Mario Barth ärgert sich über vieles – vor allem aber über Weltverbesserer. Foto: dpa

Der Erfolg des Komikers Mario Barth ist erstaunlich, aber nicht schwer zu erklären. Er verrät viel über unsere Gesellschaft: Eine Begegnung mit dem Mann, der immer wieder die Schleyerhalle füllt.

Stuttgart - Im ansonsten kargen Interviewraum im Keller der Schleyerhalle hängen vier identische Plakate. Mit seinem Konterfei werben sie für jene Show, die Mario Barth am Samstagabend hier präsentiert hat. „Was soll das denn? Was für ein eitler Geck!“, mag man da beim Warten denken. Bis Mario Barth selbst den Raum betritt. Großäugig starrt er die Plakate an: „Was soll das denn? Warum haben die hier drinne‘ Plakate aufgehängt?“ Man hat halt so seine Vorurteile.

„Männer sind faul, sagen die Frauen“, heißt das aktuelle Programm des wohl erfolgreichsten deutschen Stand-up-Comedians, der im nächsten Jahr sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiert. Zwanzig Jahre Witze über Männer und Frauen. Jede und jeder kennt sie. Mario Barth tritt darin stellvertretend für alle Männer dieser Welt in Erscheinung, seine namenlose Freundin für alle Frauen.

Der Hallenfüller

Dass dieser Junggesellenabschiedshumor nicht besonders originell ist, weiß er selbst: „Ich habe das ja nicht erfunden! Das ist doch tausend Jahre alt! Mann und Frau, das ist doch unser Leben! Es sind letztendlich nur Platzhalter. Es geht um Partner eins und Partner zwei. Bei mir im Programm sitzen auch viele gleichgeschlechtliche Paare.“

Diese Gags über Partner eins und Partner zwei haben den 46-Jährigen unter anderem zum Rekordkünstler der Schleyerhalle gemacht: 163 000 Besucher hat der Mensch gewordene T-Shirt-Spruch allein hier bespaßt. Mehr als jeder andere Einzelkünstler in der Geschichte des Gebäudes. Es gibt schon Karten für seinen Auftritt am 26. Januar 2020. Nicht wenige macht das fassungslos.

Die Masse entscheidet

Wie erklärt Mario Barth selbst das Phänomen Mario Barth? „Der Erfolg kommt, glaube ich, aufgrund der Authenzität“. Schon diesem ersten Satz des Gesprächs wohnt womöglich die Erklärung inne. „Authenzität“ statt „Authentizität“. Es ist falsch, aber viele Menschen in diesem Land sagen das so. Falsch, aber einfacher. Falsch, aber massentauglich.

Die Masse ist für Mario Barth und sein Erfolgskonzept entscheidend. „Demokratie heißt doch: Die Masse entscheidet!“, sagt er. Deshalb macht er zum Beispiel Witze über Veganer. „Wenn sich ein Veganer von mir beleidigt fühlt, kann ich sagen: Hat er Pech gehabt. 0,8 Prozent der Bundesrepublik leben vegan. 99,2 Prozent nicht. Dann ist das für mich in Ordnung.“

Unkorrekte Witze

Es ist ein fragwürdiges, marktorientiertes Demokratieverständnis. Dass Minderheiten in einer Demokratie Gehör finden, ihre Argumente ernst genommen und eben nicht verlacht werden sollten, unterscheidet sie letztlich vom Faschismus.

Natürlich ist Mario Barth kein Faschist. Von rechter Politik distanziert er sich. Trotzdem sagt er sarkastisch Dinge wie: „Seit das Zigeunerschnitzel nicht mehr Zigeunerschnitzel heißt, ist der Rassismus in Deutschland ja drastisch in den Keller gesaust! Bin ich froh, dass das jetzt Paprikaschnitzel heißt!“ Schließt sich das denn aus: politisch korrekt und lustig sein? Barth: „In meiner Wahrnehmung: Ja.“

Doch wieder Politik

Obwohl seine Programme stets unpolitisch sind, kommt er im Interview immer wieder von selbst auf die Politik zu sprechen. Über die wegen plumper und faktenverzerrender Kritik an den Luftschadstoffgrenzwerten in die Schlagzeilen geratene RTL-Show „Mario Barth deckt auf“ werde er allerdings nicht reden, erklärt Barths Management. Bei Fragen möge man sich direkt an RTL wenden.

Viele Fragen muss man dem Berliner indes ohnehin nicht stellen. Rasch kommt er, mitunter aufbrausend, vom Hölzchen aufs Stöckchen. So störte ihn beispielsweise Andrea Nahles‘ Kampfansage „Ab morgen kriegen sie in die Fresse!“ in Richtung CDU: „Was für ein Satz! Was war das für ein Signal?!“ Empörung über diese Wortwahl hätte man von einem Frei-Schnauze-Komiker wie ihm eher nicht erwartet. Aus seiner Sicht unterscheide er sich von Nahles, da er eben nicht auf politische und sprachliche Korrektheit poche: „Ich bin wie ich bin! Ich stehe dazu! Ich bin völlig authentisch! Ich verspreche mich auf der Bühne! Ich mache Rechtschreibfehler!“

Einfach nur Schwein sein

Anders formuliert: Menschen, die ein Ideal nicht zur Gänze erfüllen können, sind eher zu kritisieren als jene, die sich dem Ideal von vornherein gänzlich verweigern. Das ist recht kurz gedacht, passt aber in unsere Zeit. Wer für eine gute Sache streitet, wird bei der kleinsten Verfehlung durch den Dreck gezogen. Wer hingegen einfach nur ein Schwein ist, ist halt ein Schwein wie du und ich.

Den berüchtigten Toilettenwitz von Annegret Kramp-Karrenbauer hat Barth nur am Rande verfolgt: „Ich schaue keine Nachrichten, ich lese sie nur.“ Mitbekommen hat er lediglich, „dass sich da ganz viele Menschen aufgeregt haben. Ich glaube: 30 an der Zahl. Von 83 Millionen. Ähnlich wie die Veganer: Ganz wenige, aber laut.“ Politische Korrektheit, Diesel-Verbote, das dritte Geschlecht: All diese Debatten wischt Barth mit einem Verweis auf Altersarmut, fehlende Kita-Plätze, Steuergeldverschwendung und einem „Wir haben ganz andere Probleme in unserem Land!“ vom Tisch.

Die Sache mit dem Weißstorch

Dieses „Wir“ inkludiert die Betroffenen offenbar nicht. Es gibt einen guten Witz des Cartoon-Duos Hauck & Bauer: Ein Mann demonstriert für den Erhalt des Weißstorchs. Ein Passant fragt, ob es derzeit nichts Wichtigeres als den Erhalt des Weißstorchs gebe. „Nicht für den Weißstorch“, antwortet der Demonstrant.

Aber der Weißstorch hat keine Mehrheit. Und damit in Barths Demokratie kaum etwas zu melden. Dass die Masse einen Künstler liebt, der die Masse liebt – daran ist nichts verwunderlich. So gesehen ist das Phänomen Mario Barth im Grunde nicht schwer zu erklären. Bedeutender ist die Frage, warum die Masse so ist, wie sie ist. Vielleicht bekommt jedes Volk den Komiker, den es verdient.

Ggeen Plastikmüll

Und doch, das ist die Ironie der Geschichte, beweist gerade Mario Barth als Repräsentant eines Menschenschlags, der vor Weltverbesserern seine Ruhe haben will, warum der Kampf der ausgelachten Minderheiten für das Umdenken der ignoranten Majorität (beziehungsweise: Mariorität, hehe) so wichtig ist. Weil auch Spötter wie er irgendwann ein Einsehen haben.

Plastikmüll im Ozean etwa treibt ihn um. „Warum haben wir hier Plastikbecher und keine aus Maisstärke?“, schimpft er, zeigt auf das Wasser auf dem Tisch und verkündet: „Ab dem nächsten Jahr wird es keine Plastikverpackungen mehr für mein Merchandise geben!“ Vor zwanzig Jahren hätte man zu solch einem Ökoromantiker noch gesagt: Haben wir denn keine wichtigeren Probleme?

Nächster Mario-Barth-Termin in Stuttgart: Am 26. Januar 2020, natürlich in der Schleyerhalle

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