Der Gentleman-Vampir der britischen Gruselwelle: Christopher Lee als Graf Dracula Foto: dpa

Von Graf Dracula bis Edward Cullen, von Blade bis Rüdiger von Schlotterstein, von Vampirella bis Graf Zahl: Der Vampir ist das Chamäleon unter den Monstern der Moderne. Längst hat er sich vom folkloristischen Grabgespenst zum Superstar der Popkultur entwickelt. Ein Buch stöbert den Blutsauger in seinen vielen Verstecken auf.

Stuttgart - Sie hausen in Schlössern in den Karpaten oder gehen auf die Highschool. Sie schlafen in Gruften oder genießen ein Luxusleben im Manhattan. Sie sind Monster, Verführer, Spießer. Vampire sind Verwandlungskünstler. Gerade etwa mimt einer von ihnen den netten Hoteldirektor und bespaßt im dritten Teil der Trickfilmreihe „Hotel Transsilvanien“ Kinder. Demnächst sollen ein paar andere in der TV-Serie „The Vampire Chronicles“ nach Anne Rices Klassiker „Interview mit einem Vampir“ ein erwachsenes Publikum erschrecken. Das Buch „Vampire – 100 Seiten“ unseres Redakteurs Gunther Reinhardt spürt der Vampir­mythologie nach. Hier lesen Sie einen leicht bearbeiten Auszug aus dem Band, der im Reclam-Verlag erschienen ist.

Sie kamen nachts und sie kamen in Schwarz-Weiß. Irgendwo in einem Kinderzimmer in der schwäbischen Provinz lehrten sie einen Jungen, der an diesem Abend zu lange aufgeblieben war, das Fürchten. Natürlich ließe sich heute mehr Eindruck mit der Behauptung schinden, einem Vampir erstmals bei der Lektüre von John Polidori, Sheridan Le Fanu oder Bram Stoker begegnet zu sein, beim Schauen der Filmklassiker von Friedrich Murnau oder Tod Browning. Doch so läuft die Vampir-Sozialisation in der Regel nicht ab.

Unverwüstliche Trash-Vampire

Seit dem 19. Jahrhundert versorgt die Unterhaltungsindustrie jede Generation eifrig mit Trash- und Trivial-Vampiren. Bei diesem Jungen geschah dies in Form irgendeiner Wiederholung des von dem britischen Schundspezialisten Hammer Films produzierten Streifens „Dracula jagt Mini-Mädchen“ aus dem Jahr 1972.

Für frühere Generationen waren es die Schauermelodramen, die Mitte des 19. Jahrhunderts die europäischen Bühnen überschwemmten, oder die „Penny Dreadfuls“, die Grusel-Groschenromane, die folgten. Anderen ist der Blutsauger vielleicht das erste Mal in der Trickfilmreihe „Graf Duckula“, in Kinderbüchern wie „Der kleine Vampir“ oder in zahnlosen Teenie-Romanzen wie „Vampire Diaries“, „Twilight“ oder „House of Night“ begegnet.

Der berühmteste Vampir ist immer noch der transsilvanische Graf Dracula aus Bram Stokers Klassiker – jener Graf also, den später Bela Lugosi und Christopher Lee zu einer Gruselmarke machten. Doch Dracula hat inzwischen zahllose Nachfolger gefunden, die Lestat de Lioncourt, Edward Cullen, Rüdiger von Schlotterstein, Damon Salvatore, Zoey Redbird, Selene, Spike, Blade oder Graf Zahl heißen und die mal in einer kindlich-spaßigen, mal in einer kitschig-pubertären, mal in einer düster-erwachsenen Vampirwelt zu Hause sind.

Metapher und Antiheld

Der Vampir hat sich seit dem 18. Jahrhundert immer weiter ausgebreitet und dabei mehrere Metamorphosen erlebt: Erst war er mythisch-folkloristisches Grabgespenst, das vor allem auf dem Balkan sein Unwesen trieb. Dann verkleidete er sich als politische Metapher und schaffte es so auch in Voltaires „Dictionnaire Philosophique: „Die wahren Blutsauger wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen.“ Er machte in der Romantik als (Anti-)Held Karriere, wurde im 19. Jahrhundert in John Polidoris Kurzgeschichte „Der Vampyr“, in Joseph Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ und in Bram Stokers Roman „Dracula“ zum Bestseller. Im 20. und 21. Jahrhundert stieg er schließlich zum Superstar der Popkultur auf.

Der Vampir ist ein Ungeheuer, dessen Wesen von Verwandlung und Eroberung bestimmt ist. Der Vampir ist also stets ein Kind seiner Zeit – mal als ein aus seinem Grab wiederkehrender, rosig aufgeblähter Bauernleichnam, mal als geheimnisvoll-schwermütiger Graf, mal als untoter New-Wave-Rebell mit cooler Frisur, mal als blasser Teenager mit guten Manieren.

Zügellos und bissig

Auch der Biss des Vampirs steht für Verwandlung – und obendrein für Verschlingung, Aneignung, Eroberung. Der Biss ist, seit der Vampir zur literarischen Figur wurde, sexuell codiert, ist ein Akt der Ausschweifung, der Gewalt, der Befreiung. Der Vampir ist einer der vielen lüsternen Verführer, die sich in der Blütezeit des Viktorianismus in Kunst und Literatur tummeln. Männliche Vampire werden zu einem dämonisch-attraktiven Don Juan (wie Polidoris Lord Ruthven in „Der Vampyr“), weibliche zur Femme fatale (wie Carmilla in Sheridan Le Fanus „Carmilla“). Der Vampir steht für die Qualen und die Gefahren, die ein zügelloses Leben mit sich bringt, für die gesellschaftliche Ächtung all jener, die sich hemmungslos der Leidenschaft hingeben. Die Heuchelei des Puritanismus gebiert ein sexuelles Raubtier.

Geschöpf der Doppelmoral

Ein Produkt dieses Zeitalters der Doppelmoral ist nicht nur der Vampir, sondern auch Sigmund Freuds Sexualtheorie, die das Ich zur Kampfzone von Es und Über-Ich erklärt. Und natürlich ist es ein ­Leichtes, Bram Stokers „Dracula“, der zeitgleich mit Freuds ersten Schriften erscheint, psychoanalytisch zu deuten, die ­literarische Verarbeitung inzestuöser, ­oral-sadistischer Tendenzen zu erkennen, eine aggressive ödipale Fantasie, eine ­perverse Form der Regression, bei der das Blut die Muttermilch ersetzt, und Dracula als einen omnipotenten Übervater zu interpretieren.

Zwar werden gerne antike Mythen ­hervorgezerrt, die vampirähnliche Heimsuchungen andeuten: die babylonische Gottheit Lilith, der Maya-Fledermausgott Camazotz, der Ghul Aswang der philippinischen Mythologie. Natürlich kann man bei archaischen Dämonenmythen oder Einverleibungsritualen, bei denen es mal um das Trinken des Bluts, mal um Kannibalismus geht, Aspekte des Vampirmythos entdecken. Auch lassen sich Parallelen zwischen dem Vampirismus und dem mittelalterlichen Nachzehrer- und Wiedergänger-Glauben, der vor allem im slawischen Raum, aber auch in Deutschland verbreitet war, erkennen. Der Begriff Vampir taucht aber erst im 18. Jahrhundert auf.

Im Jahr 1725, als von abergläubischen Dorfbewohnern die Leiche eines serbischen Bauern namens Peter Plogojowitz gepfählt und verbrannt wird, wird erstmals das slawische Lehnwort Vampyri in einem historischen Bericht benutzt. Damals beginnt eine Art Vampirfieber, und mit diesem Blutsauger entsteht eine ganz eigene dämonische Spezies, die, wie der Kulturwissenschaftler Norbert Borrmann feststellt, ein hybrides Fantasiewesen ist, das Merkmale von mindestens fünf Kreaturen früherer magischer Glaubensvorstellungen in sich vereint: „erstens die Wiedergänger; zweitens die Alp-ähnlichen, nächtlich heimsuchenden Geister; drittens Wesen von der Art der blutsaugenden Stryx des Altertums; viertens Hexen aus slawischen und balkanischen Gebieten, die auch nach ihrem Tod noch Schaden anrichten, und fünftens die Werwölfe“.

Macht, Sex und Unsterblichkeit

Sowohl im 18. als auch im 19. Jahrhundert bleibt der Vampir ein europäisches Phänomen. Erst im 20. Jahrhundert entdeckt Amerika und Amerika ihn. Und dass der Vampir heute noch zum Fantasy-Superstar taugt, hat mit seiner Affinität zum Wertesystem der den globalen Markt bestimmenden US-Kultur-und-Unterhaltungsindustrie zu tun. Die Volkskundlerin Norine Dresser schreibt: „Die drei wichtigsten Anreize, die der Vampir zu bieten hat, passen perfekt zu den amerikanischen Idealen – Macht, Sex und Unsterblichkeit.“

Und so lauert uns der Vampir immer und überall auf. Er ist das Chamäleon unter den Ungeheuern, ein funktionierender Mythenmix, der sich in alles verwandeln und alles verschlingen kann. Er kann für unsere Habgier, unsere Unersättlichkeit, unsere geheimen Sehnsüchte, unsere dunklen Fantasien stehen, für die hedonistische Singlegesellschaft, für den Raubbau, den wir an der Natur betreiben, für weibliche Selbstverwirklichung oder patriarchalische Strukturen, für ödipale Fantasien oder Askese, für politischen Umbruch oder das reaktionäre Regime. Er ist mal Imperialist, mal Revoluzzer, und immer, wenn man einen Augenblick nicht aufgepasst hat, hat er schon wieder die Seiten gewechselt.

Immer noch im Schlafzimmer

Der Vampir ist das Universalmonster unserer Zeit – und ein hartnäckiges Biest, auch wenn die Popkultur den Zombie derzeit zu ihrem Lieblingsschreckgespenst ernannt hat. Der Vampir wird zurückkehren. ­Vielleicht ist er schon zurück. Er kommt immer wieder. Das weiß jeder, der schon einmal einen Vampirfilm gesehen hat. Das wusste auch der kleine Junge sofort, nachdem ihm in „Dracula jagt Mini-Mädchen“ das erste Mal ein Vampir begegnet war. Und manchmal, wenn die Nacht am tiefsten ist, bildet er sich heute noch ein, in seinem Schlafzimmer Graf Draculas spitze weiße Zähne im fahlen Mondlicht aufblitzen zu sehen.

Gunther Reinhardt: Vampire – 100 Seiten. Reclam, 100 Seiten. 10 Euro.

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