Montreal im eisigen kanadischen Winter: Unter den Hochhäusern im Zentrum liegt eine zweite – unterirdische – Stadt. Foto: imago/blickwinkel/imago stock&people

Tausende Montrealer können auch im tiefsten Winter geschützt und bequem zu ihrem Arbeitsplatz und zum Einkaufen kommen. Dank einer der größten unterirdischen Städte der Welt.

Montreal - Das mehr als 32 Kilometer lange Tunnelsystem gilt als größte Untergrundstadt der Welt. Im langen Winter von Kanada, der Montreal alljährlich gewaltige Schneemassen und extreme Minus-Temperaturen beschert, schätzen täglich mehrere Hunderttausend Montrealer den Komfort, den La Ville Souterraine bietet: Einkäufe erledigen oder zur Arbeit gehen, ohne weite Strecken durch Schnee, Schneematsch und eisigen Wind laufen zu müssen und das alles im zentralen Stadtteil Ville-Marie.

„Es ist einfach wunderbar. Man kann überall hingehen“, sagt Marise, bevor sie einschränkend hinzufügt: „Wenn Du die Tunnels kennst.“ Marise arbeitet seit 1988 im 34-stöckigen Hochhaus des Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmens KPMG, das direkt neben der Christ Church Cathedral steht. Die Tunnel und Einkaufspassagen, die für Ortsunkundige ein verwirrendes Labyrinth darstellen können, sind für Marise kein Problem. Sie wohnt im Osten der Stadt in der Nähe des Olympia-Stadions von Montreal und gehört – „leider“, wie sie sagt – nicht zu denen, deren Wohnanlage direkt mit der Ville Souterraine verbunden ist.

Marise hat es deshalb nicht ganz so bequem wie manche Montrealer, die auch im tiefsten Winter mit leichter Bekleidung ihre Wohnung verlassen, mit dem Fahrstuhl in ihrem Wohnhaus direkt in die Untergrundstadt gelangen und dann mit der Metro oder sogar nur zu Fuß zu ihrem Arbeitsplatz kommen.

Anfang der 1960er Jahre begann der Bau unterirdischer Einkaufszentren

Montreals Untergrundstadt hat, wie es sich in der zweisprachig französisch-englischen Stadt gehört, natürlich mehrere Namen: Underground City sagen die einen, La Ville Souterraine die anderen. Für die meisten ist es einfach nur Le Réso, abgeleitet vom französischen Wort réseau, was Netzwerk bedeutet.

Seit Anfang der 1960-er Jahre war in Montreal schrittweise das Netz an unterirdischen Einkaufszeilen entstanden. Der Bau der U-Bahn für die Weltausstellung Expo 1967 gab Montreal Underground einen starken Schub. Mehrere Großprojekte in der Innenstadt, Bürohochhäuser, Kongress- oder Kultur- und Kunstzentren wurden so geplant, dass unter ihnen Einkaufszentren gebaut werden konnten, die dann durch Tunnels verbunden wurden.

Auch unter der Christ Church-Kathedrale wuchs ein – heute zweigeschossiges – Einkaufszentrum. 1988, drei Jahre nach Baubeginn war das Megaprojekt fertig. In der Mall unter der Kirche weist außer einer großflächigen Darstellung des Bauprojekts und dem Namen Promenades Cathédrale nichts darauf hin, dass sich die Besucher unter einem Gotteshaus befinden.

Wer aber die Rolltreppen aus den Promenades nach oben nimmt, wird von der an ein Sakralgebäude erinnernden Architektur des Übergangs zum KPMG-Turm überrascht. Heute sind durch die Underground City viele bedeutende Gebäude miteinander verbunden. Dazu gehören das Kongresszentrum, das Kulturzentrum, in dem Montreals Symphonieorchester, die Oper und das Ballet ihren Sitz haben, die Börse, der Hauptbahnhof, ein Sportstadion und das Queen Elizabeth Hotel, in dem 1969 John Lennon und Yoko Ono ihr berühmtes „Bed-in“ veranstalteten und der Antikriegs-Song „Give Peace a Chance“ entstand.

Underground City ist ein Zufluchtsort im Winter

Für die Montrealer ist die Underground City ein Verbindungsnetz. Im Winter ist sie ein Zufluchtsort. „Ältere Mitbürger schätzen es, dass sie auch in den Wintermonaten spazieren gehen können“, sagt Michelle, die an einem Info-Schalter arbeitet. Der Stadt ist es zudem gelungen, die Underground City als Touristenattraktion zu vermarkten und sie zum festen Bestandteil von Stadtführungen zu machen. Eng kann es allerdings in der Mittagszeit werden. Dann strömen Tausende aus Bürohochhäusern, Kaufhäusern und Apartmenthäusern in die „Food Courts“, so heißen die Ansammlungen von Schnell-Restaurants.

Der erst im vergangenen November eröffnete neue Gastronomiebereich „Time Out Market“ liegt zwar nicht in Underground, ist aber mit der Unterstadt verbunden. Auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern bieten 17 Restaurants Essen vom Feinsten an. Wer bis dahin in der Ville Souterraine Schick und Charme vermisst hat, kann sie hier finden. Und dann aus der Unterwelt in die Oberwelt zurückkehren, in den kalten Montrealer Winter.

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