Die Versicherung will Foto: dpa

Die Versicherung Allianz reduziert ihre Tarifvarianten deutlich. Eine neue Online-Plattform geht europaweit an den Start. Der Abbau von Arbeitsplätzen ist aktuell wohl nicht geplant – könnte aber perspektivisch folgen.

München - Europas größter Versicherer Allianz forciert seine Digitalstrategie und bringt Ende 2019 einen neuen Online-Versicherer für ganz Europa und darüber hinaus an den Start. „Wir bauen eine Digitalplattform für Europa“, kündigte Konzernchef Oliver Bäte in München gegenüber Investoren an. In der ersten Welle würden dort unter der Marke Allianz Direct Online-Aktivitäten in Deutschland, den Niederlanden, Italien sowie Spanien beginnend mit Kfz-Policen gebündelt. In einer zweiten Welle kämen Frankreich, die Schweiz oder Österreich dazu sowie weitere Sparten wie etwa Wohngebäude-Policen. „Es wird null Kannibalisierung geben“, verspricht Bäte mit Blick auf traditionelle Geschäfte. „Es ist nicht das Ziel, Menschen zu ersetzen“, versucht er zugleich die weltweit 140 000 Allianzler zu beruhigen.

Stellenabbau nicht ausgeschlossen

Als Begleiterscheinung schließt er einen Stellenabbau aber nicht aus, wobei mögliche Dimensionen offen bleiben. In jüngster Vergangenheit hatte es mit kleineren Abbaurunden einen Vorgeschmack gegeben. Lieber spricht der seit drei Jahren amtierende Allianz-Chef über Kundennutzen: Neue Online-Policen würden drastisch vereinfacht, die Tücken des Kleingedruckten abgeschafft und Verträge verständlich gemacht. Kundenfrust will die Allianz künftig minimieren und in Schadensfällen den Anteil abgelehnter Ansprüche auf unter ein Prozent drücken. Versicherte sollen vielmehr in 90 Prozent aller Fälle binnen 24 Stunden Geld auf ihrem Konto haben.

Zugleich werde die Zahl von Tarifvarianten stark reduziert. So wurden im Startprodukt Kfz-Versicherung die Zahl der zum Abschluss nötigen Fragen auf elf halbiert, sodass Interessenten online binnen 60 Sekunden ein Vertragsangebot hätten, betonte der Chef von Allianz-Deutschland, Klaus-Peter Röhler. Damit solle speziell auf dem deutschen Markt die jahrelange Phase geringen Umsatzwachstums und stagnierender Gewinne außerhalb der erfolgreichen Allianz-Lebensversicherung anhaltend überwunden werden. „Einfach gewinnt“, sind Bäte und Röhler sich einig. 90 Prozent bestehender Tarifgenerationen werde man in den nächsten Jahren auslaufen lassen und über Landesgrenzen hinaus vermarktbare Einfachtarife anbieten.

Ein Tabubruch

Das wäre für die Branche ein Tabubruch. Versicherung gilt als lokales Geschäft, das in jedem Land oft eigenen Gesetzen gehorcht. Zudem wird bei den Plänen die Macht von Allianz-Landesgesellschaften massiv beschnitten, was intern nicht jedem Manager schmecken dürfte. Jobängste gehen um. Bäte rechnet deshalb mit Geburtsschmerzen. Umso wichtiger ist, dass sich der Aufsichtsrat hinter seine Pläne gestellt und den Vorstandsvertrag des 53-Jährigen gerade bis 2024 verlängert hat. Das darf auch als Signal an murrende Belegschaften gelten.

Gehen die Pläne mit der neuen Einfachheit und global vermarktbaren Policen auf, könnte die Allianz in der Assekuranz bislang unbekannte Volumenvorteile schaffen. Als Vorbilder dienen dabei Branchenfremde wie Netflix oder Apple, die mit wenigen Abo-Varianten oder Handy-Modellen auskommen und das auf allen Märkten weltweit.

„Unsere Branche ist zu komplex, das ändern wir“, verspricht auch Digital-Vorstand Ivan de la Sota. Die neue Onlineplattform habe insofern disruptiven Charakter. Mit ihren neuen Plänen will sich die Allianz auf Jahre eine vom Geschehen auf den Kapitalmärkten unabhängige Firmenkonjunktur schaffen und primär organisch wachsen. Das gilt nicht nur für den Umsatz sondern auch für operative Gewinne je Aktie, die Bäte in der neuen Strategieperiode von 2019 bis 2021 ohne Zukäufe um jährlich mindestens fünf Prozent steigern will. Im Schnitt der vergangenen drei Jahre waren es gut sieben Prozent. Zugleich erwartet der Allianz-Chef aber zunehmend anspruchsvolleren Wettbewerb und noch volatilere Kapitalmärkte.

Nicht alles ist glatt gelaufen

Das Fundament für die jetzigen Pläne wurde in den vergangenen drei Jahren mit Milliardeninvestitionen in die konzernweite IT geschaffen. Dabei ist nicht alles glatt gelaufen. So hat der IT-Umbau beispielsweise in der Krankenversicherung zu massiven Problemen bei Vertragskunden gesorgt. Mit de la Sota wurde im Frühjahr ein neuer Digitalverantwortlicher installiert und erstmals in Vorstandsrang erhoben.

Bäte sieht die IT nun für europa- und weltweite Produktstrategien gerüstet und das, ohne Reputationsrisiken zu provozieren. Der 128 Jahre alte Traditionskonzern will dabei nicht nur etablierte Konkurrenten, sondern auch auf die Finanzbranche spezialisierte Start-up-Unternehmen in die Schranken verweisen. „Das Ziel muss sein, die Besten zu schlagen“, betont Bäte. Die größte Kunst könnte dabei sein, das Personal bei der Stange zu halten.

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