In vielen Städten sind die Skooter schon im Einsatz – nicht nur mit guten Erfahrungen. Foto: dpa

In den USA sind E-Tretroller ein Riesen-Geschäft – und ein Hassobjekt. Bald sollen sie auch in Deutschland zugelassen werden. Wo führt das hin?

Stuttgart - Die Roller-Apokalypse begann Ende März 2018. Über Nacht hatten Verleiher 4000 Elektroskooter in San Francisco aufgestellt. Von einem Tag auf den anderen wurden sie zum beliebten Fortbewegungsmittel – und zum Hassobjekt. Manche ärgerten sich so sehr über die mitten auf Gehsteigen oder vor Ladeneingängen abgestellten E-Fahrzeuge, dass sie sie mit Kot beschmierten, im Meer versenkten oder in ihre Einzelteile zerlegten. Bilder davon kursierten auf sozialen Medien unter dem Hashtag #Scootergeddon, also Roller-Apokalypse. Wegen der Scharmützel, die sich Kommunen und Sharing-Anbieter lieferten, wurde auch von einem Krieg der Roller gesprochen.

E-Roller stehen in Deutschland in den Startlöchern

Droht Ähnliches in Deutschland? Vom Frühjahr 2019 an sollen die E-Skooter auch hierzulande fahren dürfen – gerade wird an einer entsprechenden Verordnung gearbeitet. Anbieter von Roller-Sharing, so nennt sich das Verleihmodell, stehen schon in den Startlöchern. Die Daimler-Tochter Mytaxi, der US-Vorreiter Bird und das Berliner Start-up Tier, sie alle lassen auf Anfragen hin durchblicken, dass sie Angebote in deutschen Städten planen. Stuttgart nennen sie nicht namentlich, und doch wird klar, dass sie auch hier ausrollen wollen – bei der Stadt gingen dazu mehrere Anfragen ein. In Bamberg startete bereits Ende November eine Testphase mit Sondergenehmigung, bis zum Frühjahr sollen dort 100 Fahrzeuge rollen.

Warum ist das Geschäft mit den E-Tretrollern so interessant? Wer das verstehen will, muss in die USA schauen. Im September 2017, ein halbes Jahr vor der Roller-Apokalypse, hat Bird die ersten E-Tretroller in Los Angeles auf die Straßen gebracht. Etwas mehr als ein Jahr später rollen Tausende Roller des Unternehmens in mehr als 70 Städten in den USA und sieben in Europa, der Hauptkonkurrent Lime deckt sogar knapp 100 US-amerikanische und 13 europäische Städte ab. Und ständig kommen neue dazu.

Das Roller-Sharing lockt Milliardeninvestitionen an

Das Roller-Sharing ist interessant für potenzielle Geldgeber: In den Vorreiter Bird wurden laut der Technik-Plattform Crunchbase etwas mehr als 360 Millionen Euro investiert, dessen Hauptkonkurrent Lime bekam 410 Millionen Euro. Geldgeber pumpten zudem 25 Millionen Euro in das Berliner Start-up Tier. Ob das Roller-Sharing Gewinn abwirft, stellen manche Experten jedoch infrage. Die teure Anschaffung und Wartung, ein auf das einzelne Gerät gesehen geringer Umsatz und eine kurze Lebensdauer könnten das Geschäft ausbremsen, sagte etwa ein Rollerhersteller dem Magazin „Der Spiegel“.

Dem Hype tut das keinen Abbruch. „Das Potenzial der Roller ist sehr hoch, weil es kaum Lösungen für Mikro­mobilität gibt“, sagt der Mobilitäts­forscher Fabian Edel vom Fraunhofer-Institut in Garmisch-Partenkirchen. Mikromobilität, das meint zum Beispiel den Weg zwischen ÖPNV-Haltestellen bis zur Haustür – die sogenannte letzte Meile. Die E-Tretroller, für 400 bis 1000 Euro erhältlich, werden also auf kürzeren Strecken eingesetzt als Stuttgarts Stella-Roller und die E-Roller des Sharing-Start-up Coup von Bosch. Die bleiben beim Vespa-Format und steigen nicht in den Scooter-Markt ein. Die Scooter könnten auch wegen der bevorstehenden Dieselfahrverbote in Stuttgart eine große Rolle spielen. „Dann führt kein Weg an den Rollern vorbei“, so Edel. Sie sollen Lücken im öffentlichen Verkehrsnetz überbrücken. „Das ist ein Anreiz für die Leute umzusteigen“, meint Edel. Das wiederum würde Autofahrten und damit Emissionen einsparen.

Deutschland reguliert den Einsatz auf 48 Seiten

Die Verordnung für E-Roller in Deutschland könnte diesen Weg aber zumindest beschwerlich machen. 20 km/h sollen die Tretroller mit E-Motor gemäß dem Entwurf der Verordnung für „Elektrokleinstfahrzeuge“ fahren dürfen, in anderen europäischen Städten düsen sie mit 25 km/h umher. Sie müssen eine Lenkstange haben, Blinker, zwei Bremsen, eine Versicherungsplakette, und der Lenker braucht zumindest einen Mofa-Führerschein. 48 Seiten ist der Entwurf der Verordnung stark, der die Roller reguliert. Andere elektrische Kleinstfahrzeuge wie Skateboards oder Hoverboards – ein selbstbalancierendes Brett mit zwei parallel platzierten Rollen – sollen laut Bundesverkehrsministerium zwar zugelassen werden, stehen aber noch nicht im Entwurf. „Ich glaube, dass die Verordnung zu streng ist“, sagt Edel. Er befürchtet, dass sie die Ausbreitung der Roller ausbremst. Andere europäische Städte hatten bisher eher das umgekehrte Problem: Sie wurden überrollt.

Dazu gehört Wien. 1500 Roller von vier verschiedenen Anbietern sind im Einsatz. Die meisten davon im 1. Bezirk, also dort, wo die Dichte an Menschen und Geschäften besonders hoch ist. Anrainer beschwerten sich wegen blockierter Gehwege, Geschäftsleute wegen verstellter Auslagen, Passanten wegen risikofreudiger Raser. Die Bezirksverwaltung versucht jetzt, mit Anbietern Parkverbotszonen und Tempodrosselungen etwa in Fußgängerzonen einzuführen. Die Roller bleiben ein Reizthema.

Künftig 500 Fahrzeuge in Stuttgart?

Rechnet man die Rollerdichte in Wien auf die Größe von Stuttgart um, wären das ungefähr 500 Gefährte. Wie man mit den Rollern umgehen will, wenn die Regelung verabschiedet wird, weiß die Stadt noch nicht. Man sei „darauf angewiesen, welche Spielräume der Bund den Kommunen gibt“, spielt die Stadt Stuttgart den Ball an das Bundesverkehrsministerium.

Der zuständige Minister Andreas Scheuer (CSU) zeigt sich als Fan der kleinen E-Fahrzeuge: Sie hätten „ein enormes Zukunftspotenzial“. Die Grünen im Südwesten sehen es ähnlich: „Nach 60 Jahren Autovorrangpolitik ist eine Neuaufteilung des Raumes auf unseren Straßen unabdingbar, damit sich neue Mobilitätsformen entfalten können“, sagt der Landesvorsitzende Oliver Hildenbrand. Aber die Verordnung verzögert sich. Sie hätte mit Jahresanfang kommen sollen, mittlerweile ist von Frühjahr 2019 die Rede.

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