Gegen Kinderehen regt sich weltweit Protest – hier in Dublin. Foto: dpa

Ein türkischer Hochzeitsfotograf weigert sich, eine Kinderehe zu fotografieren – und wird zum Volkshelden.

Ankara - Ein Routineauftrag war es, den Onur Albayrak von einem Kunden in seinem Fotostudio im osttürkischen Malatya erhielt. Der Fotograf solle Hochzeitsfotos von ihm und seiner Braut in einem Park machen, wünschte der Besucher, und die beiden Männer verabredeten einen Termin. Der verlief dann allerdings anders als erwartet. Jetzt ist Albayrak ein Held für Frauenrechtlerinnen, die gegen das Unwesen der Kinderehen kämpfen.

„Ich sah sofort, dass die Braut ein Kind war“, berichtete Albayrak in Medieninterviews. „Darf ich fragen, wie alt die Braut ist, sagte ich, und bekam zur Antwort: 15 Jahre. Da sagte ich zum Bräutigam, dass ich keine Kinderbräute fotografiere, drehte mich um und ging.“ Der wütende Bräutigam lief ihm nach, beschimpfte ihn. So kam es zu einer Schlägerei, die für den Bräutigam mit einer gebrochenen Nase endete.

Bis heute weiß Albayrak nicht, wer die Szene im Park beobachtet und in den sozialen Netzwerken verbreitet hat, doch das Echo sei überwältigend, erzählt er. Tausende Briefe, Botschaften und Anrufe aus dem ganzen Land hat er bekommen, in denen ihn die Menschen zu seinem Handeln beglückwünschen. Mehrere Anwälte haben ihm kostenlose Vertretung angeboten, falls er Scherereien bekommt. Und eine alte Dame habe bei ihm geläutet, weil sie ihm die Hände küssen wollte, erzählt Albayrak.

Der Fotograf schafft, was Frauenverbände nicht schafften

Türkische Frauenverbände fordern schon lange die gesellschaftliche Ächtung der sogenannten Kinderehen, in denen minderjährige Mädchen mit erwachsenen Männern verheiratet werden. Der beherzte Fotograf hat mit seiner Aktion nun in einer Woche mehr Öffentlichkeit für ihre Forderung geschaffen, als es ihnen sonst in jahrelanger Arbeit möglich ist.

Die Frauenrechtlerin Gülsun Kanat vom Istanbuler Frauenschutzverein Mor Cati ist begeistert. Der Einsatz von Albayrak sei ermutigend für die Frauenrechtsbewegung, sagte sie unserer Zeitung. Dass ein Mann öffentlich für die Rechte von jungen Mädchen eintrete – das zeige ihr, dass ihr Kampf nicht aussichtslos sei.

Nach Angaben des türkischen Statistikamtes fiel die Zahl der minderjährigen Bräute in den letzten fünf Jahren von sechs Prozent auf vier Prozent aller Eheschließungen. Doch diese Statistik zählt nur die amtlichen Ehen. Die allermeisten Kinderehen werden aber nur von einem Imam, einem islamischen Geistlichen, geschlossen. Die türkische Opposition schätzt diese Dunkelziffer auf ein Drittel aller Ehen im Land. Regierungsgegner werfen den Behörden vor, sie wollten das Ausmaß des Problems vertuschen. Krankenhäuser stehen in der Kritik, weil sie trotz der gesetz­lichen Meldepflicht häufig verschweigen, dass minderjährige Mädchen bei ihnen ­gebären. Anfang des Jahres löste die staat­liche türkische Religionsbehörde einen Skandal aus, indem sie auf ihrer Internetseite verkündete, Mädchen ab neun Jahren dürften nach den Regeln des Islam heiraten. Nach einem Aufschrei der Empörung wurde der Ratschlag zurückgezogen.

„Das Problem sind die Männer“

Das Parlament könne beim Kampf gegen Kinderehen aber nicht viel ausrichten, meint Frauenrechtlerin Kanat. „Die türkischen Gesetze sind in den letzten Jahrzehnten stetig verbessert worden.“ Vielmehr würden die Gesetze zum Schutz von Frauenrechten von den Gerichten nicht ausgeschöpft und von den Behörden oft nicht angewandt. Das liege gar nicht so sehr an der islamischen Religion, sondern an der Vorherrschaft des Mannes in der türkischen Gesellschaft – gleich welche Partei gerade an der Regierung sei.

Fotograf Albayrak will auch weiter gegen Kinderehen eintreten. „Wenn Geschäfte keine Brautkleider mehr für kleine Mädchen verkaufen, wenn Friseure sich weigern, minderjährige Bräute herzurichten, wenn Hotels keine Räume mehr an solche Hochzeiten vermieten, wird das die Leute aufrütteln.“

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