Don Quichotte als Spiderman mit den bösen Räubern Foto: Bregenzer Festspiele

Im Bregenzer Festspielhaus inszeniert Mariame Clément Jules Massenets Oper „Don Quichotte“ als Collage über die Helden von heute.

Bregenz - Die Oper ist echt auf den Hund gekommen. Oder? Bevor die Bregenzer Festspielhauspremiere von Jules Massenets „Don Quichotte“ beginnt, senkt sich eine Leinwand vor dem roten Samtvorhang, und zu sehen ist: Werbung. Die Firma G. verkämpft sich mit markigen, glatt rasierten Männergesichtern für „das Beste im Mann“ („The best a Man can be“). Raunen im Publikum: Dürfen sich Sponsoren heute so viel herausnehmen? Leise Zweifel kommen auf, als sich ein aufgeregter Mann erhebt, wütend durch die Gänge tobt und einem zweiten begegnet, der eben von hinten in den Saal kam. Der wiederum sieht aus wie . . . wie . . .

Ja, er ist es: Miguel Cervantes’ Ritter von der traurigen Gestalt. Der Mann neben ihm ist sein Diener; beide nehmen, während im Saal die Lichter verlöschen, auf der Bühne Platz – vor einem weiteren Vorhang. Als dieser jetzt den Blick freigibt auf eine Bühnenszene von ziemlich altbackener Anmutung, ahnt man allmählich, dass man einem Spiel mit doppeltem Boden aufgesessen ist. Nach und nach begreift man, was die Regisseurin Mariame Clément mit dem Werbespot zu Beginn beabsichtigte. Und man versteht, dass es in ihrer Inszenierung von Massenets Cervantes-Oper gleich um zweierlei geht: erstens um die Spiegelung der Rezeptionsgeschichte und zweitens um Geschlechterklischees, zumal um das Männerbild von heute, das die Firma G. in ihrem Trailer auf dankbar klischeeträchtige Weise zuspitzt.

Der Kampf der Klobürste mit dem Ventilator

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er auch weinen und dichten kann, meint Massenet – und umgibt seinen Helden in seinem Alterswerk mit jenen sehr weichen, oft süßlichen, ja gelegentlich gar kitschverdächtigen Klängen. Als „Frauenmusik“ ist diese schon abgekanzelt worden – was allerdings nicht ganz zutrifft, denn die Partitur von „Don Quichotte“ ist ein kleinteiliges Patchwork, in dem melodisches Pathos, Konversationston, Orchesterfiligran und füllige Chorszenen scharf aneinandergeschnitten sind. Der Dirigent Daniel Cohen braucht die kompletten ersten zwei Akte, um mit dem Reihungscharakter des Stücks am Pult der Wiener Symphoniker einigermaßen zurechtzukommen.

Wann ist ein Mann ein Mann? Mariame Clément lässt das bisschen an rotem Faden, das die fünf Akte der Oper lose verbindet, vollständig fahren und zeigt, anstatt eine Geschichte zu erzählen, fünf Bilder über Siege und Niederlagen der Helden von heute. Wir sehen Don Quichotte als Spiderman, als mutigen Kämpfer gegen den Badezimmerventilator (mit der Klobürste), als Büroangestellten und schließlich als Teil eines Gemäldes, aus dem er sich nur sterbend lösen kann. Hübsch ist das anzusehen, klug sind die zahlreichen Verweise und Anführungszeichen eingesetzt. Aber über den viel zu vielen Details und ironischen Volten bleibt der Held, um den sich das Ganze drehen soll, ein Pappkamerad: so unterbelichtet, dass man nicht mal für seinen musikalisch zuckersüß verbrämten Tod ein Tränchen übrig hat. Dabei singt Gábor Bretz den Don Quichotte mit (nach leichten Anlaufschwierigkeiten im ersten Akt) feinem, beweglichem Timbre, David Stout ist ein agiler, nur zuweilen leicht chargierender Sancho Pansa, und Anna Goryachova gibt eine Dulcinée mit leuchtender Tiefe. Ginge es nur nach den Sängern, so ist Massenets Oper für unsere Zeit durchaus zu retten. Geht es nach der Inszenierung, so darf man leise daran zweifeln.

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