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Experten bestätigen die Möglichkeit des Einsatzes eines versteckten Motors im Fahrrad.  

Stuttgart - Es ist ja nicht so, dass die Verwunderung besonders groß wäre, wenn es um neue Möglichkeiten geht, wie im Radsport womöglich betrogen wird. Man hat sich schließlich an allerhand gewöhnt. An manipulierten Urin, der in die Harnblase geführt wird, an Epo-Kuren, an angereicherte Infusionen, und zuletzt sogar an präpariertes Fremdblut. Wenn man das alles weiß, muss man ob der neuerlichen Verdächtigungen fast schon erleichtert sagen: Immerhin ist es diesmal nicht gefährlich. Umso dreister wäre es allemal.

Das Video auf Youtube

Im neuesten Fall nämlich spielt die Medizin ausnahmsweise keine Rolle. Und vielleicht ist gerade das der Grund, wieso dem Ganzen vom Weltverband UCI bisher keine besonders große Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Es geht um Doping - für's Rad.

Der Schweizer Fabian Cancellara ist nicht nur Olympiasieger, sondern hat in diesem Jahr in beeindruckender Manier den Klassiker Paris-Roubaix und die Flandern-Rundfahrt gewonnen. Für einige war er dabei ein bisschen zu souverän - weshalb nun im Internet ein Video kursiert, das seine Attacken auf dem Rad in Verbindung bringt zu einem unerlaubten Hilfsmittel: einem kleinen Motor, der batteriebetrieben den Antrieb des Rads unterstützt.

Entwickelt wurde dieser Motor vom österreichischen Maschinenbauer Gruber, der allerdings beteuert, nicht den Profiradsport damit auszustatten. Dass eine Weiterentwicklung des Geräts von 2007 auch dem einen oder anderen Berufsradfahrer helfen könnte, wird von Experten allerdings nicht bezweifelt. "Ich gehe davon aus, dass das möglich ist", sagt Ex-Gerolsteiner-Teamchef Hans Holczer.

Einige Teams stehen unter Verdacht

Marco Bognetti, einst Mitglied der UCI-Technikkommission, erklärt: "Es ist alles wahr. Es gibt Teams und Fahrer, die unter Verdacht stehen. Zum ersten Mal hörten wir letzten Juli davon." Und Bahn-Olympiasieger Chris Boardman sagt, er habe die UCI schon vor Monaten auf diese Möglichkeit hingewiesen.

Hans Holczer will zwar nicht auf Fabian Cancellara Bezug nehmen, einen entsprechenden Verdacht hat er aber bereits vor vier Jahren geäußert. Nach einem schlimmen Einbruch am Tag zuvor hatte der später des Dopings überführte Floyd Landis auf der Tour-Bergetappe nach Morzine eine unglaubliche Wiederauferstehung gefeiert. Holczers Einschätzung damals: "Das geht auch nicht mit Doping."

Wie groß der Nutzen eines Hilfsmotors wäre, ist für den Herrenberger sonnenklar. Zehn Prozent mehr Kraft könne solch ein Antrieb auf die Pedale bringen, "damit fährt man jedem anderen locker davon" - und übersteigt womöglich die Wirkung medizinischer Dopingpräparate. Andere Experten sprechen sogar von bis zu 20 Prozent mehr Kraft. "Mit so einem Rad gewinne ich mit 50 Jahren noch eine Giro-Etappe", sagt der italienische Ex-Profi Davide Cassani, der die jetzige Debatte mit einem TV-Beitrag ausgelöst hat. Der Motor ist im Sattelrohr verborgen und wird von einem Akku angetrieben, der bei der handelsüblichen Ausführung recht groß ist und nur schwer zu verstecken wäre. Technische Weiterentwicklungen aber könnten dieses Problem lösen. Aktiviert wird der Antrieb per Knopfdruck am Lenker - eine Aktion, die man bei Cancellara nun gesehen haben will.

Der Schweizer tut den Verdacht selbstredend als "Schwachsinn" ab, die UCI stellt sich schützend vor den Schweizer - ist aber aufgeschreckt worden. Für kommenden Montag ist ein Treffen mit Vertretern der Rad-Industrie vereinbart worden. Außerdem heißt es, ein Scanner, der solch einen Betrug enttarnen könnte, sei längst in Planung. Bislang allerdings waren die Materialkontrollen mit Ausnahme Zeitfahr-Etappen eher lasch, und auch scheinbar sinnlosen Rad-Wechseln während der Rennen wurde keine allzu große Beachtung geschenkt. Das könnte sich nun ändern.

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