Bis Sportlerinnen erfolgreich sind, braucht es viele Übungsstunden – und Trainer dafür. Doch die seien immer schwerer zu finden, sagt die KSG-Vorsitzende. Foto: Andreas Gorr

Freiwillige Dienste sind die Stütze der Gesellschaft – ob im Sportverein, im Weltladen, beim Roten Kreuz oder im Jugendcafé. Doch die Bereitschaft zum Dienen ändert sich.

Gerlingen - Sie leiten Kinder in Turnstunden an, verkaufen im Weltladen oder helfen Menschen – eine aussterbende Spezies? Viele Vereine klagen, kaum jemand sei noch zur längerfristigen ehrenamtlichen Mitarbeit bereit. Dem widerspricht der Sozialminister des Landes, Manfred Lucha (Grüne). Er sagt bei einer Veranstaltung seiner Partei, es gebe nicht weniger Freiwillige. Wie kommen Wunsch und Wirklichkeit des Ehrenamts in Gerlingen zusammen? Ein Blick auf Vereine

Manfred „Manne“ Lucha, Minister

Fast die Hälfte aller Baden-Württemberger engagiere sich ehrenamtlich, berichtet der Sozialminister des Landes, Manfred „Manne“ Lucha (Grüne). Vieles in der Gesellschaft funktioniere ohne Freiwillige nicht: wie der Sport, die Feuerwehr, die Integration der Flüchtlinge. „Engagement ist nicht der Ersatz für nicht erfolgte staatliche Hilfe“, sagt der Minister und betont: Es sei nicht richtig, dass sich immer weniger Menschen ehrenamtlich engagierten. „Es sind nicht weniger geworden. Sie engagieren sich anders: zeitlich befristet, stärker interessengeleitet und aufgabenbezogen. Wir müssen akzeptieren, dass sich Menschen temporär engagieren.“

Sabine Wahl, Sportgemeinschaft

Die Vorsitzende des größten Gerlinger Vereins KSG betont, dass „Ehrenamt finanzierbar“ sein müsse – sie könne nur deshalb Vereinsmanagerin, Trainerin und Mutter von vier Kindern sein, „weil mein Mann das mitfinanziert“. Wer arbeiten müsse, sagt Sabine Wahl, „kann sich Ehrenamt nicht leisten“. Vereine seien nicht mehr so gefragt wie vor 50 Jahren, die KSG verliere Mitglieder. Trainer zu gewinnen sei schwierig. In der Konkurrenz zu Sportstudios, die den ganzen Tag offen haben, „müssen wir uns Alternativen suchen“. Ein neues Sportvereinszentrum könne dies in den nächsten Jahren sein.

Thilo Lang, Deutsches Rotes Kreuz

Das Rote Kreuz wirbt auch in den Schulen um Nachwuchs. Dafür seien Schulsanitäter das richtige Mittel, ist Thilo Lang überzeugt. Schon in der Breitwiesenschule habe man 36 Juniorhelfer von Klasse eins bis vier gewonnen – und sogar schon die Sechsjährigen des Johannes-Kindergartens spielerisch ausgebildet. Auch wenn Kinder nicht viel mit dem Wort Ehrenamt anfangen würden, könne man ihnen beibringen, dass es Freude machen, anderen zu helfen. Jüngst sei ein Jugendlicher zu den Aktiven gestoßen, der als Schulsanitäter begann.

Lukas Kuntz, Jugendcafé Konfus

„Wir haben gute Besucherzahlen, spüren den allgemeinen Trend nicht“, erzählt der Vorsitzende des Konfus-Trägervereins, Lukas Kuntz. Das Café im Alten Schulhaus an der Ditzinger Straße habe donnerstags- und sonntagabends offen, „wir finden immer Leute, die Thekendienst machen – auch länger“. Im Konfus könnten sich Jugendliche treffen, ohne Konsumzwang und Sozialarbeiter wie im Jugendhaus. Das funktioniere – auf ehrenamtlicher Basis.

Jürgen Wöhler, Heimatpflegeverein

Seit seinem Amtsantritt im Mai habe der Verein für Heimatpflege zwölf neue Mitglieder gewonnen, erzählt der neue Vorsitzende Jürgen Wöhler nicht ohne Stolz – aus der von allen Vereinen am meisten umworbenen „Generation 40 bis 50“. Eine Hilfe für die neue Außendarstellung sei die Homepage, die am 6. November freigeschaltet wird. Ein Ziel des Vereins ist es, dass der alte Gasthof Hirsch erhalten wird – beispielsweise als Begegnungsstätte.

Anja Meier, Weltladen

„Wir haben Probleme, die ganzen Aufgaben zu bewältigen“, berichtet Anja Meier vom Weltladen. Mittlerweile arbeite der zweite Freiwilligendienstler mit, sein Salär zahle die katholische Kirche. Den Bürgern und Kunden des Geschäfts für fair gehandelte Waren sei es nicht bewusst, dass „wir alle unsere Freizeit opfern“. Sie arbeite im Laden mit, weil dadurch Menschen in armen Ländern für ihre Arbeit faire Löhne erhalten würden. Zudem sei der Laden eine Begegnungsstätte. Und: „Es macht einfach Spaß“, gibt die Zahnärztin zu.

Georg Brenner, Bürgermeister

Die Stadtverwaltung müsse gewährleisten, „dass die Vereine arbeiten können“, sagt der Rathauschef Georg Brenner. Die Beschäftigung von Geschäftsführern sei aber deren Aufgabe. Nach den Richtlinien zur Vereinsförderung sind Zuschüsse zum Beispiel für Anschaffungen vorgesehen. Man müsse überlegen, ob künftig auch die Verwaltungskosten gefördert werden könnten. Zum Ehrenamt gehöre „ein gewisser Idealismus dazu“. In der Stadt gebe es 114 Vereine, die Kirchen und sieben Parteien. Brenner sei der „Oberhirte des Ehrenamts“, meinte die Moderatorin Ulrike Stegmaier.

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