.. . Dorotheen-Quartier eine eigene Prägung Foto: Foto: Steffen Schmid

Fertig ist hier noch nichts. Weder die Obergeschosse der drei Baukörper noch der umgebende Straßenraum. Und doch ist das Dorotheen-Quartier in Stuttgart eröffnet. Bauherr Breuninger bleibt dem eigenen hohen Tempo treu – und Architekt Stefan Behnisch wird als Stadtraumentwickler gefeiert. Zu Recht?

Stuttgart - Stefan Behnisch hat gekämpft. Lange, zäh – und hin und wieder auch die Rolle des Don Quichotte nicht gescheut. Allein gegen die Riesen – gegen den Bauherrn Breuninger (von 2011 an allein), gegen die Stadt, gegen das Land und zuletzt auch gegen das Publikum und dessen Hoffen auf Spektakel.

Eine Traumverbindung ist zwischen Architekt und Bauherr, aber auch zwischen Architekt und Politikoder gar Architekt und Publikum für die Aufgabe, in Stuttgart das Areal zwischen Karlsplatz, Charlottenplatz, Marktplatz und Stammsitz des Kaufhauses Breuninger städtebaulich neu zu formulieren, nie entstanden.

Van Aagtmaels Coup

Wie auch. Behnisch – das war und ist der Mann für das Reale, für eine Erdung des ­Höhenflugs, den der damalige Breuninger-Lenker Willem van Aagtmael 2007 mit ­Skizzen einer neuen Urbanität für Stuttgart einleiten wollte. Ben van Berkel selbst, mit seinem Büro UN-Studio durch das Mercedes-Benz-Museum geadelt, trat auf, um für die Möglichkeiten des Standorts zu werben. Die Ideen stellte van Aagtmael als ­Redaktionsgast unserer Zeitung vor – ein Coup seinerzeit.

Doch nicht UN-Studio sollte die Formensprache für das „Quartier am Karlsplatz“ entwickeln, sondern das Büro Behnisch Architekten. Tatsächlich zielte im internationalen Architekten-Wettbewerb 2010 ­Stefan Behnisch deutlicher als die ­Konkurrenz auf die Ausformulierung des Straßenraumes. Ein Trumpf, den Behnisch seit der Wettbewerbsentscheidung immer wieder ziehen musste – wobei er im damaligen ­Baubürgermeister Matthias Hahn einen in diesen Tagen zu Unrecht kaum genannten Partner fand.

Knittern gehört zum Handwerk

Das Ergebnis? Ist zuvorderst ein Ausrufezeichen, die in Stuttgart durch den talquerenden Autoverkehr zerschnittenen Nord-Süd-Achsen wieder herzustellen. Markthalle und Stiftskirche lassen sich von der zentralen, selbst noch keineswegs ausformulierten Piazza des nach 2011 vom Da-Vinci-Projekt zum Dorotheen-Quartier mutierten Areals aus ebenso neu in den Blick nehmen wie die Wellen und Linien bis hinauf zur Villa Reitzenstein.

Der Amtssitz von Ministerpräsident ­Winfried Kretschmann wird buchstäblich in das Zentrum der Landeshauptstadt geholt. Ein Bekenntnis, das noch wichtig werden könnte, wenn man in der Ausgestaltung der Gedenkstätte für die Verbrechen Hitler-Deutschlands im ehemaligen Hotel Silber ebenso selbstverständlich in und aus der eigenen Zeit denkt wie dies im vor der ­Eröffnung äußerst kritisch gesehenen Haus der Geschichte gelungen ist. Bisher ist der Erfolg, das Gebäude, zwischen 1933 und 1945 als Zentrale der Geheimen Staatspolizei genutzt, dem eigentlich geplanten Abriss entzogen zu haben, eher ein Versprechen. Zu offensichtlich ist der Finanzbedarf, um aus dem nun isoliert wirkenden und überdeutlich kühl an die Behnisch-Neubauten stoßenden Querriegel ein aussagekräftiges Gebäude zu machen.

Die Engstelle zum ehemaligen Hotel ­Silber hin ist schon deshalb bedauerlich, weil sie auch für das Dorotheen-Quartier insgesamt die einzige ungelöste stadträumliche Situation zeigt.

Überraschend schwere Karlsplatz-Arkaden

Straßenraum mit eigener Maßstäblichkeit

Der Triumph ist Stefan Behnisch gleichwohl kaum zu nehmen – alle Schritte der Planungsentwicklung und insbesondere die Entscheidung, von zwei Baukörpern auf drei zu gehen (was im Grunde unter dem Bestand des ehemaligen Hotel-Silber-Blocks den Schritt auf vier Einheiten bedeutete), konnte Behnisch für sein eigentliches Interesse nutzen – dem Straßenraum eine eigene Maßstäblichkeit zu geben. Vor allem dies entzieht das Dorotheen-Quartier der sich rasch abgesehenen Beliebigkeit in sich geschlossener Einkaufszentren. Behnisch unterstreicht sein Ziel, indem er die drei asymmetrisch gestellten Baukörper in der Höhenentwicklung konsequent dreiteilt.

Der Kalksteinfassade in den Sockel­geschossen folgt eine Aluminiumfassade – während das immer wieder gegenläufig rhythmisierte Dach nicht nur formal eigene Akzente setzt. Über die eine Transparenz aus Glas und Aluminium nur müde behauptenden Folien wird mit gutem Grund heftig diskutiert.

Herausragender Dialog mit der Alten Markthalle

Erstklassig zeigt sich die Fassade hin zur Alten Markthalle. Knittern gehört hier im besten Sinn zum Handwerk, der Baukörper begrenzt so nicht den Straßenraum, er ­erweitert ihn andeutungsweise in die ­Gebäudearchitektur. Die gute Horizontale entwickeln, um sie in der Vertikalen erlebbar zu machen – das ist Stefan Behnisch in der zentralen Flucht des ehemals rück­wärtigen Breuninger-Eingangs und dem Karlsplatz nicht gelungen. Zu glatt die ­Fassade, zu ­unmodelliert der (nur begeh­bare) Straßenraum.

Umwerfend aber das Kräftemessen der Kanten und Auskragungen in den oberen Geschossen. Es ist eine Qualität, die sich in Gänze erst erschließen wird, wenn die Büroetagen über den wohlklingenden Einkaufsversprechen im Sockelbereich und vor allem die Wohnetagen hoch über Stuttgarts Innenstadt fertiggestellt sind.

Der Eindruck des Vorläufigen – etwa auch entlang der doch über eine vorspringende Dachwelle unsinnig ins Zusammengehörige kaschierten Fassadenlinie der aus unterschiedlichen Zeiten stammenden Breuninger-Bauten – hat dabei durchaus seine ­Vorteile. Dies zeigt der Blick auf das neue Quartier vom Karlsplatz her. Die in Anlehnung an die Markthalle gewählte Arkadenstruktur schafft nicht etwa Leichtigkeit, sondern überraschende Schwere.

Wertigkeit setzt Maßstäbe

Ein Fazit? Eine kluges Straßenraumkonzept, zurückspringende Fassaden und harte Materialkontraste geben Stefan Behnischs Dorotheen-Quartier eine eigene Prägung und eine Wertigkeit, die eine wohltuende ­Herausforderung ist.

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