Generalmajor Ryan Gonsalves sollte Chef des US-Heeres in Europa werden – doch dann kam alles ganz anders. Foto: US Army

Auch das US-Militär hat ein ernstes Problem mit sexueller Belästigung in seinen Reihen. Doch das ist nicht der Grund, weshalb ein vielversprechender Offizier in letzter Minute nicht Kommandeur des US-Heeres in Europa geworden ist.

Stuttgart/Wiesbaden - Den Posten des Befehlshabers der US-Heeres in Europa (Usareur) ist einer der wichtigsten und prestigereichsten, den das US-Militär zu vergeben hat. Spätestens seit der russischen Annexion der Halbinsel Krim im Frühjahr 2014 und Moskaus Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine. Für den Job im Wiesbadener Hauptquartier ist ein geschickter Staatsmann in Uniform nötig, der es schafft, mehr Unterstützung zu bekommen – von den Nato-Verbündeten, aber auch aus Washington. Niemand hat das zuletzt besser demonstriert als Generalleutnant Ben Hodges. Zwar trat der Mann aus Florida mit seiner Offenheit und dem nimmermüden Einsatz dem ein oder anderen Entscheidungsträger in Berlin oder Washington auf die Füße. Doch verstand er es, die Menschen für sich und seine Mission einzunehmen – vom einfachen Soldaten bis hinauf zum Regierungschef.

Als Nachfolger von Hodges, der Mitte Dezember in den Ruhestand ging, war eigentlich Generalmajor Ryan Gonsalves vorgesehen, bis vergangenen August Befehlshaber der 4. US-Infanterie-Division, in Fort Carson, Colorado. Der Artillerieoffizier mit viel Einsatzerfahrung im Irak nahm im letzten Sommer schon am Army-Großmanöver „Säbelwächter“ in Ungarn, Rumänien und Bulgarien teil. Und eigentlich darf sich ein Divisionskommandeur Hoffnungen darauf machen, auch den dritten und vierten Stern auf die Schultern gesteckt zu bekommen.

Doch dann kam alles ganz anders: Wenige Tage nachdem unsere Zeitung von der bevorstehenden Beförderung berichtet hatte, schrieb die US-Soldatenzeitung „Stars and Stripes“ ebenfalls, dass Gonsalves vom Generalmajor zu Generalleutnant aufsteigen sollte. So erfuhr davon auch eine junge Mitarbeiterin, die sich im Büro des demokratischen US-Abgeordneten Jim Langevin aus Rhode Island um Sicherheitspolitik kümmert. Sie hatte den General im Oktober 2016 bei einer Parlamentarierreise in seinem Hauptquartier in Colorado besucht. Eigentlich ging es bei dem Treffen um die wieder wachsende Rolle der Army in Europa und eine verlässlichere Finanzierung angesichts des Aggressors Russland.

„Hat mich dieser Typ tatsächlich gerade sweetheart genannt?“

Die junge Frau erinnerte sich noch gut an den beleidigend-herablassende Art, mit der Gonsalves ihr begegnet war. Als sie nun von Gonsalves bevorstehender Beförderung erfuhr, platzte ihr der Kragen. Sie postete auf Facebook, die Army würde damit eine „schlechte Entscheidung“ treffen. Dann beschwerte sie sich auch anonym. Die Aufsichts- und Beschwerdebehörde des US-Heeres in Washington trat in Aktion. Laut Untersuchungsbericht, der unserer Zeitung vorliegt, hatte er die junge Frau vor versammelter Kongressdelegation als „Süße“ („Sweetheart“) bezeichnet. Die Frau reagierte geschockt, reichte einem Kollegen eine Notiz weiter, auf der sie konsterniert gekritzelt hatte: „Hat mich dieser Typ tatsächlich gerade sweetheart genannt?“

Laut ihrer Beschwerde soll sich Gonsalves auch über ihr jugendliches Alter hergemacht und ihr nahegelegt haben, sie solle für ihren demokratischen Boss genau mitschreiben, warum das Militär eine solide Finanzierung brauche, „weil sie eine Demokratin sei und nicht an Gelder fürs Militär glaube“, so hält es der Untersuchungsbericht fest. Mehrere anwesende Mitglieder der Kongressdelegation hielten diese Bemerkungen des Offiziers für „sarkastisch und unprofessionell“. Ein weiterer männlicher Kongressmitarbeiter beschrieb sie sogar als „sexistisch, unangemessen und unprofessionell“. Andere Teilnehmer an dem Treffen dagegen verteidigten Gonsalves, und meinten, sein Verhalten sei durchaus korrekt gewesen.

Am Ende fiel das Urteil der Beschwerdebehörde der Army knapp, aber hart aus: Obwohl Gonsalves dies bestritt, fanden die Ermittler ein „Übergewicht an Beweisen“, dass er die Kongressmitarbeiterin „Süße“ genannt habe. Gonsalves sei der Frau somit nicht mit „Würde und Respekt“ begegnet, wie es das US-Heer vorschreibe.

Generale mit zahlreichen Affären

Vom Vorwurf, abfällige parteipolitische Äußerungen gemacht zu haben, sprach ihn die Untersuchung allerdings frei. Die Beweislage unterstütze die Schlussfolgerung nicht, dass seine Bemerkungen „objektiv despektierlich“ gewesen seien, heißt es im Untersuchungsbericht, über den „Stars and Stripes“ zuerst berichtet hatte. Der Offizier wurde bestraft: Gonsalves‘ Beförderung zum Generalleutnant wurde kassiert, der dritte Stern war dahin. Derzeit dient der Generalmajor als Sonderberater beim Befehlshaber des III. Corps, ebenfalls ein Zwei-Sterne-General, in Fort Hood, Texas.

Über sein weiteres Schicksal schweigt sich die Army aus. „Die Angelegenheit ist jetzt abgeschlossen“, sagt Sprecher William Sharp. Kenner rechnen mit einer Frühpensionierung des Offiziers. „Der Umgang mit Gonsalves ist Ausdruck einer Null-Toleranz-Politik des US-Militärs bei sexuellem und anderem Fehlverhalten ihrer Offiziere“, meint ein hoher US-Militärbeamter. In der Tat haben zuletzt eine ganze Reihe von US-Generalen wegen Affären mit Frauen ihre Posten verloren.

Darüber hinaus bleibt sexuelle Belästigung in den US-Streitkräften ein verbreitetes Problem: Nach aktuellen Zahlen des US-Verteidigungsministerium vom Mai 2017 wurden zuletzt 6172 Fälle von sexuellen Übergriffen in allen Teilstreitkräften gemeldet. Das sind nur wenig mehr als die 6083 Fälle zuvor. Das Pentagon macht im Kampf gegen die Plage erste Erfolge geltend: So fand das Verteidigungsministerium in anonymen Befragungen zuletzt weniger als 15 000 Militärangehörige als Opfer von Übergriffen, 4000 weniger als noch 2014.

Nur wenige Fälle sexueller Gewalt führen zu Verurteilungen

Doch von den 6172 gemeldeten Fällen endeten ganze 389 vor Gericht und führten zu 261 Verurteilungen. Die New Yorker Senatorin Kirsten Gillibrand kämpft deshalb seit Jahren dafür, dass den Kommandeuren bei Sexualstraftaten die Verantwortung für die Strafverfolgung entzogen wird. Sonst würden sie die Vorfälle nur allzu gerne weiter unter der Decke halten. „Es gibt einen Zusammenhang des Unheils, der von sexistischen Bemerkungen militärischer Vorgesetzter zu Belästigungen oder gar Übergriffen führen kann“, sagt Lorry Manning vom Aktionsnetzwerk für Soldatinnen (Swan) in Washington, eine Organisation, die sich im Kampf gegen sexuelle Gewalt beim Militär engagiert. „Die Kommandeure bestimmen die Kultur und das, was ein ernstes Vergehen ist oder nicht“, so Manning weiter.

Allerdings bezweifeln Beobachter, dass es sich im Falle von Gonsalves überhaupt um ein sexuelles Fehlverhalten gehandelt habe. „Die Bestrafung des Offiziers war politisch motiviert“, meint ein pensionierter weiblicher US-Marineoffizier hinter vorgehaltener Hand. Von US-Soldaten werde erwartet, sich alle offenen Bekundungen von parteipolitischen Präferenzen zu verkneifen, so die Amerikanerin, die mit dem Fall vertraut ist. Auch müsse man auf dem Usareur-Chefposten gut mit dem Kongress um Finanzmittel verhandeln können. Da könne sich das Heer niemanden leisten, der Kongressmitglieder oder deren Mitarbeiter vor den Kopf stoße. Durch sein unkluges Verhalten sei Gonsalves „radioaktiv“ geworden, meint ein weiterer Insider.

Gonsalves hat gelogen

Außerdem: Der Untersuchungsbericht kommt de facto zu dem Ergebnis, dass Gonsalves mit Blick auf den Umgang mit der jungen Kongressmitarbeiterin seine Vorgesetzten belogen hat. „So hat er deren Vertrauen verloren“, meint ein ehemaliger US-Militäranwalt. Wieder einmal bestätige sich die alte Erfahrung: Nicht das Vergehen bringe einen Täter zu Fall, sondern sein fehlerhafter Versuch, die Tat zu verschleiern.

Nach monatelanger Hängepartie hat die Army inzwischen einen Nachfolger für den bestraften Gonsalves gefunden: Generalmajor Christopher Cavoli, zuletzt Befehlshaber auf Hawaii, wird am Donnerstag in Wiesbaden neuer Chef des US-Heeres in Europa. Damit hat er es in nur eineinhalb Jahren zum dritten Generalsstern geschafft.

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