Szene aus Alfonso Cuaróns mexikanischem Filmdrama „Roma“, der eine autobiografisch geprägte Geschichte erzählt. Foto: Netflix

Gerechter Preissegen, zufriedene Kritiker, begeisterte Zuschauer: tutto bene am Lido in Venedig, wo zum ersten Mal in der Geschichte des Filmfestivals eine Produktion des Streaming-Diensts Netflix zu den Siegern gehört.

Venedig - Am Samstagabend ist die 75. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica mit der Preisverleihung in der Sala Grande des 1937 errichteten Festivalpalasts zu Ende gegangen. Ein überaus starker Jahrgang war 2018, darüber herrschte bei Publikum und Kritikern Konsens, selbst über die Vergabe der verschiedenen Trophäen war man sich einig. Es war keine Verteilung im sonst üblichen Gießkannenprinzip. Jurypräsident Guillermo del Toro, der hier im vergangenen Jahr für „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ selbst den Hauptpreis geholt hatte, und sein Team, in dem der zweifach mit einem Oscar ausgezeichnete österreichische Schauspieler Christoph Waltz und seine amerikanische Kollegin Naomi Watts saßen, haben gut gewählt. Bei der Vielzahl der preiswürdigen Produktionen 2018 war das keine leichte Aufgabe.

Den Goldenen Löwen überreichte del Toro seinem mexikanischen Landsmann Alfonso Cuarón für dessen Netflix-Film „Roma“. Dass die Produktion eines Streaming-Portals im Wettbewerb eines großen Festivals läuft, sorgt nach wie vor für Diskussionen. Der Preis für „Roma“ wird den Streit fortsetzen. Warum einen Film auszeichnen, der später nur in wenigen Kinos und vor allem beim Streaming-Dienst zu sehen sein wird? Beim Festival in Cannes sorgte die Auseinandersetzung in diesem Jahr dafür, dass Netflix seine eingereichten Beiträge zurückzog, darunter auch Cuaróns jetzigen Löwen-Gewinner.

Makellos gestaltete Hommage

Der hat den Preis durchaus verdient. Makellos gestaltet ist diese Hommage, in welcher der Filmemacher sich liebevoll an die Frauen seiner Kindheit erinnert und die Geschichte des Massakers von Corpus Christi erzählt, bei dem 1971 viele Menschen im Rahmen von Studentenprotesten von einer paramilitärischen Gruppe getötet wurden. Die Schwarzweiß-Fotografie, das tolle Tondesign, die großartige Hauptdarstellerin: alles passt. Und so erinnert die Diskussion über die Preiswürdigkeit von Projekten, die von Streaming-Plattformen finanziert werden, an die Auseinandersetzungen, die einst einsetzten, als der Stumm- vom Tonfilm abgelöst wurde. Film lebt. Er muss sich verändern und den (digitalen) Zeiten anpassen.

Unruhe war zum Schluss der Filmschau aufgekommen, als auch am Lido die bereits in Cannes und Berlin heftig geführte Gleichstellungsdebatte wieder aufflammte. Lili Hinstin, neue Leiterin des Filmfestivals von Locarno, hatte sie im Gespräch mit dem „Hollywood Reporter“ neu entfacht. Auf die Frage, warum ihrer Meinung nach im Wettbewerb von Venedig nur ein Film einer Frau vertreten sei, antwortete sie: „Ich war einige Jahre in Italien tätig. Wenn man da kein Mann und nicht mindestens siebzig Jahre alt ist, hat man wenig Chancen auf irgendeinem Gebiet Verantwortung übernehmen zu dürfen. Ich glaube das ist ein kulturelles Problem.“

Jennifer Kent erzählt von Rache

Klare Worte, die zweifelfrei ihre Richtigkeit besitzen. Andererseits muss man Festivalchef Alberto Barbera für seinen Mut loben, ausgerechnet „The Nightingale“ von Jennifer Kent in den Wettbewerb aufzunehmen. Die Australierin, die mit dem Horror-Thriller „Der Babadook“ bekannt wurde, erzählt eine gnadenlose Rache-Geschichte, angesiedelt im Australien des 19. Jahrhunderts. Lieutenant Hawkins (Sam Claflin) ist nur einer der vielen machthungrigen, rassistischen britischen Kolonialherren, er demütigt, schlägt und vergewaltigt mehrfach die junge irische Heldin Clare (Aisling Franciosi), dann tötet er ihr Baby und ihren Mann. Das ist der Auftakt zu einem blutigen Rachefeldzug.

Begleitet wird die Heldin von dem australischen Ureinwohner Billy; Baykali Ganambarr spielt ihn so überzeugend, dass er dafür den Marcello-Mastroianni-Preis als vielversprechender Nachwuchsdarsteller erhielt. Die Pressevorführung wurde zum spannenden Beweis dafür, wie schwer sich das vermeintliche starke Geschlecht damit tut, wenn Frauen sich mit übergriffigen Männern auseinandersetzen. Als Billy den sadistischen Offizier mit einem Speer tötet, wurde spontan geklatscht. Primär weibliche Begeisterungsstürme für einen Mord? Das ist mehr als fragwürdig, selbst wenn er nur auf der Leinwand geschieht. Als ironische Trotzreaktion flammte dann männlicher Applaus auf, als Billy von einer Kugel verletzt wird.

Mit Übergriffen setzte sich auch Mary Harron in „Charlie Says“ in der HorizonteReihe auseinander. Sie nimmt die Jüngerinnen von Charles Manson in den Fokus und zeichnet, basierend auf Ed Sanders Buch „The Family“ und den Memoiren der Kriminologin Karlene Faith, nach, wie die Frauen sich vom charismatischen Sektenführer manipulieren ließen und so zu Mörderinnen wurden. Beides sind komplexe, spannende Werke, zu Recht wurde Kent der Spezialpreis der Jury zugesprochen.

Verbeugung vor den Coen-Brothers

„Werk ohne Autor“, der Film, mit dem Florian Henckel von Donnersmarck für Deutschland ins Oscar-Rennen geht, ging in Venedig leer aus. Trefflich war der Große Preis der Jury für Yorgos Lanthimos, der mit „The Favourite“ einen erlesen ausgestatteten, bildmächtigen Historienfilm realisiert hat. Olivia Colman als Königin Anne bekam den Coppa Volpi als beste Darstellerin, Willem Dafoe wurde für sein nuanciertes Spiel als Vincent van Gogh in Julian Schnabels „At Eternity’s Gate“ geehrt. Den Silbernen Löwen für die Regie durfte Jacques Audiard für seinen revisionistischen Western „The Sisters Brothers“ entgegennehmen, den Silbernen Löwen fürs Drehbuch Joel und Ethan Coen für die Spielfilmvariante ihrer Serie „The Ballad of Buster Scruggs“. Die Auszeichnung für die ebenfalls mit Netflix-Geldern entstandene Wild-West-Anthologie sollte man aber eher als Lohn fürs Lebenswerk lesen, haben die Brüder doch schon trefflichere Skripts abgeliefert. Warum jammern? Die Filmschau hat sich zu ihrem 75. Geburtstag mit einem überzeugenden Programm selbst das schönste Geschenk gemacht.

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