Szene aus Doris Dörries Film „Alles inklusive“. Foto: Verleih

Mit „Männer“ gelang Doris Dörrie 1985 der Durchbruch, sie avancierte zur erfolgreichsten Regisseurin der Republik. Ihr Drama „Kirschblüten – Hanami“ verzauberte 2008 die Berlinale. Nun hat sie ihren eigenen Roman „Alles inklusive“ verfilmt, eine Komödie um Mutter und Tochter.

Mit „Männer“ gelang Doris Dörrie 1985 der Durchbruch, sie avancierte zur erfolgreichsten Regisseurin der Republik. Ihr Drama „Kirschblüten – Hanami“ verzauberte 2008 die Berlinale. Nun hat sie ihren eigenen Roman „Alles inklusive“ verfilmt, eine Komödie um Mutter und Tochter.
Stuttgart - Frau Dörrie, „ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“, sagte einst Loriot. Warum haben Sie den Mops aus Ihrem Roman im Film durch eine französische Bulldogge ersetzt?
Zunächst aus ganz praktischen Gründen: Möpse schnarchen ständig, die Geräusche hätten bei den Dialogen gestört. Als ich ­erfuhr, dass der Mops aus Zuchtgründen nicht richtig atmen kann, wollte ich für diese Rasse nicht auch noch Werbung machen, ­indem ich sie im Film als putzigen Hund darstelle, in den sich die Zuschauer verlieben.
Die französische Bulldogge ist damit der nachhaltige Mops-Ersatz?
So kann man sagen! Im Unterschied zum Mops leidet die französische Bulldogge nicht unter Atemproblemen durch Überzüchtung. Unsere Chica mag etwas bequem und träge sein, sie ist aber ein sehr gelehriges Tier.
Wunder gibt es immer wieder in Ihrem Film, sei es als Gedicht von Hilde Domin oder Schlager von Katja Ebstein. Glauben Sie an Wunder?
Ich glaube nicht an das Wunder per se, allerdings gefällt mir die Gedichtzeile von Hilde Domin sehr gut, wonach man „dem Wunder, leise wie einem Vogel, die Hand hinhalten kann“. Wenn man sich dem Wunder zur Verfügung stellt, kann es auch passieren.
In einer Episode landet ein Flüchtlingsboot am Touristenstrand. Welche Rolle spielt dieses Element für Ihren Film?
Dieses Thema betrifft uns alle in Europa. Es gibt eine erschreckende Statistik, wonach auf dem Grund des Mittelmeers über 30 000 tote Afrikaner liegen, die in den letzten zehn Jahren auf der Flucht ertrunken sind. Das waren Menschen wie wir: Leute mit Identität, mit Berufen und der Hoffnung, ihren ­Familien das Überleben zu sichern. Vor diesem humanitären Elend darf Europa nicht die Augen schließen. Einfach die Grenzen dichtzumachen ist keine Lösung.
So bitter diese Thematik ist, so unangestrengt wird sie im Film präsentiert und nur in einer eher kleinen Episode angetippt. Gilt bei Gesellschaftskritik: Weniger ist mehr?
Ich kann es nicht ausstehen, wenn Kino zur Lehranstalt wird. Ich sehe lieber eine gute Dokumentation zu solchen Themen, als sie verkrampft in einem Spielfilm wiederzufinden. Es genügt, dass Hannelore Elsner als ­alter Hippie diesem Afrikaner spontan hilft. Nadja Uhl als ihre Tochter würde wahrscheinlich nicht so handeln, sondern hätte vor allem erst einmal ganz viele Bedenken.
Hannelore Elsner rettet nicht nur den Flüchtling, sondern ist später auch in einer amüsanten Sex-Szene mit Axel Prahl zu erleben. Wie viel Überredungskunst hat es dafür gebraucht?
Das ging ganz schnell: in zehn Minuten ­erklärt, in zehn Minuten gedreht. Hannelore hat sofort die amüsante Absicht dieser Szene verstanden, nämlich eine Mischung aus erotisch und sehr lustig zu sein. Als sehr kluge Schauspielerin weiß sie natürlich, wie viel Futter ihr solch eine Szene bietet.
Amüsant fällt auch die verunglückte Sadomaso-Szene von Nadja Uhl mit einem Tierarzt aus – ist das Ihr Kommentar zum medialen Sex-Boom?
Wer Frauenmagazine durchblättert, kann den Eindruck bekommen, dass Sex immer mehr auf bestimmte Fähigkeiten reduziert wird. Da gibt es seitenweise Tipps für Sadomaso-Praktiken, ganz so, als sollte jeder sie können und auch mögen. Diesem Zwang zur Optimierung verweigert sich die Figur von Nadja Uhl, allerdings ist sie nicht souverän genug, dem Partner ihre Unlust lässig vor den Latz zu knallen – und so endet für sie wieder einmal alles ganz dramatisch (lacht).
Wie wichtig ist es, dass solche tapsigen Figuren wie Apple nicht zu Lachnummern geraten?
Sympathie ist ganz entscheidend. Das große Kunststück von Nadja Uhl besteht darin, das sie mit ihrem komischen Talent diese ­Figur so wunderbar spielt, dass man sie trotz all ihrer Macken mag. Apple quasselt sehr viel, sie ist pathetisch, dramatisch und ­larmoyant – dennoch entwickelt man ganz schnell ein Herz für sie.
Worin liegen die besonderen Qualitäten der Hannelore Elsner?
Wir haben im realen Trubel eines Touristenhotels gedreht, ohne Absperrungen oder Rückzugsmöglichkeiten – dennoch hat Hannelore stets souverän ihre Contenance ­behalten und mit grandioser Genauigkeit ihre Rolle gespielt. Sie kennt ihre Figur bis ins Detail. Sie weiß exakt, welches Mineralwasser sie trinken oder welches Kleid sie tragen würde. Trotz dieser sorgfältigen Vorbereitung war sie immer bereit, gemeinsam mit mir in alle Richtungen zu gehen, wo uns diese Figur vielleicht hintreibt. Mit diesem enormen Vertrauen im Rücken macht die Arbeit mit ihr großen Spaß.
Wann haben Sie zum letzten Mal einen „Alles inklusive“-Urlaub erlebt?
Ich mache das schon seit zehn Jahren mit den Studenten, die ich unterrichte. Wir können uns für Exkursionen keine teuren Skihütten leisten, deshalb buchen wir Spanien für 280 Euro pro Person – Flug, Hotel, zwei Mahlzeiten und sogar Alkohol inklusive. Nur an Schlaf ist dort nicht zu­ ­denken.
„Alles inklusive“ wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und spielt in unterschiedlichen Zeiten. Wie gelingt es, dass diese Konstruktion nicht zu kompliziert gerät?
Mich langweilt es, wenn man sofort weiß, wie der Hase läuft. Viel spannender ist es, vorhersehbare Erzählformen, die man schon so oft gesehen hat, einmal aufzulösen. Wichtig ist allerdings, dass die Zuschauer bei der Stange bleiben, wofür erzählerische Bedingungen erfüllt werden müssen. Die Aufgabe besteht darin, dafür die richtige Balance zu finden.
Die Figuren des Films klingen wie Klischees. Wie macht man daraus Wahres und Klares?
Auch Klischees enthalten immer ein Korn Wahrheit. Der Trick liegt darin, immer ­näher heranzugehen und genauer hinzuschauen. Klischees gibt es immer nur in der Totalen. Je näher man diesen Figuren kommt, desto mehr lösen sich die Stereo­typen auf. Dann wird auch ein Typ wie der Helmut, zunächst nur ein dicker, lauter Mann mit viel zu kleiner Badehose, plötzlich zur nachdenklichen und anrührenden Figur.
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