Höhlenwelten unter der Alb: 60 Meter unter der Erde in der Vetterhöhle offenbart ein gewaltiges Panorama – die Abzweighalle zwischen Walhalla und Wolkenschloss Foto: /Höhlenverein Blaubeuren

Höhlen üben auf Menschen seit jeher eine magische Anziehungskraft aus. Wer sie erleben will, muss in das Innere der Erde eindringen und in die Welt der Stille eintauchen.

Blaubeuren - Männer sind seltsame Wesen. Wie Getriebene suchen sie die Gefahr, klettern die steilsten Berge hoch, rennen bei sengender Hitze durch die Pampa und strampeln sich bei Berg-und-Tal-Fahrten die Seele aus dem Leib. Nicht zu vergessen ihre Lust aufs Dunkle. Sie kraxeln in finstere Löcher, robben bei fahlem Licht durch enge, schlammige Gänge und unwirtliche Hohlräume, nur um hinterher damit anzugeben, was sie im Inneren der Erde alles gesehen und erlebt hätten und wie gefährlich es gewesen sei.

Höhlenforschung – eher ein Männerding?

Nicht, dass die Höhlenforschung ausschließlich etwas für den maskulinen Zweig der Menschheit wäre. Doch Fakt ist: Die Höhlenforscher- oder Speläologen-Szene besteht überwiegend aus Männern. Frauen, die sich in die unterirdischen Labyrinthe hineinwagen, sind eindeutig in der Minderzahl. Vielleicht hat das auch mit der geschlechterspezifischen Sozialisation zu tun. Mädchen spielen lieber mit Puppen und machen sich gern schön. Jungens wühlen mit Vorliebe im Schlamm und dreckeln sich ein.

Höhlen üben seit jeher eine große Faszination auf Menschen aus. Sie bieten Schutz und Zuflucht, Geborgenheit und Wärme. In ihnen konnten unsere urzeitlichen Ahnen Wetterunbilden und wilde Tiere überleben. Ohne die Hohlräume im Fels hätten der Homo sapiens und seine Vorfahren wohl kaum die Evolution heil überstehen können.

Bei vielen Zeitgenossen lösen Höhlen Platzangst und Panik aus. Für Höhlenforscher hingegen sind es gerade die Extreme – absolute Dunkelheit, enge Gänge, riesige Hallen – der Naturschönheiten, von denen sie sich magisch angezogen fühlen. Menschliche Urängste vor Dunkelheit, Enge und Tiefe zu erleben und zu überwinden, um dafür neue Gänge, Hallen und Tropfsteine zu entdecken, ist für Forscher Emotion pur.

Möglicherweise tragen sie noch das Höhlenmenschen-Gen in sich. Nicht, dass Entdeckerlust und Forscherdrang nur Männern vorbehalten seien. Eine solch gewagte These würde Feministinnen nicht ganz zu Unrecht auf die Palme bringen. Aber irgendwie muss die unstillbare Lust des Mannes, in die „Mutter Erde“ einzudringen, mit dem kleinen, aber entscheidenden Gen-Unterschied zwischen Mann und Frau zusammenhängen.

Von ihren steinzeitlichen Ursprüngen sind Männern nicht nur die starke Körperbehaarung und der Hang zu seltsamen Hobbys geblieben. Jeder Mann braucht hin und wieder seine Höhle, um mit sich allein zu sein und sich selbst und anderen zu beweisen, dass der „echte Kerl“ in ihm, der Abenteurer und Held, noch lebendig ist. Womit geklärt wäre, warum sich Männer mehr zur Höhlenforschung berufen fühlen als Frauen, nicht aber was die Faszination von Höhlen an sich ausmacht. Da muss man noch tiefer bohren.

Dunkler als in jedem noch so düsteren Wald

In Höhlen ist es dunkler als in jedem noch so düsteren Wald. Es ist feucht, glitschig und schlammig. Eine Unachtsamkeit – und schon stolpert man, verstaucht sich den Knöchel oder es passiert Schlimmeres. Es riecht nach nassem Stein und Moder. Kälte und Wasser bahnen sich ihren Weg durch den Schlaz, wie Speläologen ihren reißfesten Overall aus Synthetikstoff nennen. Zwar bietet er Schutz vor dem klebrigen Höhlenlehm, vor Feuchtigkeit und Reibung. Dafür ist man aber schon nach kurzer Zeit durchnässt von Schweiß und Kondenswasser.

Schutz vor Höhlenbären und Säbelzahntiger

Weder der Homo heidelbergensis noch der Homo neanderthalensis wurden vom Forscherdrang geleitet, als sie sich in Höhlen versteckten. Es war der nackte Wille ums Überleben, der sie in die Dunkelheit trieb, wo ihnen Höhlenbären und Säbelzahntiger den Garaus machen konnten. Systematische Höhlenforschung gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Der Franzose Edouard Alfred Martel (1859–1938) gilt als Vater der Speläologie, also der wissenschaftlichen Erforschung von Höhlen. Seine Erkundung der Abîme de Bramabiau, einer Karsthöhle im Département Gard in der Region Languedoc-Roussillon in Südfrankreich, 1888 war die Geburtsstunde der Höhlenforschung.

In seinem Buch „Les Cévennes“ (Die Cevennen) von 1890 schreibt Martel über den südöstlichsten Teil des französischen Zentralmassivs: „Das Eigentliche ruht in den Tiefen der Erde, weit weg vom blauen Himmel . . .  Eine fantastische Szenerie, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden.“ Und weiter heißt es: „Man muss solche bewegenden, erregenden Forschungen unter der Erde miterlebt haben, um sich vorstellen zu können, wie anziehend sie sind. Um eine Vorstellung zu bekommen von diesem Entdeckungsfieber und der Sehnsucht nach dem Unbekannten. Das sind lebhafte, einzigartige Eindrücke, die einen niemals loslassen.“

Neues finden – des Höhlenforschers größtes Privileg

Martels Begeisterung für die geheimnisvolle Welt ewiger Dunkelheit ist bis heute bei Forschern wie dem Fotografen Andreas Schober und dem Höhlentaucher Andreas Kücha lebendig. Mit 15 Jahren ging Kücha zum ersten Mal unter Tage. „Es war kalt und nass, tropfte von Decken und Wänden. Ich hatte erst Angst, dann kam die Neugier. Was kommt nach der nächsten Ecke? Bis heute hat mich diese Neugier nicht losgelassen. Etwas Neues zu finden, wo noch niemand war, ist für Höhlenforscher das größte Privileg.“

Der 46-jährige Heidenheimer ist einer der bekanntesten deutschen Höhlenforscher und einer der besten Kenner des Blauhöhlensystems. Sein Spezialgebiet ist das Höhlentauchen, eine der risikoreichsten und gefährlichsten Sportarten überhaupt.

Wer einer solchen Unterwasserwelt können Panik oder der kleinste Fehler tödlich sein. „Angst und Respekt vor einer Höhle schützen einen“, erklärt Kücha. Deshalb seien Höhlenforscher in der Regel auch sehr vorsichtige Menschen.

Unter Tage scheint die Zeit stillzustehen

Der gelernte Schreiner arbeitet wie die meisten Speläologen ehrenamtlich an den Wochenenden und in den Ferien. Nur die wenigsten Höhlenforscher sind von Beruf Wissenschaftler: Geologen, Geografen, Hydrologen (Wasserforscher), Archäologen oder Paläontologen (erforschen die Lebewesen vergangener Erdzeitalter). „Wenn ich in eine Höhle gehe, fühle ich mich wie zu Hause im Wohnzimmer“, sagt Kücha. „Das Alltagsleben draußen geht weiter, doch hier scheint die Zeit stillzustehen. Wenn Menschen in 1000 Jahren wieder kommen, sieht es immer noch so aus wie heute. Das hat für mich etwas Beruhigendes und Verlässliches.“

Höhlenforscher suchen die letzten weißen Flecken auf der Landkarte. Zwar geht es auch um den wissenschaftlichen Nutzen, doch im Vordergrund steht zumeist die Entdeckerfreude. Warum sonst sollte man auf dem Bauch oder Rücken durch Schlupfe, Spalten und Schlamm kriechen? Unbekannte Gänge und Hallen zu entdecken, als Erster Neuland zu betreten, auf Boden zu stehen, auf dem zuvor noch nie ein Mensch zuvor stand – davon träumt jeder Höhlenforscher.

Wie nur wenige kennt Andreas Kücha die Eingeweide der Schwäbischen Alb. Mehr als zehn Kilometer Höhlenpassagen hat er hier nach eigener Aussage entdeckt. Doch wer wissen will, was sich hinter Fels und Geröll verbirgt, muss sich oft erst einmal wie ein Maulwurf hindurchgraben. Das gilt besonders für die Karstgebiete der Alb. Vor dem Betreten des unentdeckten Landes stehen frustrierende Buddelei und knochenharte Plackerei. Dafür wird man mit unvergleichlichen Eindrücken belohnt. Hallen so groß wie gotische Kathedralen, glitzernde Kaskaden aus Kalkablagerungen, bizarre Tropfsteine, türkis schimmernde Seen und plätschernde Bäche, die im Nichts zu verschwinden scheinen.

Um sich herum nichts als Fels, Einsamkeit und Stille

Und dann diese Einsamkeit und Stille. Während man an der Oberfläche vor lauter Hektik und Lärm oft nicht weiß, wo man zuerst hinhören soll, ist es hier unten totenstill. Jeder Tropfen, jeder Atemzug, jedes Rascheln ist zu hören. Was rabenschwarze Nacht bedeutet, weiß man erst, wenn man in einer Höhle mal die Stirnlampe ausgeschaltet hat. Wie ein Schwarzes Loch verschluckt die Dunkelheit jeden Lichtstrahl.

Das Reich der ewigen Dunkelheit sprengt jede Vorstellungskraft. Mit 19 300 Metern ist die Riesending-Schachthöhle am Untersberg in den Berchtesgadener Alpen die längste Höhle Deutschlands – und mit 1056 Metern auch die tiefste –, gefolgt vom Blauhöhlensystem mit 11 500 Metern. Im Vergleich zu den größten Höhlen ist dies wenig: Die Mammut-Höhle im US-Bundesstaat Kentucky ist mit fast 630 Kilometern die längste und die Voronya-Höhle in Georgien mit 2190 Metern die tiefste Höhle der Welt.

Bilder sagenhafter Schönheit

Die Bilder, die man von ihnen im Internet sehen kann, sind von sagenhafter Schönheit. Doch man muss nicht in die Ferne schweifen. Deutschland ist ein Land der Höhlen. Rund 11 000 Hohlräume sind katastermäßig erfasst, nur die wenigsten sind länger als zehn Meter. Mehr als 2500 Höhlen gibt es allein auf der Alb, einem der größten Karstgebiete Europas. Über Jahrmillionen wurde der wasserlösliche Kalkstein ausgewaschen, so dass sich Kanäle bildeten, die zu Dolinen – Trichtern und Senken – und Höhlen wurden.

Bei aller Faszination sollte man nicht vergessen, dass die Unterwelt große Gefahren birgt. Unerfahrene Höhlenbesucher unterschätzen häufig die Risiken und überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten. Steinschlag, plötzlicher Wassereinbruch und Unterkühlung können genauso auftreten wie klaustrophobische Panikattacken, gefolgt von Hyperventilation und Schweißausbrüchen.

„Wie eine Wiedergeburt“

Wer jedoch alle Vorsichtsmaßnahmen beachtet und nur in Begleitung erfahrener Höhlenforscher in das Innere der Erde eindringt, kann die Faszination erleben, von der Höhlenforscher wie Andreas Kücha sprechen: „Aus der Höhle rauszukommen ist für mich wie eine Wiedergeburt.“

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