Ein Tag über dem Flughafen Stuttgart Mitte Januar 2019: die An- und Abflugsrouten der Maschinen. Foto: Deutsche Flugsicherung

Ein Böblinger Bürger beschwert sich über zunehmenden Fluglärm. Das Regierungspräsidium bestätigt seinen Eindruck – allerdings nur für das vergangene Jahr. In Schönaich scheinen sich die Menschen mit den Flugzeugen abgefunden zu haben.

Böblingen - Das Obst aus dem eigenen Garten waschen Michael und Sylvia Ingmanns besonders gründlich. Im Sommer war ihr Gartentisch regelmäßig von einer pechschwarzen Rußschicht überzogen. Wenn sie fernsehen und ein Flugzeug im Landeanflug über den Böblinger Stadtteil Diezenhalde donnert, verstehen sie kein Wort mehr. „Früher sind die Maschinen über den Wald geflogen, jetzt geht es direkt über unser Haus“, sagt der 45-Jährige Ingenieur. Vor rund drei Jahren hat sich seiner Meinung nach die Flugroute geändert, seither fällt ihm jedenfalls der Lärm zunehmend auf. Laut dem Stuttgarter Regierungspräsidium gab es auch tatsächlich mehr Überflüge der Diezenhalde – aber vor allem im vergangenen Sommer.

Zwischen April und Oktober reger Flugverkehr

Vor zehn Jahren sind Michael und Sylvia Ingmanns in das Einfamilienhaus gezogen. Mittlerweile haben sie zwei Töchter, fünf und zwei Jahre alt. „Von Jahr zu Jahr hat es sich verstärkt“, sagt der 45-Jährige. Nur im Winter sei es ruhig, zwischen April und Oktober herrsche dagegen reger Flugverkehr. Und so tief würden die Maschinen fliegen, dass er im Detail erkennen könne, wie beispielsweise das Fahrwerk ausgeklappt würden. Bei Messungen während eines Überflugs über sein Haus kam er auf 90 Dezibel, fünf mehr als in dem Gebiet seiner Meinung nach erlaubt sind. Der Familienvater hat deshalb an die Böblinger Stadtverwaltung geschrieben und im Gemeinderat vorgesprochen, aber keine Antwort erhalten. „Langsam nervt es mich“, sagt er über die Lärmbelästigung aus der Luft.

Tatsächlich hätten die Flugbewegungen im vergangenen Jahr um 7,3 Prozent zugenommen, berichtet Sonja Hettich vom Regierungspräsidium (RP) – und prompt auch die Beschwerden. Das liegt in erster Linie am Wetter: „2018 hatte einen sehr langen und heftigen Sommer“, erklärt die Behördensprecherin. Solche Wetterlagen würden meist östliche Winde über dem Stuttgarter Flughafen mit sich bringen. Da die Maschinen gegen den Wind landen und starten müssten, habe es merklich mehr Landeanflüge in Richtung Osten gegeben. „Mehr Anflüge nach Osten bedeuten aber auch mehr Verkehr in nicht allzu großen Höhen und leider auch mehr Überflüge der Diezenhalde.“ Für den Landeanflug werden die Piloten mit einer Kursführung und einem Gleitpfad ausgestattet, den sie genau einhalten müssen, sonst könnten arbeitsrechtliche Konsequenzen folgen. Steinenbronn überfliegen die Maschinen in einer Höhe von 170 Meter, über Böblingen seien sie wesentlich höher, versichert das RP.

Einwände im untersten zweistelligen Bereich

Aus Böblingen und Schönaich erhielt der beim RP angesiedelte Lärmschutzbeauftragte nur Einwände „im untersten zweistelligen Bereich“. Im Jahr 2017 waren es 13 Beschwerden aus Schönaich, 15 aus Waldenbuch und 17 aus Steinenbronn, Böblingen tauchte in der Liste überhaupt nicht auf. „Wer in Schönaich wohnt, weiß dass es Fluglärm gibt“, sagt Daniel Schamburek. Laut dem Bürgermeister gehen im Rathaus nur sehr vereinzelt Beschwerden ein. Er selbst wohnt ebenfalls in der Einflugschneise, er höre die Geräusche aber bereits nach einem Jahr nicht mehr. In der Fluglärmkommission würden die Bürgermeister darauf hinwirken, dass die Belästigung nicht zunehme. Der Flughafen hätte durchaus Wünsche, den Flugverkehr auszudehnen. „Aber wir nehmen den Lärmschutz ernst“, betont Daniel Schamburek.

Bei der Böblinger Stadtverwaltung hat sich ein weiterer Bürger über den Fluglärm beklagt. Die Beschwerden werden einfach an den Lärmschutzbeauftragten weitergeleitet. Für Michael Ingmanns ist es auch ein Phänomen: Sein Nachbar klagt ebenfalls über die Geräuschkulisse, doch ein paar Straßen weiter sei sie längst nicht mehr störend, hat er selbst beobachtet. Dass es viel schlimmer sein könnte, weiß der Ingenieur auch: In Steinenbronn haben er und seine Frau Sylvia einmal eine Wohnung angeschaut, „als ein Flieger gekommen ist, sind wir wieder umgekehrt“, erzählt er und lacht. Von der Diezenhalde wird ihn der Fluglärm nicht vertreiben.

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