Die Schlümpfe haben allen Grund zu feiern: 60 Jahre lang sind sie schon erfolgreich Foto: Disney Channel

Am 23. Oktober 1958 tauchte erstmals ein ganzer kleiner Schlumpf im französsichen Comic-Magazin „Spirou“ auf. Vom Fleck weg wurden die blauen Kerlchen die Lieblinge der Leser. Einem war das zunächst gar nicht recht: ihrem Erfinder Peyo.

Stuttgart - Im Jahr 1958 blickt Europa nach Osten: Man fürchtet die rote Gefahr aus Moskau. Die blaue Gefahr aus dem Westen hat niemand auf dem Schirm. Zunächst ist sie nichts als ein kleines Händchen, versteckt auf einem Comicbild des neuesten Fortsetzungsabenteuers der Helden Johann und Pfiffikus im bei belgischen und französischen Kindernsehr beliebten Magazin „Spirou“. Erst zwei Monate später, am 23. Oktober 1958, ist der zugehörige kleine Gnom ganz zu sehen, ein blaues Kerlchen mit weißer Hose und Zipfelmütze. Ein Schlumpf: eine im Vorbeigehen erfundene Nebenfigur, für die ihr Schöpfer Peyo alias Pierre Culliford keine große Karriere in Sinn hat.

Fünf Jahre später aber wackelt bereits das abendländische Bildungsfundament unter der Hüpfattacke der Comic-Wichtel. Lehrer machen sich ernsthaft Sorgen um Spracherwerb, Persönlichkeitsentwicklung und Zukunftschancen ihrer Schützlinge. Die lieben Kleinen reden Nonsens, ihr Sprachschatz scheint zu verkümmern, sie ersetzen Worte wild und beliebig durch Schlumpf, schlumpfen und schlumpfig – so wie die Schlümpfe das tun, die neuen Helden der Kinderzimmer. Einige Lehrer schreiben sogar einen besorgten Brief an das Verlagshaus Dupuis, man möge diesen Unsinn bitte wieder einstellen.

Falzen, schneiden, klammern

Dabei arbeitet keiner so hart daran, die Wichtel klein zu halten, wie ihr Erfinder Peyo. Der ist ein eher bedächtiger Zeichner, kommt mit seiner Lieblingsserie „Johann und Pfiffikus“ nicht hinterher und hat noch viele andere Pläne. Die Schlümpfe sind ihm anfangs nur im Wege, die Forderung von Lesern und Verleger nach mehr von ihnen ist ihm hinderlich. In dem Mietshaus, in dem er wohnt, hat er ein winziges Dienstbotenzimmerchen auf halber Treppe zum Atelier erklärt, dort schiebt er im Dunst seiner Kettenqualmerei wechselnden Assistenten die Hauptarbeit an den Schlümpfen zu.

Dass die anfangs keine normalen Heftseiten in „Spirou“ bekommen, ist ihm gerade recht. Die Kinder müssen Druckbögen herausnehmen, falzen, schneiden und klammern, damit ein Miniheft mit Geschichten um die Minifiguren entsteht. Auch das aber kann die Liebe zu den putzigen Archetypen im Schlumpfdorf nicht dämpfen.

Widerwillig reich geworden

Hier wuselt, reale Entwicklungen vorwegnehmend, eine ewig infantile bis pubertäre Gesellschaft. Der über 500 Jahre alte Große Schlumpf scheint der einzige Erwachsene zu sein, Lebensanker und Spaßbremse zugleich. Als ein einzelnes weibliches Wesen auftaucht, Schlumpfine, wird auch in der Wichtelwelt klar, dass Männer mit der Existenz eines zweiten Geschlechts nicht wirklich gut klarkommen.

Selten musste jemand vom Schicksal so gegen seinen Willen in den Reichtum geschleift werden wie Peyo. Nur allmählich gibt der nach und organisiert ein Zeichenstudio für die Schlümpfe. Als er schon die Tage damit verbringt, über Merchandising- und Werbeeinsätze der Schlümpfe zu verhandeln, versucht er nachts noch, andere Comic-Projekte zu gestalten.

Weltmacht statt Modegag

Aber von Gummifigürchen in Cornflakes-Packungen über eine TV-Trickserie bis hin zu beschlumpfter Bettwäsche und Schulranzen: Hier flackert kein Modegag, hier tritt eine Weltmacht an. Die hat nicht immer nur Gutes bewirkt: Vader Abrahams hitparadenstürmendes „Lied der Schlümpfe“ von 1978 darf als einer der größten Stromausfälle der Popgeschichte gelten.

Aber wer 26 Jahre nach Peyos Tod die aktuellen, auf Deutsch beim Toonfish-Verlag erscheinenden Comicalben liest, oder Kinder vor den neueren, computeranimierten Schlümpfe-Filmen strahlen sieht, der erkennt: Ohne die Schtroumpfs, wie sie im Original heißen, wäre die Welt ein wenig ärmer. Gut, dass die Kerlchen damals über die Brummigkeit ihres Erfinders einfach hinweggestürmt sind.

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