Ehrenamtliche im Kreis Ludwigsburg Der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält

Von Antonia Mayer 

Peter Keim bei einem Besuch in Afrika vor einigen Jahren Foto:  
Peter Keim bei einem Besuch in Afrika vor einigen Jahren Foto:  

Viele Menschen opfern ihre Freizeit, um anderen zu helfen – Ehrenamtler sind die kaum angemessen entlohnten Stützen unserer Gemeinschaft. Was treibt die Helfer an? Wir lassen fünf von Ihnen aus dem Kreis Ludwigsburg ihre Geschichte erzählen.

Ludwigsburg - Sie alle haben eines gemeinsam: Sie engagieren sich, ohne viele Worte darüber zu verlieren und halten unsere Gesellschaft zusammen. Fünf Bürger aus dem Kreis Ludwigsburg erzählen von ihrem Engagement und warum sie ihre Zeit und ihr Tun für die Gemeinschaft nutzen. Ehrenamtliche gibt es in allen Altersklassen und in allen Bereichen der Gesellschaft werden sie gebraucht, oft auch händeringend gesucht. Besonders viele engagierte Bürger gibt es in Baden-Württemberg, wie der Deutsche Freiwilligensurvey 2016 belegt. Bei diesem wurden 28 700 Bürger befragt. Das zentrale Ergebnis: 48,2 Prozent der Befragten in Baden-Württemberg betätigten sich ehrenamtlich. Das ist der zweitbeste Landeswert knapp hinter Rheinland-Pfalz; und gegenüber der letzten Befragung 2009 wuchs die Zahl der Helfer im Land nochmals um mehr als sieben Prozent. Das Ehrenamt gibt es in allen Formen. Am häufigsten engagieren sich laut der Studie Bürger im Bereich Sport (16,3 Prozent), gefolgt von Schule und Kindergarten (9,1 Prozent) sowie Kultur und Musik (neun Prozent).

Auf den Trip nach Australien verzichtet

Auch junge Leute sind engagiert bei der Sache: So wie der 18-jährige Bundesfreiwilligendienstler Tobias Eberhardt. Dieser absolvierte ein Jahr lang seinen Freiwilligendienst bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Ludwigsburg. „Ich wollte nicht wie viele andere nach dem Abitur nach Australien, sondern mich vor Ort gesellschaftlich engagieren,“ sagt er. Tobias ist im sozialen Dienst der AWO tätig. Vormittags begleitet er zwei körperlich-eingeschränkte Schulkinder in einer Grundschule in Kleinbottwar und in einem Gymnasium in Marbach. Dabei ist er im Unterricht dabei und hilft mit, wenn die Schüler nicht mitkommen. „Auch im Sportunterricht unterstütze ich die Schülerin, die in ihrer Sehkraft eingeschränkt ist und zeige ihr die richtige Technik beim Badminton spielen,“ erklärt er. Nachmittags dann geht Tobias mit älteren Menschen in Ludwigsburg einkaufen oder geht mit einer Rollstuhlfahrerin Kaffee trinken und Erledigungen besorgen. „Ich erfahre sehr viel Dankbarkeit von den Menschen und es ist schön, so herzlich aufgenommen zu werden,“ resümiert er. In den Sommerferien helfe er momentan bei der Lieferung des Essens für Kitas, auch für solche Arbeiten werden Helfer benötigt. Dieses Jahr, in dem er sich besonders für andere eingesetzt hat, hat auch er profitiert: „Ich bin offener und selbstbewusster durch den vielen Umgang mit Menschen geworden.“

Der Botschafter war voller Anerkennung

Eine andere Art des Engagements ist auch die ehrenamtliche Vereinsarbeit. Bei dem Verein Lebendiges Dorf Kamerun ist Peter Keim zweiter Vorsitzende und ist seit der Gründung des Vereins 2005 aktiv dabei. Der Ludwigsburger Verein arbeitet mit Organisationen in dem Dorf Mfida zusammen, um die Lebenssituation der Bewohner zu verbessern. „Was wir leisten wollen, ist Hilfe zur Selbsthilfe,“ sagt Peter Keim. In Kooperation mit den Menschen vor Ort half der Verein bei dem Bau einer Schule, einer Krankenstation und eines Brunnens. Peter Keim ist sich sicher: „Das Ehrenamt muss zum Ehrenamtlichen passen.“ Der 78-Jährige war vor seinem Einsatz noch nie in einem afrikanischen Land gewesen, aber das Projekt interessierte und überzeugte ihn davon, dass es der Entwicklung des Dorfes zugute komme. „Das Engagement ist zeitintensiv, aber es ist schön zu sehen, was für Fortschritte gemacht werden und zu sehen, dass Leute aus der Stadt wieder ins Dorf Mfida zurückziehen können.“ Die Arbeit mit den Dorfbewohnern und die Unterstützung, die der Verein leisten kann und auch die Erfolge ihrer Arbeit bestätigen Peter Keim in seinem Einsatz. „Vor wenigen Jahren wurde der Botschafter von Kamerun in Berlin auf uns aufmerksam, und kam uns in Ludwigsburg besuchen. Das war auch eine tolle Anerkennung für unsere Arbeit,“ sagt er. Wie lange er sein Engagement noch weiterführe, weiß Keim sofort. „Mir macht die Arbeit einfach Freude, wenn die nicht mehr da ist, erst dann höre ich auf.“

Todkranke Menschen begleitet er in ihrer letzten Lebensphase

Das Ehrenamt ist auch ein zentraler Bereich der Hospizarbeit in Deutschland. Todkranke Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, ist keine leichte Aufgabe. Das weiß auch Reiner Gille , 57 Jahre alt und aus Freiberg a. N. Neben seiner Arbeit bei einem Automobilhersteller in Stuttgart, nutzt er seine freie Zeit für den Kinderhospizdienst in Ludwigsburg. Seit zehn Jahren ist er in der Trauerbegleitung ehrenamtlich tätig. „Durch unseren Pfarrer in Freiberg kam ich zum Hospizdienst. Sie suchten noch männliche Begleiter, und ich hatte Interesse und stehe seitdem vollends hinter dieser wichtigen Aufgabe.“ Zunächst begleitete Reiner Gille Erwachsene, dann nach ein paar Jahren machte er in Ludwigsburg den Kurs zur Begleitung für Kinder und Jugendliche. „Der Tod von Kindern und Jugendlichen ist immer noch ein Tabu-Thema in der Gesellschaft,“ meint Rainer Gille. Momentan begleitet er einen Jugendlichen, dessen Vater gestorben ist. Sie treffen sich zum Eis essen, sprechen viel über Fußball und andere alltägliche Dinge. „Ich bin da für ihn- egal worüber er sprechen möchte, darum geht es in der Trauerbegleitung,“ sagt Gille. Für ihn ist diese Art des Engagements eine wichtige Weise zu helfen und selbstverständlich. „Es ist für mich ein guter Ausgleich zu meiner Arbeit und das Engagement erdet mich,“ erklärt er „mit den Begleitungen lernt man mit dem Thema Nähe und Distanz besser umzugehen, da hat jeder so seine Rituale. Wenn mir manches nachgeht, dann gehe ich erstmal Rad fahren und denke darüber nach. Aber nach Hause nehme ich nichts mit in die Familie.“ Dafür haben sie ihre kontinuierlichen Treffen mit anderen Ehrenamtlichen und den Supervisionen des Hospizdienstes, wo sie ihre Gedanken und Erfahrungen austauschen. „Mein Ehrenamt ist fester Bestandteil meines Lebens,“ meint Reiner Gille abschließend.

Der Markgröninger Marsch stammt aus seiner Feder

Einen festen Bestandteil hat das Engagement auch im Leben von Georg ter Voert, der seit 39 Jahren Dirigent im Musikverein Markgröningen ist. Durch eine Annonce der „Stuttgarter Zeitung“ im Jahr 1979 wurde er auf die Ausschreibung der Stadt Markgröningen aufmerksam und bewarb sich. Seitdem ist er weit über seinen Dirigenten-Beruf hinaus in dem Stadtkapellen- Musikverein tätig. Beim 20. Internationalen Musikfest 1986 wurde der Markgröninger Marsch uraufgeführt, der aus seiner Feder stammt. Im gleichen Jahr wurde ter Voert zum Stadtmusikdirektor ernannt. Er leitet den Fanfarenzug, das Blasorchester und den Spielmannszug und verbringt viel Zeit mit anderen Ehrenamtlichen. „Meine Söhne sind auch Musiker, und engagieren sich im Verein. Ohne ehrenamtliche Helfer würde vieles nicht funktionieren.“ Beim jährlichen traditionellen Schäferlauf arbeiten Ehrenamtliche und Hauptamtliche im Musikverein eng miteinander.

Ein Projekt, dass es ohne engagierte Helfer wohl nicht gebe, ist das Kinderkleiderstüble Sonnenschein in Eglosheim. Christiane Wahlicht leitet das Kleiderstüble ehrenamtlich. Im Gemeindezentrum der katholischen Kirchengemeinde Thomas Morus befindet sich der Laden, der allein von einem Team Ehrenamtlicher getragen wird. „Es geht nicht um mich bei dem Engagement,“ sagt die 53-jährige, die seit vier Jahren im Stüble engagiert ist. „Mir macht das soziale Engagement Spaß und es ist eine Chance für mich etwas anderes zu machen als hauptberuflich,“ so die Verwaltungsmitarbeiterin. Gesellschaftlich engagiert sei sie schon seit der Schule, und mit ihrer Familie in der katholischen Kirchengemeinde in Ludwigsburg engagiert. „Das Projekt ist mir wegen des sozialen und ökologischen Aspekts wichtig,“ sagt sie. Das Stüble nimmt Kindersachen als Spende entgegen, bereitet diese auf und verkauft sie an Kunden. So werden gut erhaltene Sachen wie Kinderkleidung und Spielzeug nicht weggeworfen, sondern weiterverkauft. Der Erlös geht dann an die Kirchenpflege für soziale Zwecke. Aber auch der Kunde steht im Mittelpunkt des Projektes. Das Team an Ehrenamtlichen suchen bei einer Tasse Kaffee während der Öffnungszeiten auch das Gespräch mit den Kunden, hören ihnen zu und helfen in vielen Lebenslagen. Mit einem offenen Ohr und günstigen Kindersachen schaffen sie einen Raum für viele Kunden. Als Leitung ist Christiane Wahlicht auch für die administrativen Tätigkeiten zuständig und ist einmal in der Woche im Stüble. „Nächste Woche treffen wir uns Ehrenamtler, um von der Sommer- auf die Winterkleidung umzuräumen,“ erzählt sie. Jeder ist im Kinderkleiderstüble willkommen- für viele Familien gehört ein regelmäßiger Besuch im Kinderkleiderstüble dazu.

Die Stadt vermittelt Einsätze

Engagierte Ludwigsburger sind ein lebendiges Zeichen des Miteinanders für unsere Gemeinschaft und unsere Stadt. Ehrenamtlich werden immer gesucht und sehr wertgeschätzt. Bei den Projekten kann man sich melden, wer Interesse an einer sozialen Tätigkeit hat. Auch vermittelt der Fachbereich Bürgerschaftliches Engagement der Stadt Ludwigsburg ehrenamtliche Einsätze.

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