Herzlich willkommen, Canis lupus! Foto: dpa

Naturschützer jubeln, Schäfer und Viehzüchter jammern, Jäger warnen und Wanderer sorgen sich: Der Wolf kehrt nach Deutschland zurück und fühlt sich hier pudelwohl.

Stuttgart - Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des bösen Wolfes. Müssen sich nun alle Mächte des Landes zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbünden, um es zur Strecke zu bringen und den Deutschen ihren Frieden wiederzugeben?

Der Rudelräuber ist zurück

„Wolf soll eine Ziege gerissen haben“. – „Lausitzer fordern Obergrenze für Wölfe.“ – „Aggressive Wölfe im Hohwald?“ – „Wölfe reißen acht Schafe.“ – „Ziege gerissen – ist der Wolf im Landkreis angekommen?“ „Wölfe töteten in Deutschland mehr als 3500 Nutztiere.“ Meldungen aus Tageszeitungen der vergangenen Wochen. Was Tier- und Naturschützer jubeln lässt, versetzt Eltern, Spaziergänger und Schäfer in Angst und Schrecken. Der Wolf, das zähnefletschende Raubtier aus Märchen und Kinofilmen ist zurück.

Fast 100 Jahre lang hatte man hier zu Lande Ruhe vor dem Rudelräuber. Am 27. Februar 1904 war das letzte frei lebende Exemplar in der Lausitz zur Strecke gebracht worden. Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Bis Ende der 1990er Jahre niemand mehr. Dann tauchte er dort wieder auf, wo der Letzte seiner Art den Tod fand – in der Lausitz. Seitdem pirscht sich Isegrim Stück für Stück von Osten Richtung Norden, Süden und Westen. Selbst im bislang wolfsfreien Baden-Württemberg ist jetzt ein totes Tier gefunden worden – nahe der Autobahn bei Lahr.

73 Wolfsrudel in Deutschland

Nach aktuellen Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) und der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf streifen derzeit 60 Wolfs-Rudel und 13 Paare durch Bayern (zwei Paare), Brandenburg (22 Rudel, drei Paare), Mecklenburg-Vorpommern (drei Rudel), Sachsen (14 Rudel, vier Paare), Sachsen-Anhalt (elf Rudel), und Niedersachsen (zehn Rudel, vier Paare, zwei Einzeltiere). In Thüringen ist ein Einzeltier bestätigt worden Stand 21. Dezember 2017).

Nach Aussage von Beate Jessel, der Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutzes (BfN) leben in Deutschland aktuell 150 bis 160 erwachsene Wölfe sowie 218 Wolfswelpen. Seit dem 1. Dezember 2017 wurden neun Wölfe aufgefunden, die bei Verkehrsunfällen getötet worden waren.

Ahuuu – willkommen Wolf!

Ein Rudel besteht aus zwei erwachsenen Wölfen und zwei bis zehn Jungwölfen. „Aus Naturschutzsicht ist es einer der größten Erfolge: In Deutschland leben wieder freilebende Wölfe.“ Wölfe seien sehr vorsichtig und würden Menschen meiden, heißt es beim Nabu. Die Naturschützer betreiben das bundesweite Projekt „Willkommen Wolf“, mit dem „Vorurteile, Sorgen und Ängste in der Bevölkerung“ abgebaut werden sollen.

Eine romantische Verklärung? Berichte von Wanderern, Spaziergänger und Passanten zeichnen ein anderes Bild. Da streift ein Wolf seelenruhig durch ein Wohngebiet. Eine Hundebesitzerin wird beim Gassi gehen von einem Rudel Wölfe „begleitet“. Ein Wolf treibt ein Schafherde vor sich her und reißt mehrere Tiere. Die Liste ließe sich fortführen.

Der Wolf, das scheue Tier, das nur in Frieden fern menschlicher Behausungen überleben will? Oder: Die Oma-, Rotkäppchen und sonstige Lebewesen verschlingende Bestie, die, wenn sie Blut gerochen hat, nichts und niemand aufhält? Was ist denn nun wahr?

Wölfe verhalten sich anders als der Mensch es erwartet

Fakt ist: Wölfe verhalten sich in Freiheit nicht so, wie es Menschen gerne hätten. Sie sind weder ungefährlich noch scheu. Seit das schlaue Tier gemerkt hat, dass ihm in Deutschland (wo es unter strengstem Artenschutz steht) niemand ans Fell will, verliert es seine Scheu und kommt den Menschen immer näher.

Angesichts der reichlich vorhandenen Rehe, Schafe, Wildschweine und dem Rotwild lebt er sich für den Beutegreifer wie im Schlaraffenland. Er muss nur die Schnauze ausstrecken und schon ist seine Tafel mit den köstlichsten Leckereien gedeckt.

Wirklich dumm, dass sich Wildtiere in freier Wildbahn nicht so verhalten wie im Zoo. Sollte es irgendwann zum ersten ernsten Aufeinandertreffen von Mensch und Wolf in Deutschland kommen und jemand verletzt werden oder ihm noch Schlimmeres widerfahren, dann ist es vorbei mit der Wolfsromantik und dem friedlichen Miteinander von Isegrim und Homo sapiens.

Der Wolf ist ein Jäger – und wird es immer bleiben

„ Canis lupus“ dafür Vorwürfe zu machen, wäre allerdings hirnrissig. Der Wolf ist ein Jäger und er verhält sich so. Es liegt in seiner Natur, so wie die Angst vor dem bösen Wolf in der des Menschen liegt. Bisher hat der Wolf im Kampf ums Überleben aber immer noch den Kürzeren gezogen.

Klar ist auch: Die Rückkehr des Wolfes hat gerade erst begonnen. Er macht sich überall breit, wo er genug Nahrung findet und auf wenig Widerstand trifft. Also potenziell überall in Deutschland. Die Population ist inzwischen so quicklebendig und vital, dass sie sich in den nächsten Jahren stark vermehren dürfte.

Wird der Wolf seinen Platz in Deutschland finden?

Die Sehnsucht nach Wildnis und Ur-Natur in allen Ehren. Aber wir leben nun mal in einem dicht besiedelten Land, so dass es zwangsläufig zu Konflikten zwischen Ortsansässigen (den Menschen) und Zuwanderern (den Wölfen) kommt. Die Tiere erst anzusiedeln und dann zu überlegen, wie man sie vor dem Menschen und den Menschen vor ihnen schützen kann, entbehrt jeder Logik.

Beate Jessel, zeigt sich dennoch optimistisch. Der Wolf werde seinen Platz in Deutschland wieder finden. „Konflikte offen diskutieren, lösen und dem Wolf seine Ruhe lassen – so könnte daraus eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes werden.“ Langfristig ganz sicher. Doch für ein gedeihliches Miteinander muss der Wolf erst einmal die Scheu vor dem Menschen neu lernen.

Kippt die Stimmung in der Bevölkerung?

Viehzüchter geraten langsam in Panik, Jäger sorgen sich um ihr Wild, das mit der neuerwachten Angst vor dem vierbeinigen Jäger plötzlich sein Verhalten ändert. Fohlen werden nachts von der Koppel geholt, Schafherden müssen geschützt werden. Kann man noch sorglos auf Waldwegen joggen und über Wiesen schlendern, ohne gleich Angst haben zu müssen, dass ein Wolfsrudel hinterm nächsten Baum oder Gebüsch lauert?

Der Brandenburger Bauernbund fordert deshalb Korrekturen an der erst im Dezember unterzeichneten Wolfsverordnung. Aus Sicht des Bundes ist der lange diskutierte Kompromiss wirkungslos und „komplett untauglich“. Weidetierhalter würden dem Wolf weiter wehrlos gegenüber stehen. Die zu Jahresanfang in Kraft getretene Brandenburgische Wolfsverordnung erlaubt als letztes Mittel den Abschuss, wenn andere Maßnahmen wie Verscheuchen oder Schutzzäune keinen Erfolg bringen. Die Brandenburger Verordnung ist die erste bundesweit.

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