“, glaubt er. Im Laden gehe es allen gut, niemand habe Symptome. Finanzielle Einbußen hat auch er, ein Teil seines Umsatzes macht er mit der Mitarbeitern der umliegenden Firmen. Dort arbeitet derzeit aber kaum jemand. „Aber ich habe viele Stammkunden. Die sind mir treu.“

Sevimli ist trotzdem zu Scherzen aufgelegt: „Ich lebe noch, wie Sie hören, und Sie ja auch – das ist doch was Positives.“

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