Bisher dürfen saudische Frauen nur in der Fahrschule ans Steuer, vom 24. Juni 2018 an auch im echten Verkehr. Foto: dpa

Als letztes Land der Welt schafft Saudi-Arabien das Fahrverbot für Frauen ab. Sie freuen sich auf die neuen Freiheiten, fordern aber noch viel mehr.

Riad - Noch herrscht auf Riads Straßen das gewohnte Bild. Wo man hinschaut, sitzen Männer am Steuer. Doch der Countdown läuft, die Reformuhr tickt. Am kommenden Sonntag dürfen zum ersten Mal auch Frauen ans Lenkrad – für den Rest der Welt eine Selbstverständlichkeit, für Saudi-Arabien eine kleine Revolution.

Vor neun Monaten, Ende September 2017, kündigte das Königshaus die spektakuläre Wende an, am 24. Juni wird sie nun Realität. Zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung will nach ersten Umfragen schon bald den Führerschein machen, einige hundert Dokumente wurden bereits ausgestellt. Die fünf bisher offiziell lizenzierten Fahrschulen für Frauen können sich nicht retten vor Anfragen. Allein die Einrichtung im ostsaudischen Dhahran, die 45 Fahrlehrerinnen beschäftigt, führt 13 000 Interessentinnen auf ihrer Warteliste. Mindestens 30 Fahrstunden sind Pflicht.

„She’s Mercedes“ – Besonders begehrt sind offene Coupés

Die ersten weiblichen Prüflinge präsentierten bereits stolz im Internet ihre neuen Führerscheine. Autosalons wie Mercedes-Benz in Riad registrierten zuletzt mehr und mehr Besucherinnen, die zu zweit oder in kleinen Gruppen das blitzende Angebot musterten, besonders die offenen Coupés. Auch die Videokampagne „She’s Mercedes“ des deutschen Konzerns wirbt jetzt mit saudischen Frauen. Neue Schilder an den Ausfallstraßen mahnen jetzt beide Geschlechter: „Liebe Brüder, liebe Schwestern am Lenkrad, Verkehrsregeln zu achten, schützt euer Leben und das Leben der anderen“, steht dort geschrieben.

Empfindlich getrübt jedoch wird die Euphorie über die neuen Freiheiten durch die Verhaftung und die bizarre Schmutzkampagne regierungstreuer Medien gegen prominente einheimische Frauenrechtlerinnen. Zeitungen druckten Fotos von Eman al-Nafjan, Loujain al-Hathloul und Aziza al-Yousef mit roten Stempeln „Verräter“ quer über dem Gesicht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben vier Frauen und fünf mitverhaftete Männer inzwischen gestanden, „mit Einzelpersonen und Organisationen kommuniziert und kooperiert zu haben, die dem Königreich feindlich gesinnt sind“. Sie sollen demnächst vor ein Spezialgericht für Terrortaten gestellt werden. Editorials bezichtigten die Festgenommenen, unentschuldbare Verbrechen begangen zu haben und Agenten ausländischer Botschaften zu sein. „Wer immer das Heimatland für eine Handvoll Geld verscherbelt, hat keinen Platz unter uns“, hieß es in den landauf, landab gedruckten Hetzartikeln. Andere forderten kurzerhand, alle mit dem Schwert hinzurichten.

Die Botschaft an die Gesellschaft ist damit klar: Bürgerrechte in Saudi-Arabien werden von oben gewährt und nicht von unten erkämpft. Politischer Aktivismus und offene Reformdebatten sind tabu in der absolutistischen Monarchie auf der Arabischen Halbinsel. Entsprechend schockiert reagierten international bekannte Vorkämpferinnen wie Manal al-Sharif, die seit einiger Zeit in Australien lebt. „Mein Optimismus liegt zerschmettert am Boden“, twitterte sie. Die Verhafteten des Hochverrates zu beschuldigen sei skandalös. Deren einziges „Verbrechen“ sei, gegen die systematische Diskriminierung zu kämpfen, „der wir Frauen jeden Tag unseres Lebens ausgesetzt sind“.

Die Vorherrschaft der Männer in fast allen anderen Bereichen bleibt

Praktisch in allen Lebensbereichen haben Väter, Ehemänner, Onkel oder Söhne das Sagen. Zwar wurden einige Bestimmungen des drakonischen Vormundschaftsrechts etwas gelockert. Doch nach wie vor dürfen Frauen nicht ohne Einwilligung ihres männlichen Vormunds heiraten, ein Studium beginnen oder reisen, einen Pass beantragen oder sich einem medizinischen Eingriff unterziehen.

Ungeachtet dessen steht für viele saudische Neufahrerinnen jetzt aber ihre Premiere am Sonntag im Vordergrund, wie eine 24-Jährige der „Saudi Gazette“ anvertraute. Sie werde als erstes zum Haus ihrer Mutter fahren und diese zu einem Autoausflug abholen. „Ich will diesen Tag mit meiner Mutter genießen, nur meine Mutter und ich – und sonst niemand.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: