Bis zur 87. Minute hat der VfB in Mainz fast alles richtig gemacht und 1:0 geführt. Doch dann verlor Torhüter Jens Lehmann die Beherrschung: Tätlichkeit gegen Aristide Bancé im Strafraum, Elfmeter, Ausgleich.

Stuttgart - Bis zur 87. Minute hat der VfB in Mainz fast alles richtig gemacht und 1:0 geführt. Doch dann verlor Torhüter Jens Lehmann die Beherrschung: Tätlichkeit gegen Aristide Bancé im Strafraum, Elfmeter, Ausgleich. Eine Aktion, die den VfB mehr als nur den Sieg kostete.

Das Wortspiel vom Tor im Tor ist wahrscheinlich so alt wie das Spiel selbst. Seit es Männer gibt, die sich nur im Strafraum bewegen sollen, gibt es Geschichten voller Torheiten. Sepp Maier, Petar Radenkovic, Toni Schumacher, Oliver Kahn, Uli Stein büxten immer wieder aus dieser abgegrenzten Zone aus. Fast jeder Keeper zeigte Außergewöhnliches und Egoismen.

Auch Jens Lehmann bot in fast jedem Spiel neues zum Thema Tor. Mal in der männlichen Form des Worts, mal als Held in der Sache. Aber an diesem Sonntagnachmittag hat alles eine neue Dimension erreicht.

Jens Lehmann verlor erst im Spiel die Nerven, indem er sich zu einer Tätlichkeit gegen Aristide Bancé hinreißen ließ, die zu einem Elfmeter und dem 1:1-Ausgleich führte. Dann irrte er orientierungslos durch die Katakomben, suchte per Taxi das Weite und legte sich schließlich mit einem Fan an. Nach einem Wortgefecht griff er sogar nach der Brille des Mannes, der ihn auf sein Benehmen ansprach.

Bisher war es ganz gleich, ob man die Eskapaden des VfB-Torhüters lustig oder grenzwertig fand - zwei Dinge konnte jeder dem 40 Jahre alten Sportsmann zugutehalten: Erstens ist er extrem ehrgeizig und kam daher nur schwer mit der Rolle des Kämpfers gegen den Abstieg zurecht. Zweitens war seine sportliche Leistung meistens ohne Fehl und Tadel. Ausweis dieser Extraklasse ist auch die Noten-Rangliste dieser Zeitung. Lehmann steht auf Platz eins.

Über den Rest seiner Aktivitäten ließ sich freilich trefflich streiten. Das geschah auch im Vorstand des VfB Stuttgart. Ergebnis dieser Diskussionen: Der Club hatte den Torwart mit der Strafe in Höhe von 40.000 Euro belegt und hat ihn abgemahnt, weil er sich abfällig über die Trennung von Teamchef Markus Babbel und die Arbeit der Vereinsführung geäußert hatte. Doch Lehmann lehnte die Zahlung ab. Den Rest müssen nun Juristen klären. Auch aus diesem Grund wollen sich beide Parteien vorerst nicht mehr dazu äußern. Und beide Seiten sind wahrscheinlich auch gut beraten, in diesem schwebenden Verfahren zu schweigen.

Vor allem der VfB. Denn der Verein hat Lehmann schließlich zu dem gemacht, was er heute ist. Ein Spieler, der sich von seinen Kollegen mit allerlei vertraglich zugesicherten Sonderrechten abgrenzt. Es war die Wurzel des Übels. So hatte Lehmann es nie nötig, sich durch positive Ausstrahlung, Führungsqualität und verantwortungsbewusstes Handeln diese Privilegien zu erarbeiten. Das Ergebnis ist bekannt: Er steht nun mehr denn je außerhalb der Gemeinschaft und verstößt so krass gegen die Prinzipien des neuen Trainers. Christian Gross hatte erst kürzlich am Beispiel FC Barcelona betont, wie wichtig das Kollektiv sei: "Die Extras der Superstars hat der Trainer dort alle gestrichen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg."

Aber in diesem Fall war Gross zunächst kein Prinzipienreiter, sondern Pragmatiker. Lehmanns Erfahrung war in dieser prekären Tabellensituation von unschätzbarem Wert. In dieser Lage, auf einen der unerfahrenen Torhüter (Sven Ulreich/21, Alexander Stolz/26) zu setzen, hielt Gross für zu riskant. Also ertrug Christian Gross den Solisten in seinem Team. Bis zur 87. Minute.

Von diesem Zeitpunkt an beginnt eine neue Zeitrechnung. Lehmann droht nun eine längere Sperre. Damit schlägt automatisch die Stunde von Ulreich oder Stolz. Und sollte einer der beiden die Bewährungsproben bestehen, dürfte kaum einer großen Wert auf die Rückkehr des ehemaligen Nationaltorwarts legen. Andeutungen in diese Richtung machte Christian Gross schon kurz nach dem Spiel. "Der Mannschaftserfolg steht über allem", sagte er mehrfach, "nun haben wir eine delikate Situation. Jens hatte bisher eine tolle Karriere. Ich gehe davon aus, dass er auch einen schönen Abgang will. Daher werde ich das Ganze mit ihm gut analysieren."

Das Ergebnis dürfte nicht zugunsten von Jens Lehmann ausfallen.

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