Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung des neuartigen Coronavirus? Wie infektiös sind sie? Diese Frage prägt die Debatte um die Öffnung von Schulen und Kitas. Foto: dpa/Carsten Rehder

Nach Kritik an einer Studie zum Coronavirus und Kindern hat der Virologe Christian Drosten eine überarbeitete Version seiner Studie vorgelegt. Ein Freiburger Infektiologe sieht weiter Probleme darin. Sind Kinder nun ebenso infektiös wie Erwachsene?

Berlin/Stuttgart - Es ist eine überarbeitete Version der Untersuchung zur Infektiosität von Kindern in Bezug auf das Coronavirus – doch an der grundlegenden Aussage halten die Forscher fest: „In der Studie finden sich keine Hinweise darauf, dass Kinder nicht genauso infektiös sein könnten wie Erwachsene.“ Der Berliner Virologe Christian Drosten und sein Team haben eine neue Fassung ihrer zuletzt heftig diskutierten Studie in einer noch nicht begutachteten Form veröffentlicht. Die Wissenschaftler folgern anhand der Auswertung der Proben von insgesamt 3303 mit dem Coronavirus Infizierten, dass „ein erheblicher Anteil von infizierten Personen in allen Altersgruppen Viruslasten tragen, die wahrscheinlich Infektiosität bedeuten – auch die, die noch keine oder milde Symptome zeigen“.

An der ersten Version der Studie hatten mehrere Wissenschaftler Kritik geübt. Der Hintergrund: Drosten und sein Team folgerten aus der Untersuchung, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast tragen wie Erwachsene – und daher genauso ansteckend sein könnten. Die Wissenschaftler hatten daher vor einer uneingeschränkten Öffnung von Schulen und Kindergärten gewarnt. Nun schreiben sie: „Die uneingeschränkte Öffnung dieser Einrichtungen sollte sorgfältig mithilfe von diagnostischen Tests überwacht werden.“

Statistische Analyse verbessert, andere Fragen weiter offen

Kritik gab es zuletzt insbesondere an der statistischen Datenauswertung und der Methodik, die in der ersten Version der Studie angewandt wurde. Virologe Drosten räumte ein, die statistischen Methoden seien eher grob gewesen, hielt aber an der Aussage der Studie fest. Die Kritiker hatten zudem betont, dass solche Diskussionen in der Wissenschaft normal seien – und Kritik an der Methode nicht zwangsläufig das Ergebnis infrage stelle.

Zwei Statistiker äußerten sich gegenüber der Deutschen Presseagentur nun zur Überarbeitung der Studie – und bestätigten, dass der methodische Teil der statistischen Analyse deutlich verbessert worden sei. In der neuen Version seien die Kommentare, die es zur statistischen Analyse der ersten Fassung gab, „überzeugend eingearbeitet“, sagt etwa Christoph Rothe, Statistiker von der Universität Mannheim. Auch der Virologe Alexander Kekulé vom Uniklinikum Halle (Saale) lobte die überarbeitete Fassung.

Der Freiburger Infektiologe Philipp Henneke weist allerdings darauf hin, dass die Drosten-Studie in ihrer Aussagekraft limitiert bleibe. Er sieht vor allem ein Problem: „Man kann nicht direkt von der Viruslast auf die Infektiosität von Kindern schließen“, so der Leiter der Pädiatrischen Infektiologie und Rheumatologie an der Uniklinik Freiburg. Die Viruslast sei „ein Puzzleteil“, aber ihre Bedeutung für die Übertragbarkeit des Coronavirus sei „weiterhin unklar“.

Auch die Stärke von Symptomen spielt eine Rolle

Eine Rolle für die Übertragung spiele etwa auch, wie genau die Viren ausgeschieden werden – ob die Infektion beispielsweise mit starker Sekretbildung einhergehe – und welche Symptome vorlägen – insbesondere Husten. So gehe man durchaus davon aus, dass keine oder mildere Krankheitssymptome, wie Kinder sie im Falle einer Corona-Infektion zumeist haben, auch mit einem geringeren Übertragungsrisiko einhergehen. „Diese Fragen kann die Studie nicht klären , sagt Henneke. Er gibt zudem zu bedenken, dass die Abstrichproben für die Drosten-Studie nicht systematisch gewonnen worden seien. Auch hätten sich durchaus gewisse Unterschiede bei der Viruslast gezeigt, die von den Studienautoren aber heruntergespielt würden.

So fand das Team um Christian Drosten bei 29 Prozent der Grundschulkinder (0 bis 6 Jahren), bei 37 Prozent der Kinder zwischen 0 und 19 Jahren sowie bei 51 Prozent der über 20-Jährigen eine Virusmenge, die den Autoren zufolge für eine Ansteckung „wahrscheinlich ausreichend“ sei. Die Unterschiede zwischen den Gruppen könnten demnach aber auch auf eine unterschiedliche Anwendung der Tests zurückzuführen sein, heißt es in der Veröffentlichung.

Studie zur Übertragung durch Kinder in Baden-Württemberg

Infektiologe Philipp Henneke ist beteiligt an einer Studie zur Infektiosität von Kindern an den vier Unikliniken in Baden-Württemberg. Hunderte Kinder und jeweils ein Elternteil wurden dafür mit Abstrichen und Blutproben auf das Virus beziehungsweise auf Antikörper hin untersucht. Auf Grundlage erster Ergebnisse dieser Studie hat die baden-württembergische Landesregierung entschieden, Kitas und Grundschulen bis Anfang Juli wieder zu öffnen.

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In dieser Auswertung zeigte sich beispielsweise: Kinder, die mit einer infizierten Person Kontakt hatten, haben sich seltener angesteckt als Erwachsene, die mit einer infizierten Person Kontakt hatten. Häufig haben sich Kinder demnach auch bei Erwachsenen angesteckt, nicht andersherum. Zudem wird nach Aussagen der Wissenschaftlern anhand der Auswertung im Südwesten deutlich, dass insgesamt nur ein sehr geringer Anteil an Menschen überhaupt infiziert ist oder war – Erwachsene ebenso wie Kinder. Das zeige, dass Kinder was das Infektionsgeschehen angehe keine Sonderbehandlung bräuchten, hatte der Freiburger Wissenschaftler kürzlich gefolgert. Es sehe nicht so aus, „als ob Kinder eine entscheidende Rolle beim Infektionsgeschehen spielen würden“, so Philipp Henneke.

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