Am zweiten Verhandlungstag waren die Angehörigen als zeugen geladen. Foto: dpa/Arne Dedert

Im Verfahren um den Dreifachmord in Holzgerlingen waren die Angehörigen der Opfer als Zeugen geladen. Die Tat des 31-jährigen Angeklagten ist für sie unerklärlich.

Holzgerlingen - Der Dreifachmord von Holzgerlingen erscheint nach wie vor unerklärlich: Auch die Aussagen der in dem Prozess am Stuttgarter Landgericht als Zeugen geladenen Angehörigen haben wenig zur Aufklärung der Tat beigetragen. In der Nacht zum 18. März hatte ein 31 Jahre alter Mann in einem Wohnhaus seinen Vermieter, dessen Vater und Freundin erstochen. Der Angeklagte ist geständig, will aber kein Mörder sein, sondern aufgrund seiner Depression im Affekt gehandelt haben. Einen Streit mit seinem Vermieter hat er als Auslöser für den Gewaltausbruch angegeben. Die Angehörigen haben von dem Konflikt jedoch nur wenig mitbekommen, obwohl sie viel Kontakt mit den späteren Opfern hatten.

Täglich Kontakt mit der Zwillingsschwester

Immer wieder sind am zweiten Verhandlungstag Tränen geflossen. „Der wichtigste Mensch in meinem Leben ist weg – so überraschend und einfach nicht verständlich“, sagte die Zwillingsschwester der getöteten 27-jährigen Freundin des Vermieters schluchzend. Die jungen Frauen tauschten sich täglich über Telefonate oder Textnachrichten aus. Ihre Schwester, die erst im vergangene August in das Haus eingezogen war, habe sich sogar dafür eingesetzt, dass der Angeklagte die Wohnung im Dachgeschoss mieten könne. Man sollte ihm eine Chance geben, habe sie gesagt, weil er alleinstehend war und einen Hund besaß. Die Streitigkeiten mit dem Angeklagten seien kein großes Thema gewesen: „Ich dachte zu keinem Moment, in dem Haus ist der Krieg ausgebrochen.“

Laut den Angehörigen kam es kurz nach dem Einzug im Oktober zum ersten Konflikt. Der 33 Jahre alter Vermieter und sein 62 Jahre alter Vater hatten die Dachgeschosswohnung betreten, weil ein Fenster repariert werden sollte – allerdings ohne Zustimmung des Mieters. Die Unordnung, die sie vorfanden, muss die beiden entsetzt haben. Der Angeklagte zeigte sie im Gegenzug wegen Hausfriedensbruchs an. Die junge Frau, die als Handelsfachwirtin tätig war und eine Ausbildung in Mediation hatte, organisierte eine Aussprache, es wurde zusammen ein Bier getrunken. Einige Wochen später soll es Ärger gegeben haben, weil der Hund die Haustüre verschmutzte und der Mieter sich weigerte, sie zu putzen. Zwei Tage vor der Tat hantierte der Angeklagte wiederum so laut mit dem Staubsauger, dass der darunter wohnende Vermieter hinaufging und ihn aufforderte, es sein zu lassen. „Ich bin fix und fertig“, schrieb die 27-Jährige an dem Abend ihrer Familie. Der Mieter habe ihren Freund angegriffen und gestoßen, er wäre fast die Treppe hinuntergefallen.

Mutter warnt ihre Tochter am Telefon

Nur die Mutter hatte ein ungutes Gefühl, nachdem die Tochter ihr berichtet hatte, wie aggressiv der Angeklagte war. In ihrem letzten Telefonat am Tag vor der Tat bat sie die 27-Jährige, die Wohnungstüre geschlossen zu halten und nicht zu öffnen, wenn jemand davorstehe. Der Angeklagte hatte nach dem Streit zwar das Haus verlassen, kam aber zwei Tage später zurück und erstach mitten in der Nacht die drei anderen Bewohner. Mehrfach fragte der Vorsitzende Richter bei der Familie nach weiteren Aggressionen des Angeklagten und ob der 33-jährige Vermieter und sein Vaters aufbrausend gewesen seien. Ihr Bruder „war immer gut drauf, eher die ruhigere Sorte“, beschrieb ihn seine Schwester, ihr Vater sei nie handgreiflich geworden.

Alle sind davon ausgegangen, dass der Angeklagte einfach wieder ausziehen werde. „Wir haben die Brisanz nicht erkannt“, sagte der Stiefvater der 27-Jährigen, als er davon berichtet, dass der Vater des Angeklagten die Vermieter über die Depressionen seines Sohnes in Kenntnis gesetzt hatte.

Im Zeugenstand wirken die Angehörigen, als wären sie weiterhin unter Schock. „Unser Leben ist ein anderes“, sagte die Mutter der getöteten jungen Frau. Ihre Zwillingsschwester befindet sich seit der Tat in Therapie und kann ihren Beruf als Kunsttherapeutin nicht mehr ausüben. „Wie soll man Menschen mit psychischen Problemen helfen, wenn man selbst so instabil ist“, fragte sie.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: