Chantal Laboureur (li.) und Julia Sude wollen da weitermachen, wo sie 2017 aufgehört haben. Foto: dpa

Gleich drei deutsche Beachvolleyball-Topteams haben Stuttgart als wichtigsten Bezugspunkt. Nun starten sie in die Saison – mit hohen Zielen.

Stuttgart - Stuttgart liegt nicht am Meer und hat auch keinen kilometerlangen Sandstrand. Dafür einen Olympiastützpunkt, der drei Beachvolleyball-Teams als Ausgangspunkt dient – auf ihrem Weg zu den nächsten Sommerspielen 2020 in Tokio. Zuletzt hat sich die Beachvolleyball-Elite auf Teneriffa getroffen, an diesem Mittwoch beginnt die heiße Phase der Saisonvorbereitung beim Vier-Sterne-Turnier im chinesischen Xiamen. Ein Überblick vor dem ersten Aufschlag:

Karla Borger und Margareta Kozuch

Karla Borger ist ein positiver Mensch. Eigentlich. Doch 2017 musste sie so viele Tiefschläge einstecken, dass es selbst ihr an die Substanz ging. So sehr, dass sie zwischendurch sogar darüber nachdachte, ihre Karriere zu beenden. Doch mittlerweile hat die 29-Jährige ihren Optimismus wiedergefunden. „Frauen-Beachvolleyball boomt in Deutschland“, sagt Karla Borger, „es ist toll, Teil dieser Entwicklung zu sein, auch weil die sportliche Herausforderung enorm groß ist.“

Gut ist, dass sie sich in dieser Saison mit ihrer Partnerin Margareta Kozuch den Aufgaben auch stellen kann. Turnier für Turnier, anders als noch im vergangenen Jahr. Damals gab es Zoff mit dem Verband, weil das neu zusammengestellte Duo seinen eigenen Weg gehen und sich nicht der Zentralisierung am Stützpunkt in Hamburg unterwerfen wollte. Daraufhin wurde Borger/Kozuch der Status als Nationalteam verweigert, bei etlichen Turnieren, für die sie aufgrund ihrer Weltranglistenpunkte qualifiziert gewesen wären, erhielten sie keine Starterlaubnis. Und als im November der Streit endlich beigelegt war, gab es eine andere schlechte Nachricht: Bei einer Vorsorgeuntersuchung wurden bei Karla Borger bösartige Zellen entdeckt – eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs. Es folgten eine Operation und vier Wochen Pause. Mittlerweile ist die Vizeweltmeisterin von 2013 und Olympia-Neunte von 2016 (mit Britta Büthe) vollständig genesen, fit und bereit für neue Taten: „Jetzt geht es richtig los, in unserem Team steckt noch viel Potenzial.“

Das liegt auch an Maggie Kozuch (31). Nach 336 Länderspielen in der Halle wechselte die Anführerin des Nationalteams in den Sand, wo sie nun ihre zweite Saison spielt. „Natürlich fehlt es ihr immer noch an Erfahrung“, sagt Borger über ihre Partnerin, „doch was sie intuitiv richtig macht, ist unglaublich. Und bei ihr kommt sicher noch viel mehr.“ Entsprechend hoch sind die Ziele. Borger, die in Stuttgart wohnt („Das ist meine Basis“), will mit Kozuch, deren Lebensmittelpunkt Mailand ist, den Sprung zu den Sommerspielen 2020 in Tokio schaffen. Weshalb neben der EM in dieser Saison, in der schon ein fünfter Platz in Fort Lauderdale (USA) zu Buche steht, vor allem die Turniere am Ende des Jahres wichtig sind – sie zählen wohl schon zur Olympia-Qualifikation. „Das Ziel ist, unsere maximale Leistung zu zeigen. Wenn uns das gelingt, kommen auch die Ergebnisse“, sagt Karla Borger. Und wenn nicht? Ist eines sicher: „So schnell haut uns nichts mehr um.“

Chantal Laboureur und Julia Sude

Viel besser hätte 2017 nicht laufen können für das Duo aus Stuttgart: EM-Bronze, Sieg beim Major-Turnier in Gstaad, DM-Gold, zwischenzeitlich Platz zwei in der Weltrangliste – „das ganze Jahr“, sagen sie, „war ein einziger Höhepunkt“. Dem nun keine Talsohle folgen soll, weshalb die beiden zuletzt hart gearbeitet haben. In allen Bereichen, unter anderem an der Fähigkeit, sich möglichst schnell an neue Situationen anpassen zu können. Wie gut die Form ist? Wird sich nun in China zeigen. Das erste Turnier in Fort Lauderdale lief noch nicht optimal, die an Nummer zwei gesetzten Laboureur/Sude verpassten überraschend das Achtelfinale. Was aber auch damit zu tun hatte, dass der erste Teil der Saisonvorbereitung etwas später beginnen musste – die beiden Stabsunteroffiziere der Bundeswehr waren bei einem sechswöchigen Lehrgang (samt Ausbildung zu C-Lizenz-Trainerinnen) in Warendorf gefordert. „Den Auftakt in Florida hatten wir uns natürlich anders vorgestellt“, sagt Sude, „aber das ging vielen Top-Teams so.“ Und ist kein Grund zur Beunruhigung.

Laboureur und Sude, die wie Borger/Kozuch ihren Streit mit dem Verband beigelegt und sich ihre Eigenständigkeit bewahrt haben, sind selbstbewusst genug, um ambitionierte Pläne zu schmieden. Bei der EM in den Niederlanden wollen sie wieder aufs Podest, zudem bei den großen Turnieren vorne dabei sein – unter anderem beim Finale der World-Tour in Hamburg. Zudem möchte sich das Duo die bestmögliche Ausgangsposition für die Olympia-Qualifikation erarbeiten. „Als deutsches Team darf man sich auch in einer Saison ohne WM oder Sommerspiele keinen Hänger erlauben“, sagt Laboureur, „dafür ist die nationale Konkurrenz viel zu stark.“ Und dafür steht zu viel auf dem Spiel. Sportlich, aber auch finanziell.

Allein schon um die Kosten zu decken, müssen Erfolge her. Umso bemerkenswerter ist, dass sich Laboureur auch außerhalb des Feldes engagiert – in der neu gegründeten Spielervereinigung. Die Profis wollen künftig mit einer Stimme sprechen, was angesichts der Winkelzüge und ständigen Regeländerungen des Weltverbandes kein Fehler ist. Laboureur, die in Tübingen Medizin studiert, arbeitet im Ressort „Strategie und Entwicklung“ mit. „Entscheidungen dürfen künftig nicht mehr über unsere Köpfe hinweg fallen“, sagt sie, „es ist an der Zeit, dass wir uns nicht mehr alles gefallen lassen.“

Was nur zeigt: Beachvolleyball ist für Laboureur (28) und Sude (30) mehr als ein Beruf. Es ist eine Berufung. Und das ist die beste Voraussetzung, um auch künftig erfolgreich zu sein.

Kim Behrens und Sandra Ittlinger

Wer im Sandkasten erfolgreich sein will, muss auch außerhalb harmonieren. Was die Suche nach einer neuen Teamkollegin nicht nur interessant macht, sondern auch riskant. Umso schöner ist, wenn es passt. Wie bei Kim Behrens (25) und Sandra Ittlinger (23). Seit einem guten halben Jahr sind die beiden erst ein Duo, doch längst ist klar: Sie haben eine gute Perspektive. Weil die Ergebnisse von Beginn an bemerkenswert waren (zuletzt Achtelfinal-Einzug in Fort Lauderdale). Weil das Alter noch eine sportliche Entwicklung verspricht. Und weil es auch sonst bestens läuft. „Wir beide sind Athletinnen, die lieber an sich selbst arbeiten, als die Schuld bei anderen zu suchen“, sagt Kim Behrens, „und wir sind beide sehr offen und tolerant, haben wenig Macken. Zwischen uns stimmt es, sodass wir weiterhin viel Energie in unser Projekt stecken.“

Zu dem die Frage gehört, was sportlich möglich ist. Wer die beiden ehrgeizigen Athletinnen fragt, bekommt als Antwort: viel. „Wir setzen uns hohe Ziele“, sagt Kim Behrens, die bis Ende August mit Annie Schumacher spielte, ehe diese wegen ihrer Schwangerschaft die Karriere beendete. Das neue Duo, das von Ex-Profi Kay Matysik (WM-Dritter 2013) trainiert wird, will sich an der deutschen Spitze etablieren. Und mitkämpfen um die Tickets zu den Großereignissen: EM 2018 in den Niederlanden, WM 2019 in Hamburg, Olympia 2020 in Tokio. „Wir möchten uns vor diesen Highlights in die bestmögliche Position bringen“, erklärt Behrens, „und wir sind auch noch jung genug, dass Olympia 2024 in Paris nicht utopisch weit weg ist.“

Wer so motiviert ist, lässt sich auch von logistischen Problemen nicht ausbremsen. Sandra Ittlinger studiert in Berlin Psychologie, Kim Behrens ist Polizeikommissarin mit Dienststelle Stuttgart, wo sie seit zwei Jahren wohnt und am Olympiastützpunkt bei Jörg Ahmann trainiert. Reisen zu Wettkämpfen oder in Trainingslager werden der Beamtin als Dienstzeit angerechnet, zuletzt traf sich das Duo auf Teneriffa, davor meist in Berlin. „Wir bekommen es hin. Irgendwie“, sagt Behrens, die im Gegensatz zu vielen Profi-Kolleginnen einen Vorteil hat: Sicherheit. Sollte die Rechnung im Sand irgendwann doch nicht aufgehen, kann sie zurück in einen krisensicheren Job.

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