Letzter Feinschliff am Hermès-Laden in Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Luxus-Label Hermès ist bekannt für Leder, edle Seidentücher und unbezahlbare Taschen mit Wartezeiten bis zu zwei Jahren. Doch was sucht das Pariser Unternehmen gerade in Stuttgart?

Stuttgart - Stuttgarts Handel wird ein Stückchen exklusiver. Hermès eröffnet an diesem Donnerstag einen eigenen Laden in Stuttgart. Nachdem die französische Luxusmarke zwölf Jahre lang Taschen, Lederwaren oder Seidentücher im Kaufhaus Breuninger verkaufte, setzt Hermès mit der Eröffnung in der Stiftstraße 3 „ein deutliches Zeichen für das Vertrauen in den deutschen Markt“, wie eine Sprecherin sagt. Genau genommen ist es ein Vertrauensbeweis in den Stuttgarter Markt – oder wie die Hermès-Sprecherin sagt: „Es ist ein Statement für die Stadt.“ Denn hier ist nach München das zweitgrößte Haus (mit 355 Quadratmetern Ladenfläche) von insgesamt 16 Boutiquen in ganz Deutschland entstanden.

Die Frage, warum dies ausgerechnet in Stuttgart geschieht, lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. Natürlich ist die wirtschaftsstarke Metropolregion mit ihrem starken Pro-Kopf-Einkommen die Basis für gute Geschäftsperspektiven. Aber ein Garant für den Erfolg ist auch dies noch lange nicht. Die Marktforscher der Unternehmensgruppe, die im Jahr 2018 einen Gesamtumsatz in Höhe von 5,966 Milliarden Euro machte und im zweiten Quartal 2019 bereits bei 3,284 Milliarden Euro liegt, haben eine Besonderheit an der Stadt im Kessel ausgemacht. Wenn man so will, haben eher weiche Standortfaktoren den Ausschlag gegeben.

Stuttgart besitzt eine hohe Anziehungskraft

Der Unternehmensgruppe ist offenbar nicht entgangen, dass Stuttgart kulturell einen exzellenten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus hat. Die Hermès-Sprecherin hastet daher durch eine Aufzählung von Attraktionen wie dem Ballett, der Kunst-Museen, Eric Gauthier, aber auch der beiden Automobil-Hersteller samt ihren Museen. „Das zieht sehr viele Menschen nach Stuttgart. Die Stadt hat eine positive Anziehungskraft“, so die Ansicht der Kommunikationsleiterin von Hermès. Das freut Stuttgarts Marketing-Chef Armin Dellnitz: „Ich muss sagen, dass ich das in den vergangenen zwei, drei Jahren immer öfter höre.“ Von außen werde die Stadt deutlich positiver bewertet als von innen. Es sei tatsächlich ein oft beobachtetes Phänomen, dass Stuttgarter ihre Stadt schlechter machten und sich zu sehr auf die Probleme fokussierten.

Für den Touristik- und Marketing-Experten steht das „kulturelle Angebot daher stellvertretend für die Anziehungskraft der Stadt“. In der habe sich das Veranstaltungsangebot so rasant entwickelt, „dass wir eine der auffälligsten Großstädte Deutschlands geworden sind“. Dellnitz geht sogar davon aus, dass solche Einschätzungen von Firmen wie Hermès eine wichtige Rolle dabei spielen können, „dass die Stadt in den kommenden drei bis fünf Jahren noch einen Schub bekommen wird“. Inzwischen prognostizieren seine Kollegen in Deutschland – halb anerkennend, halb neidvoll – Stuttgart einen positiven Wandel. „Schon jetzt ist die Zahl der ausländischen Touristen, insbesondere der kaufkräftigen Chinesen, hoch“, so Dellnitz. „Von daher ergibt das Engagement von Hermès durchaus Sinn.“

Kaufkräftige Touristen

Trotz allen globalen Denkens und dem Blick auf die Touristen: Hermès glaubt auch an die Stuttgarter als Kunden. Die neue Adresse mit ihren 14 Mitarbeitern „identifiziere sich mit dem kreativen und unternehmerischen Geist der Stadt“. Was etwas hochtrabend klingen mag, soll heruntergebrochen heißen: Die Menschen der Stadt des (Automobil-)Handwerks, der Ingenieure, des Wissens und der Kunst setzten auf Qualität. „Und wir stehen für Qualität“, so die Firmensprecherin selbstbewusst.

Sichtbar werde dies auch mit dem neu errichteten und von Hermès gestalteten Haus (früher Uli Knecht) des Eigentümers Aachener Grund, das mit erlesenen Materialien gespickt ist. Die Fassade ist aus beigefarbenem Muschelkalk gestaltet, im Inneren finden sich ikonische Ex-Libris-Mosaikböden. Verpackung und Inhalt sollen freilich zu dem gesamten Stadt-Ensemble passen, das durch die Ansiedlung von Hermès noch stärker geworden ist. Gemeint ist die frequenzstarke Achse, die bei Boss auf der Königstraße beginnt und sich über die Stifts- und Dorotheenstraße ins gleichnamige Quartier und dann zu Breuninger windet.

Dieses Luxus-Quartier setzt damit den Kontrapunkt zur Königstraße, die immer „konsumiger“ wird, wie es im Handelsjargon heißt. Wo früher Wempe (jetzt Kirchstraße) oder der Juwelier von Hofen (jetzt Calwer Straße) Geschäfte gemacht haben, ziehen nun auch Burger-Läden ein. Laut den Immobilien-Experten von Colliers wird sich dieser Trend fortsetzen. Der Anteil von Gastronomie in der Königstraße wird weiter steigen. Die Innenstadt dürfte sich noch markanter in verschiedene Quartiere aufteilen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: