Durch den erweiterten Suezkanal kommen auch unerwünschte Tierarten ins Mittelmeer. Foto: imago/Independent Photo Agency/imago stock&people

Seit der Erweiterung des Suezkanals machen sich im Mittelmeer aggressive Tiere aus dem Roten Meer breit. Experten warnen vor dramatischen Folgen für die heimischen Arten. Auch Strandbesucher werden vergrault.

Tel Aviv - Giftige Quallen, aggressive Fische und schädliche Krustentiere: Meeresbiologen warnen vor Hunderten invasiven Arten im Mittelmeer. Hierher gelangt sind die im Roten Meer heimischen Tiere durch den Suezkanal. Während Ägypten gerade das 150-jährige Bestehen der berühmten Wasserstraße feiert, beklagen die Wissenschaftler eine weniger bekannte Auswirkung.

Der Kanal hatte den Seeverkehr revolutioniert, indem er einen direkten Schifffahrtsweg zwischen Ost und West eröffnete. Doch im Laufe der Jahre haben die invasiven Arten die heimische Tier- und Pflanzenwelt des Mittelmeeres an den Rand der Ausrottung gedrängt. Sein empfindliches Ökosystem wurde stark verändert – mit möglicherweise verheerenden Konsequenzen, wie Forscher sagen.

Der Zustrom der Schädlinge hat seit 2015 stark zugenommen. Damals verdoppelte Ägypten mit der Eröffnung des „Neuen Suezkanals“ die Kapazität der Wasserstraße. Mehrere Staaten am Mittelmeer reagierten kritisch, darunter vor allem das benachbarte Israel, das an dem 193 Meter langen Kanal 1967 im Sechstagekrieg gegen Ägypten gekämpft hatte.

Küstengewässer könnten nicht mehr nutzbar sein

Ein Großteil der ökologischen Schäden ist irreversibel, wie die israelische Meeresbiologin Bella Galil erklärt, die sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Mittelmeer beschäftigt. Um die langfristigen Folgen aber so gering wie möglich zu halten, sei ein rasches Eingreifen notwendig, sagt die Wissenschaftlerin von der Universität in Tel Aviv. Denn die invasiven Fische und Schalentiere breiteten sich angesichts steigender Wassertemperaturen rasch in Richtung der europäischen Küsten aus.

Die ständige Verbreiterung und Vertiefung des Kanals habe ein „bewegliches Aquarium“ von Arten geschaffen, warnt Galil. Falls diese Tiere nicht kontrolliert würden, könnten Küstengewässer irgendwann für den Menschen nicht mehr nutzbar sein.

Die Zahl invasiver Arten liegt nach Angaben der Expertin aktuell bei etwa 400 und hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt. Galil spricht von einem „historischen Beispiel für die Gefahren ungewollter Konsequenzen“.

Israel hat schon jetzt mit einer beispiellosen Masse an giftigen Quallen zu kämpfen. Die Nesseltiere haben Kraftwerke an der Küste beschädigt sowie Strandbesucher und Touristen vertrieben. Mehrere andere giftige Arten, darunter der aggressive Rotfeuerfisch, haben sich dauerhaft angesiedelt. Falls die Tiere in Strandrestaurants auf dem Teller landen, drohen Gesundheitsgefahren.

Hasenkopf-Kugelfisch bereitet Sorgen

Die größten Sorgen löst die Ankunft des sogenannten Hasenkopf-Kugelfisches aus, eines extrem giftigen Knochenfisches, der zuvor als Silberwangen-Krötenfisch bekannt war. Wie Galil erklärt, sind die Neuzugänge in Israel bei Fischen zur Hälfte und bei Krustentieren zu 100 Prozent invasive Arten.

Dass sich die „rollende Invasion“ nun bis nach Spanien erstreckt, lässt europäische Staaten zunehmend aufhorchen. Das Thema steht weit oben auf der Agenda einer Tagung der Vereinten Nationen zur Nachhaltigkeit der Meere in diesem Monat in Venedig.

„Diese gebietsfremden Organismen stellen eine ernste Bedrohung für die lokale Biodiversität dar, mindestens vergleichbar mit derjenigen durch Klimawandel, Verschmutzung und Überfischung“, sagt Galil. Die Invasoren hätten eine „dramatische Umformung“ des Ökosystems verursacht, bedrohten etliche alteingesessene Arten und vernichteten heimische Muscheln, Garnelen und Meerbarben. Auch andere Meeresbiologen von der Türkei bis nach Tunesien warnen vor Gefahren für weite Teile des Mittelmeers.

Das israelische Umweltschutzministerium beobachtet die Entwicklung nach eigenen Angaben ebenfalls mit Besorgnis. Schließlich sei die israelische Küste die „erste Station“ im Mittelmeer, hieß es. Das Ministerium betonte, dass Israel allein das Phänomen nicht stoppen könne, aber für eine Regulierung zum Schutz der gefährdetsten maritimen Lebensräume eintrete. Da das Land bei der Trinkwasserversorgung zunehmend auf das Mittelmeer angewiesen sei, sei der Schutz der Meeresumwelt heute wichtiger denn je.

„Salzbarriere“ soll Einwanderung bremsen

Ägypten, das 1979 einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnete, zeigt sich bislang aber wenig einsichtig. Die Regierung wies die Warnungen israelischer Wissenschaftler als politisch motiviert zurück. Invasive Arten könnten sogar Vorteile bringen, etwa als Ersatz überfischter Arten, sagt Mustafa Fuda, ein Berater des ägyptischen Umweltministers. Die meisten von ihnen richteten keinen Schaden an.

Ägyptische Experten wiesen auch einen direkten Zusammenhang zwischen den Invasionen und dem Ausbau des Suezkanals zurück. Grund für die Ausbreitung der Exoten seien vielmehr die Erderwärmung und die Wasserverschmutzung durch Frachtschiffe. Die staatliche Suezkanal-Behörde als Betreiberin bezeichnete die Umweltsorgen wegen der Erweiterung des Kanals als übertrieben.

Zur Begrenzung der Schäden könnten auf relativ einfache Weise Entsalzungsanlagen beitragen, wie sie Ägypten gerade entlang des Kanals baut. Die erste Anlage soll im Laufe des Jahren in Betrieb gehen. Das gewonnene Salzwasser könnte nach Angaben von Galil in den Kanal geleitet werden: So würde eine „Salz-Barriere“ entstehen, die die Wanderung von Arten von Süd nach Nord bremst.

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