Im Pokal verlor der VfB Stuttgart um Christian Gentner (Mitte) beim FSV Mainz 05. Am Sonntag kommt es zum Bundesligaduell in der Opel-Arena. Foto: Baumann

Der frühere Stuttgarter Cheftrainer bewertet das bevorstehende Duell seiner beiden Ex-Clubs. Sportlich sieht er den VfB und Mainz 05 auf Augenhöhe. Er weiß aber auch: Das allein ist nicht das Entscheidende.

Stuttgart - Jürgen Kramny ist schon eine Weile im Fußballgeschäft tätig. Erst war er Spieler, dann war er Nachwuchstrainer, zuletzt betreute er Profimannschaften. Und er weiß: Alles Rationale hat seine Grenzen. Also sagt er mit Blick auf die beiden Kontrahenten vom Samstag, den VfB Stuttgart und den FSV Mainz 05: „Normalerweise würde ich sagen: Beide bleiben in der Liga.“ Und setzt an den Satz ein „Aber“: „Ich habe selbst erlebt, wie es laufen kann, wenn man die Ergebnisse nicht hat.“

Das war vor fast zwei Jahren.

Kramny war seit Herbst 2015 Cheftrainer beim VfB Stuttgart, der Start in die Rückrunde war stark, der Club schien gerettet, das internationale Geschäft in Reichweite. Doch dann klappte plötzlich gar nichts mehr, die Talfahrt war nicht mehr zu stoppen, am vorletzten Spieltag verlor der VfB zu Hause gegen Mainz 05 mit 1:3, die Fans stürmten wütend den Rasen, eine Woche später war der Abstieg aus der Bundesliga auch rechnerisch besiegelt. Und Jürgen Kramny musste gehen.

Spieler und Trainer bei beiden Clubs

Den FSV Mainz 05 und den VfB verbindet also mindestens dieses für die Stuttgarter traumatische Erlebnis. Und irgendwie auch die Person Jürgen Kramny – aus ganz anderen Gründen. Der heute 46-Jährige stammt aus der Region Stuttgart, wurde beim VfB Fußballprofi und 1992 deutscher Meister. Seine prägendste Zeit als Berufsfußballer hatte er dann aber zwischen 1997 und 2005 beim FSV, wo er dessen Aufstieg in die Bundesliga mitgestaltete. Nach der Karriere wurde er erst Nachwuchscoach bei den Mainzern, dann Co-Trainer der Profimannschaft, ehe er 2010 zum VfB zurückkehrte. Kein Wunder also, dass er gespannt auf das Duell blickt, das am Samstag (15.30 Uhr) in der Opel-Arena ansteht.

Der VfB ist zu Gast beim FSV – und für beide Clubs steht viel auf dem Spiel. „Drei Punkte sind Pflicht“, forderte Rouven Schröder am vergangenen Wochenende. Da hatte sein Team gerade einen 2:0-Vorsprung bei Hannover 96 verspielt und 2:3 verloren. Der Mainzer Sportvorstand war sauer, Trainer Sandro Schwarz ging’s genauso, Schröder ergänzte: „Nächstes Wochenende wollen wir punktgleich mit dem VfB sein.“

Drei Punkte und zwei Plätze liegt der FSV (15.) derzeit hinter dem VfB (13.), die Stuttgarter reisen mit Neu-Stürmer Mario Gomez und einem Sieg im Gepäck nach Mainz, weshalb auch für Jürgen Kramny klar ist, welches Team den größeren Druck aushalten muss: „Für den FSV steht mehr auf dem Spiel, die Mannschaft steht extrem unter Druck.“ Sportlich befänden sich beide Teams dagegen „auf einem Level“, findet Jürgen Kramny. Das war nicht immer so.

Die Mainzer haben deutlich aufgeholt

Jahrzehntelang waren die Rollen klar verteilt. 1984 zum Beispiel wurde der VfB Meister – der FSV wurde Achter in der Amateur-Oberliga. 1992 stand der VfB wieder ganz oben in der Bundesliga – der FSV war Neunter der zweiten Liga. Und als der VfB 2007 seine bislang letzte deutsche Meisterschaft feierte, stiegen die Mainzer aus der Bundesliga ab. Doch in der Folge wendete sich das Blatt. Der FSV stieg wieder auf, und als der VfB im Frühjahr 2011 mit Mühe und Not den Abstieg vermied, stürmten die Mainzer als Fünfter in den Europapokal. 2016 musste der VfB dann runter in Liga zwei, der FSV feierte Rang sechs. Und hat den Stuttgartern trotz allem noch nicht den Rang abgelaufen. „Der VfB hat als Club nach wie vor eine viel größere Wucht als der FSV“, sagt Jürgen Kramny, „Stuttgart ist zudem ein ganz anderer Wirtschaftsstandort.“

Sein Heimatverein habe zudem die Ausgliederung der Profikicker hinbekommen, worüber in Mainz nach wie vor diskutiert wird. Es ist nicht die einzige Debatte beim selbst ernannten Karnevalsverein.

Kramny erwartet aggressiv spielende Mainzer

„Der FSV hat lange davon gelebt, ein familiärer Club zu sein. Man konnte dort immer ruhig arbeiten“, erinnert sich Kramny. Mehr und mehr seien die 05er zuletzt aber zu einem „normalen“ Bundesliga-Verein geworden. Auch weil prägende Figuren – wie Präsident Harald Strutz oder Manager Christian Heidel – nach vielen Jahren aus ihren Ämtern ausgeschieden sind. Der neue Präsident (Johannes Kaluza) ist nach internen Querelen bereits wieder zurückgetreten, dem Club steht am Sonntag erneut eine Wahl ins Haus. Was den Mainzern geblieben ist: ihr Mut, auf Trainer aus dem eigenen Stall zu setzen.

Sandro Schwarz löste im Sommer Martin Schmidt ab, Kramny kennt den 39-Jährigen und ahnt: „Mainz 05 wird am Samstag über die Aggressivität kommen.“ Mentalität spiele bei Schwarz eine große Rolle („Er wird die Mannschaft pushen“), sportlich stehe er für Pressing, Gegenpressing und Kombinationsfußball schon in der Abwehr. „Da kann für den VfB eine Chance auf schnelle Ballgewinne liegen“, sagt Kramny und ergänzt unter Berücksichtigung aller Faktoren: „Der VfB wird die besseren Karten haben.“

Aber eben keine Garantie auf drei Punkte.

VfB Stuttgart - Bundesliga

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