OB Fritz Kuhn auf dem Stuttgarter Wochenmarkt. Foto: Lichtgut

Plastikfrei Einkaufen auf dem Wochenmarkt – bis Ende des Jahres soll das in Stuttgart vollständig möglich sein. Am Samstag gab Oberbürgermeister Fritz Kuhn den Startschuss.

Stuttgart - So mancher Passant schaut interessiert. Der Markt ist längst geöffnet – warum schwingt dann Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn die Marktglocke vor dem Informationsstand der Märkte Stuttgart GmbH in der Kirchstraße? Es ist eine symbolische Handlung auf der 11. Erzeugermeile der Stuttgarter Wochenmärkte, die Signalwirkung haben soll. „Ich läute den plastikfreien Wochenmarkt in Stuttgart ein. Dazu brauchen wir aber auch Sie, als Kundinnen und Kunden“, so der OB, bevor er Erich Kästners „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“ zitiert. Bis Ende 2019 soll es so weit sein: Die Stadt will mit den Märkten Stuttgart sukzessive einführen, dass auf allen 29 Wochenmärkten plastikfrei eingekauft wird. Dazu hatte die Gemeinderatsfraktion der Grünen im Juni 2018 einen Antrag gestellt. „Wir stehen absolut dahinter“, erklärt Thomas Lehmann, Geschäftsführer der Märkte Stuttgart GmbH.

Mit den 200 Markthändlern wolle man ein Zeichen setzen. Wichtig sei neben dem Umdenken der Händler auch das der Kunden und Verbraucher. „Sie können selbst einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie eigene Stofftaschen, Körbe oder andere umweltfreundliche Behältnisse zum Einkauf auf den Markt mitbringen.“ Einige der Markteinkäuferinnen und –einkäufer, die stehengeblieben sind, nicken. Einer öffnet gar seine Tasche, verweist auf das Obst und Gemüse darin und betont „Mache ich schon immer so!“

Stoffbeutel, Bienenwachspapier und Metalldosen zum Einpacken

Die Ur-Stuttgarterin Lena Hils aus dem Osten der Stadt muss keiner überzeugen. Sie hat bei der Facebook-Verlosung „Plastikfrei einkaufen mit dem Oberbürgermeister“ eine nachhaltige Einkaufstour gewonnen – inklusive Einkäufe und plastikfreies Startpaket. „Wir versuchen, nachhaltig zu leben. Kaufen auf den Märkten ein.“ Die Aktion sei klasse, lobt sie. „Der Zustand der Weltmeere und Flüsse ist längst bekannt, ich hoffe, dass viele für plastikfreies Kaufen sensibilisiert werden.“

Lesen Sie hier: Wie einfach geht plastikfreies Einkaufen in Stuttgart?

Wie das geht? Mit Stofftüten, die vielfach verwendet werden, Gemüsebeutel, Bienenwachspapier oder Metalldosen, so OB Kuhn und Marktleiter Lehmann. „Auch eine Papiertüte hat eine schlechte Ökobilanz, wenn man sie nicht mehrfach nutzt“, bemerkt Kuhn. Sie stürzen sich ins Getümmel auf dem Marktplatz – trotz bewölktem Himmel ist viel los –, Hils folgt mit Ehemann Oliver sowie den Kindern Bo und Merle. Neben Rathausmitarbeitern ist zudem Angelika Lehmann im Tross – eine wichtige „Informantin“ an diesem Samstag. „Ich habe die Einkaufslisten der Familie Hils!“ Sagt’s schmunzelnd und zückt schwungvoll den ersten Zettel: „Ein Kilogramm Tomaten und Brokkoli“, sagt sie – und Thomas Lehmann ordert beim ersten Markthändler, die Gemüsebeutel bereithaltend.

Einkaufen ohne Verpackung bedarf etwas Planung

An anderen Ständen kommen italienisches Vollkornbrot, Eier, Salat oder – die von Bo sehnsüchtig gewünschten – Erdbeeren in die Tüten, letztere in Pappschalen. „Man könnte sie auch in die wiederverwendbare Bienenwachstüten einschlagen“, erläutert Angelika Lehmann, während ihr Mann den Spargel einwickelt. „So habe ich noch nie eingekauft“, freut sich Lena Hils über den Service, bevor es zu einem der Stände geht, an denen der OB immer wieder kauft. Birnen und Äpfel gehen über die Kisten. Kuhn erfährt derweil vom Obst- und Gemüsehändler, dass 70 Prozent seiner Waren aus dem Remstal stammen, selbst produziert oder von nahen Kollegen. „Ökologisch eine prima Bilanz!“, konstatiert der OB, um dann schmunzelnd zu konstatieren. „Ich musste mich auch umgewöhnen: Diese Art, möglichst ohne Verpackung einzukaufen, braucht etwas Planung, die feste Ware nach unten, die weiche obendrauf. Und man sollte stets einige Tüten dabei haben.“ Dass das zunehmend der Fall ist, bestätigt die Händlerin. „Das Bewusstsein der Leute steigt.“

Dabei ist es eigentlich nichts Neues, bemerkt Lena Hils. „Das hat schon meine Mutter so getan.“ Das Plastik sei erst mit den Supermärkten aufgekommen, aus hygienischen Gründen, kommentiert Kuhn. „Wie die Äpfel aber vorher behandelt wurden, mit Pestiziden, das hat nicht interessiert.“ Auf Wochenmärkten zu kaufen sei eine ursprüngliche und gute Art, nicht nur weil die Ware per se unverpackt angeboten werde. „Hier gibt es frische saisonale und regionale Produkte.“

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