In Pyramid Hill gibt es sogar ein philippinisches Lebensmittelgeschäft Foto: dpa/Christoph Sator

Im Umgang mit Flüchtlingen ist Australien sehr streng. Es kann aber auch anders: In der Provinz, wo viele wegwollen, sind Ausländer willkommen. Vorausgesetzt, sie sind bereit, im Schweinestall und Schlachthaus zu arbeiten. Ein Vorbild für Deutschland?

Pyramid Hill - Der Pfarrer, der sonntags die Messe liest: von den Philippinen. Die Männer von der örtlichen Feuerwehr mit ihren gelben Helmen: von den Philippinen. Das Essen im Lebensmittelladen neben der Bank: alles von den Philippinen. Völlig normal, wenn das hier Manila wäre oder irgendeine der mehr als 7500 philippinischen Inseln. Ist es aber nicht, sondern Pyramid Hill. Ein Kaff von 551 Einwohnern in der tiefsten australischen Provinz.

Bis Manila sind es Luftlinie 6000 Kilometer. Melbourne, die nächste Großstadt, ist zweieinhalb Autostunden entfernt. Eine dieser typischen australischen Landschaften, wo es mit jedem Kilometer einsamer wird. Zwei Besonderheiten hat Pyramid Hill, immerhin: den Berg in Pyramidenform, von dem der Name kommt. Und die Tatsache, dass ein Viertel der Einwohner von den Philippinen stammt.

Ausnahmen bei eigenen Interessen

Das Städtchen ist Beispiel dafür, dass Australien mit Einwanderern durchaus anders umgehen kann. Nicht so wie mit unerwünschten Bootsflüchtlingen, die man nicht einmal an Land gehen lässt, sondern auf weit entfernte Inseln bringt. Die rechtskonservative Regierung des ehemaligen Einwanderungs- und heutigen Premierministers Scott Morrison ist für harte Abschottungspolitik bekannt.

Wenn es den eigenen Interessen dient, werden Ausnahmen gemacht. Insbesondere in Gegenden, die unter Landflucht leiden, weit entfernt von den Millionenmetropolen an der Küste wie Sydney, Melbourne oder Perth. Dort wandern viele Einheimische ab, vor allem jüngere Leute. Deshalb sind Einwanderer willkommen: von den Philippinen, aber auch aus Kriegsgebieten wie Afghanistan, Syrien oder dem Irak.

So fing alles an

In Pyramid Hill begann alles damit, dass der Schweinezuchtbetrieb „Kia Ora“ („Willkommen“) keine Arbeitskräfte mehr fand. 2008 lebten nur noch etwas mehr als 400 Leute in der Gemeinde. Viele Häuser standen leer. Also flog Geschäftsführer Tom Smith nach Manila, um Philippiner anzuheuern. Er fand vier. Die ersten Ankömmlinge holten Freunde und Verwandtschaft nach. Inzwischen sind es mehr als 120.

Einer von ihnen ist Josh Fernandez, der vor ein paar Jahren mit den Eltern kam. „Die Arbeit im Stall ist hart. Aber ich bin glücklich“, sagt der 21-Jährige mit breitem Aussie-Akzent. Bürgermeisterin Cheryl McKinnon meint: „Hier gibt es niemanden, der irgendetwas auszusetzen hätte. Die Neuen haben Leben in unsere kleine Stadt zurückgebracht.“

Einfache Handhabe mit Philippinern

Für ganz Australien - ein Land mit 25 Millionen Einwohnern - gibt es im Rahmen eines Regierungsprogramms pro Jahr 23.000 Plätze für solche Einwanderer. Voraussetzung: Sie dürfen nicht in die Großstädte ziehen, sondern müssen in strukturschwache Regionen. Nach drei Jahren können sie sich um die Staatsbürgerschaft bemühen. „Regional-Visum“ nennt sich das. Keineswegs selbstverständlich für ein Land, in dem die Hälfte sagt, es gebe „zu viele Ausländer“.

Mit Philippinern verläuft die Eingliederung nach den bisherigen Erfahrungen leichter als mit anderen Nationalitäten. Die meisten sind katholisch. Viele sprechen bereits Englisch. Bürgermeisterin McKinnon sagt: „Wir sind nicht multikulti, sondern bikulti. Zwei Kulturen nur.“ Sie meint: „Das kann Vorbild für andere Länder sein. Deutschland hat ja auch Landstriche, wo kaum noch Junge wohnen.“

Gelobtes Land

Beispiele für gelungene Integration gibt es in Australien aber auch mit Einwanderern aus anderen Herkunftsländern. In Wagga Wagga, 64.000 Einwohner, 500 Kilometer südwestlich von Sydney, leben Leute aus 112 verschiedenen Nationen. Erst kamen Flüchtlinge aus Myanmar, dann Afghanen und schließlich Jesiden aus dem Irak. Einwanderungsminister David Coleman lobte die Stadt bei einem Besuch als „herausragendes Beispiel für eine erfolgreiche Neuansiedlung“.

Für Shahab Mahmood (27), einen von 500 Jesiden, ist Wagga Wagga gelobtes Land. Nach der Flucht vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) lebte er fünf Jahre in Kurdistan im Flüchtlingslager, bevor er in einem Kontingent von 12 000 Flüchtlingen nach Australien durfte. „Ich habe mich in 27 Jahren noch nie so gefühlt wie in den letzten fünf Monaten“, berichtet er. „Vom ersten Tag an hat uns jeder behandelt, als ob wir Australier wären. Ich will Teil der Gemeinschaft sein.“

Knochenjobs für Einwanderer

Im Moment verdient Mahmood sein Geld mit Übersetzungsarbeiten. Auch in Wagga Wagga haben jedoch viele Einwanderer Knochenjobs übernommen, für die Australier nur schwer zu finden sind. Viele arbeiten im Schlachthaus: 900 Leute, 40 verschiedene Nationalitäten. Bürgermeister Greg Conkey sagt: „Das sind hart arbeitende, zuverlässige, ehrliche Leute. Die bereichern unsere Kultur.“ Kürzlich überreichte Conkey wieder 40 Neu-Australiern ihren Pass.

Auch Josh Fernandez, der junge Philippiner aus Pyramid Hill, hat inzwischen die australische Staatsbürgerschaft. Sein Plan ist, noch ein paar Jahren in der 551-Seelen-Gemeinde zu bleiben. Aber dann will er weg. „Nach Melbourne, in eine größere Stadt.“ Seine beiden Schwestern studieren dort schon.

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