Peter Zydel hat sich in seinem Garten ein kleines grünes Paradies geschaffen. Foto: factum

1965 sprang er von einem DDR-Spionageschiff ins Wasser und in ein neues Leben. Das fand Peter Zydel in Gerlingen. Nun ehrt ihn die Stadt für langjähriges Engagement.

Gerlingen - Brimborium, das sei nicht sein Ding. „Was soll der Zirkus?“ Peter Zydel lächelt, als er das sagt. Aber im Grunde genommen, so ergänzt er, „freue ich mich schon“. Ebenso wie Martin Nufer von den Freien Wählern (am 9. Juli) wird der FDP-Stadtrat die Ehrenmedaille in Gold der Stadt Gerlingen verliehen bekommen. Er wollte zwar keinen großen Bahnhof, am liebsten wären ihm zehn Minuten im Amtszimmer des Bürgermeisters gewesen. Aber nun wird es doch an diesem Mittwochabend eine zumindest mittelgroße Veranstaltung im Rathaus. Seine Töchter kommen mit ihren Familien aus München und Zürich, die Vorsitzenden der anderen Ratsfraktionen sind eingeladen, dazu einige enge Freunde. „Das war’s.“

Eigentlich ist die Ehrenmedaille in Gold Routine – wenn man die Verleihungsbedingungen der Stadt Gerlingen ansieht. Sie ist vorgesehen unter anderem für Stadträte, die schon vier Amtsperioden hinter sich haben und für die fünfte gewählt wurden. Aber Routine ist es eben halt doch nicht - sondern ein Zeichen der Wertschätzung. Insbesondere dann, wenn zur Stadtratstätigkeit noch jede Menge anderes Engagement hinzukommt. Für Peter Zydel, im Oktober 1942 in Breslau geboren („meine Familie stammt aus Schlesien und noch früher aus Bremen“), gehört dies zum Leben in einer kleinstädtischen Gemeinschaft einfach dazu. Apropos Alter. „Schreiben Sie nicht ,der 76-Jährige‘“, sagt er dem Besucher von unserer Zeitung, „das hört sich so alt an.“

Zydel schwamm in ein neues Leben

So muss man eben rechnen. Genauso, wie man kurz nachdenken muss, wofür sich Peter Zydel in seiner zweiten Heimat seit 1977 alles eingesetzt hat. Vor seiner Gerlinger Zeit war er Trainer der Handball-Mädchen beim TuS Stuttgart. In Gerlingen gründete er den Schwimmverein mit, als sich die Schwimmsportler, bis dato eine Abteilung der Kultur- und Sportgemeinde (KSG), verselbstständigten.

Das Schwimmen hat eine ganz wichtige Rolle in Zydels Leben gespielt – er schwamm vor langer Zeit in ein neues Leben. „Es war in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1965“, erzählt Zydel, und seine Stimme wird dabei fast unmerkbar ein bisschen langsamer. Da war er, 22-jähriger Wehrpflichtiger bei der Marine der Nationalen Volksarmee der DDR, zur Nachtwache auf einem kleinen Spionageschiff eingeteilt. Dies sollte ein NATO-Manöver beobachten und war an der Nordspitze Dänemarks zwischen Nord- und Ostsee unterwegs.

Er flüchtete mit nichts außer dem eigenen Leben

Zydel weiß noch jedes Detail – das große Ganze aber ist wichtig: Er sprang im Taucheranzug vom Schiff und schwamm an Land. In den Westen. Flucht. Mit Nichts, außer dem eigenen Leben. Nach wenigen Minuten gingen die Lichter des Schiffs an, der Soldat musste wegen starker Strömung einen großen Bogen zurücklegen. „Das war lebensgefährlich, ich hätte ohne weiteres ertrinken können“, berichtet Zydel. Und räumt, nach kurzem Nachdenken, eines noch ein: „Es nimmt mich heute noch mit, nach 54 Jahren.“

Zweieinhalb Stunden lang war er im Wasser, bevor er morgens um Drei im Hafen von Skagen eine noch offene Bar fand. Die dänische Polizei brachte ihn in Sicherheit, einen Tag später war er in Deutschland. Ein Onkel in Stuttgart-Feuerbach nahm in auf. Er machte seinen Meister der Elektrotechnik, war beruflich erfolgreich, lernte in der Firma seine Frau Gisela kennen, baute später in Gerlingen ein Reihenhaus.

Der Weltladen ist sein Lieblingskind

Der kritische Geist („in der DDR hatte ich ständig irgendwo Ärger“) wurde Ende der Siebziger ein Liberaler. „Damals hatte die FDP noch ein anderes Gesicht“, sagt er heute – versteht sich aber nach wie vor als Parteimitglied und Vertreter liberaler Positionen, auch solche der Wirtschaft. Im Trägerverein des Jugendhauses engagiert er sich bis heute („die Jungen muss man unterstützen, das ist unsere Zukunft“), und sein „absolutes Lieblingskind“ ist auch gleichzeitig sein jüngstes: der Weltladen. Dieser entstand aus den Verkaufsbemühungen für Dritte-Welt-Artikel in der evangelischen und der katholischen Kirche am Ort. Zydel war einer der Geburtshelfer, holte Frauen beider Kirchen in ein Gremium, half beim Suchen eines Ladenlokals und dessen Renovierung bis zur Eröffnung im September vor vier Jahren.

Mindestens zehn bis zwölf Stunden müsse ein Gemeinderat im Monat durchschnittlich aufwenden, meint der knitze Mann, der sich und seiner Frau hinter dem Haus ein kleines grünes Paradies geschaffen hat. Die Vorbereitungen, Ortsbesichtigung und Aktenstudium, seien genauso wichtig wie die Sitzungen. „Bevor ich über etwas abstimme, will ich wissen, worum’s geht.“

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